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Basquiat: Das Internet hätte ihm gefallen

Jean-Michel Basquiat war Pionier und Wunderkind, Maler und Wortakrobat. Er machte Internetkunst, als es noch gar kein Internet gab. Heute vor 30 Jahren starb der Künstler mit 27 Jahren an einer Überdosis.
Philipp Bürkler
Der Künstler und seine Werke: Jean-Michel Basquiat auf einer Aufnahme aus dem Jahr 1985. (Bild: Lizzy Himmel/Brooklyn Museum/AP)

Der Künstler und seine Werke: Jean-Michel Basquiat auf einer Aufnahme aus dem Jahr 1985. (Bild: Lizzy Himmel/Brooklyn Museum/AP)

1977, New York City ist hoch verschuldet und heruntergewirtschaftet. Die Kriminalitätsrate erreicht eine Rekordhöhe. Die Stadt ist ein gefährliches Pflaster. In jenem Sommer besprayt der erst 16-jährige Jean-Michel Basquiat die Züge der U-Bahnlinie D und Häuserfassaden in Soho. Auch dabei ist meistens sein Kumpel Al Diaz, den er an der Highschool kennen gelernt hat. Sie verbindet nicht nur ihre puertoricanischen Wurzeln, sondern auch ihre Leidenschaft für die Sprache. Während Al Diaz bis heute als Künstler in New York aktiv ist, sollte das Leben seines Freunds Basquiat bereits elf Jahre später auf tragische Weise enden.

Basquiat und Diaz sprayen anonym. Ihre geheimnisvollen Persiflagen zur amerikanischen Alltagskultur unterzeichnen sie mit SAMO©, was soviel wie «Same old Shit» bedeutet. Das Wort «Shit» wiederum steht für Marihuana und © für Copyright, das gleichzeitig auf den zunehmenden Konsumwahn der späten Siebzigerjahre anspielt. Die ­Samo-Graffiti sind damals an fast jeder Ecke in New York zu finden. Als das Strassenmagazin «Village Voice» 1978 die Identität der beiden enttarnt, kennzeichnet Jean-Michel Basquiat seine Graffitis, an manchen Tagen sollen es bis zu 30 gewesen sein, fortan mit seinem bürgerlichen Namen.

Vorreiter der Remixkultur des 21. Jahrhunderts

Basquiat war bereits als Jugendlicher viel mehr als «nur» Graffiti-Künstler. Er war Zeichner, ­Maler, Performer, Schauspieler, Dichter, Musiker und DJ. In erster Linie war er aber Wortakrobat und Sprachkünstler, in dessen Werken Sprache eine zentrale ­Bedeutung hat. «Er verlieh Wörtern Augen, Mund und Seele», sagte der 2016 verstorbene New Yorker Galerist Klaus Kertess einst über ihn. Basquiat setzte Wörter oder vollständige Sätze in einen neuen Kontext. Sein enzyklopädisches Quellenmaterial reichte von Literatur über Bebop-Jazz bis zur Film- und Fernseh­geschichte oder Textfragmenten auf Cornflakesverpackungen. Seine Themen waren Ausbeutung, Konsumwahn, Unterdrückung, Rassismus und Polizeigewalt.

«Alles was er tat, war ein Angriff auf den Rassismus, und dafür liebte ich ihn», schwärmt seine ehemalige Lebenspartnerin Suzanne Mallouk noch heute.

Vor allem aber war Basquiat ein Innovator, der es verstand, aus allen möglichen Materialien Kunst zu machen. «Ich brauche Quellenmaterial um mich herum, an dem ich mich abarbeiten kann», sagte er einmal in einem Interview. Alltagsgegenstände, scheinbar Banales, Beiläufiges und Unbeachtetes machen seine Kunst bis heute so faszinierend.

Mash-ups, Memes, Collagen oder Remixes? Basquiat probierte diese Kunstformen bereits vor mehr als drei Jahrzehnten aus. Der Autor Hans-Jürgen Seeman beschrieb Basquiats interdiszi­plinäre Arbeitsweise 1992 fol­gendermassen: «Wir sind auf dem Weg in eine Repro-Gesellschaft. Imitation, Reproduktion und Nachahmung werden zum ‹Markenzeichen› unserer Gesellschaft. Kopiert wird in Medien, Mode, Wissenschaft und Kunst. Heute kopiert sich der Mensch sogar selbst.»

Es war die Zeit, als Fotokopierer für die breite Masse erschwinglich wurden und die Cut-up-Technik von William S. Burroughs aus den Sechzigerjahren ein Revival erlebte. Bei der Cut-up-Technik werden willkürlich zwei Texte gegeneinander geschnitten. Basquiat kopierte nicht nur Burroughs’ Technik, sondern nahm explizit Bezug auf den Schriftsteller. Die Arbeiten «Bullet» und «1951» sind ein klarer Hinweis auf den 6. September 1951, als Burroughs im Drogenrausch die Apfelszene aus Wilhelm Tell nachspielen wollte und dabei seine Frau erschoss.

Armut und Genie als künstlerisches Konzept

Der Durchbruch als Künstler gelang Basquiat 1981 mit 20 Jahren. Einerseits durch seine Mitwirkung bei der Gruppenausstellung New York/New Wave im Moma PS1, wo er ein einziges Werk zeigte, andererseits durch seine Hauptrolle im Dokumentarfilm «Downtown 81», der die Undergroundszene in Manhattan thematisiert. Basquiat spielt sich im Film selber, als ein armer Künstler ohne festen Wohnsitz. Ein Image, das er auch dann noch strategisch weiter pflegte, als er international längst gefeiert wurde. Der Film ist bis heute ein Zeitdokument, nicht nur über Basquiat, sondern auch über die Downtown-Szene und das heruntergekommene New York, das heute nicht mehr wiederzuerkennen ist. Die Leinwände, die er für den Film bemalte, waren gleichzeitig seine ersten Gemälde.

Eines der Bilder kaufte damals Blondie-Sängerin Debby Harry für 100 Dollar.

Im Blondie-Video «Rapture» hat Basquiat einen kurzen Auftritt als DJ, da Grandmaster Flash, der ursprünglich für die Szene vorgesehen war, den Termin verschlief.

1982 durfte Basquiat als jüngster Künstler in der Documenta-Geschichte an der Documenta 7 in Kassel ausstellen. Es war die Zeit, als er dank des Schweizer Galeristen Bruno Bischofberger Andy Warhol kennen lernte. Bischofberger initiierte eine Kollaboration zwischen ­Basquiat, Warhol und dem italienischen Künstler Francesco Clemente. Bis 1985 entstanden rund 150 Gemeinschaftswerke der drei Künstler.

Nach dem dem Tod seines Freundes Warhol 1987 stürzte Basquiat in eine tiefe Krise. Am 12. August 1988 starb er in seinem Loft an der Great Jones Street in New York im Alter von 27 Jahren an einem Drogencocktail.

Zur Inspiration Ravels «Boléro»

Zeit seines Lebens versuchte Basquiat sich von seiner Stigmatisierung als erster international erfolgreicher schwarzer Künstler zu befreien und von weissen Kritikern, die seine Kunst, aufgrund seiner puertoricanischen Wurzeln, als «Nigger-Kunst» diffamierten. Zu Lebzeiten wurde Basquiat in den USA nie in einem Museum mit einer Einzelausstellung gewürdigt, nur in einer Kunstgalerie. 1982 zeigte die New Yorker Galeristin Annina Nosei Basquiats Werke.

Im zum Atelier umfunktionierten Keller der Nosei Gallery schuf Basquiat vor der Eröffnung die letzten Werke für diese Ausstellung und hörte währenddessen zur Inspiration Maurice Ravels «Boléro». Es verbreitete sich schnell das Gerücht, Annina Nosei, die ihm das Atelier überliess, hätte ihn zu Zwangsarbeit in das «Verlies» gesteckt. Darauf angesprochen, meinte Basquiat:

«Ach Gott. Wenn ich weiss wäre, hätten sie es ‹Artist in Residence› genannt.»

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