Das Kloster und das teure Blau

Vor 900 Jahren arbeiteten in Klöstern auch Frauen mit Ultramarinblau. Deutsche Forscher fanden die kostbare Farbe im Zahnstein einer Nonne, die im heutigen Nordrhein-Westfalen begraben wurde.

Roland Knauer
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Das strahlende Ultramarinblau schätzten Maler wie der Holländer Jan Vermeer im 17. Jahrhundert für ihre Bilder mit religiösen Motiven sehr. Davor soll bereits Albrecht Dürer das wertvolle Farbpigment am Anfang des 16. Jahrhunderts in Nürnberg mit Gold aufgewogen haben.

Auch heute ist dieser Farbstoff aus natürlichen Quellen sehr teuer: Er wird aus dem Schmuckstein Lapislazuli gewonnen, der bereits seit der Steinzeit in Minen im westlichen Hindukusch Afghanistans geschöpft und seit mindestens tausend Jahren in einem aufwendigen Verfahren zu Ultramarinblau verarbeitet wird.

Christina Warinner vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena und ihre Kollegen waren daher recht verblüfft, als sie diesen extrem wertvollen Farbstoff in den Zähnen einer Frau fanden, die vor rund 900 Jahren im Kloster Dalheim im ­Osten des heutigen Nordrhein-Westfalens begraben wurde. Christina Warinner erinnert sich:

«Eigentlich wollten wir mikroskopisch kleine Pflanzenreste untersuchen, die im Zahnstein eingelagert werden.»

«Dabei sind uns winzige blaue Farbteilchen aufgefallen.» Zunächst entwickelten die Forscher eine Methode, mit der sie den blauen Farbstoff aus dem Zahnstein isolierten. Mit Methoden wie Röntgenstrahlen-Spektroskopie im Raster-Elektronenmikroskop hätten sich in den Farbpigmenten aber weder Kupfer, Kobalt noch Eisen nachweisen lassen, so die Forscher in der Onlinezeitschrift «Science Advances».

Erstmals Ultramarinblau in Zähnen nachgewiesen

Diese drei Metalle bilden den Kernbestandteil der im Mittelalter normalerweise verwendeten blauen Farben. Die einzige Ausnahme bildet Ultramarinblau, das Anita Radini von der University of York in England und Monica Tromp vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena dann auch mithilfe der Mikro-Raman-Spektroskopie im Zahnstein der Frau nachwiesen.

Damit aber hatten die Forscher Neuland betreten: Nie zuvor war Ultramarinblau im Zahnstein oder in Zähnen eines Menschen nachgewiesen worden. Wie aber sollte ein extrem wertvoller Farbstoff, der damals nur in Afghanistan gewonnen und wahrscheinlich im Orient hergestellt wurde, in den Zahnstein einer wohl 45- bis 60-jährigen Frau gelangt sein, die in einem Kloster im Zentrum Deutschlands bestattet worden war?

Sehr wahrscheinlich von einer Nonne

Die Überreste der Frau waren mitten zwischen weiteren Skeletten in einem kleinen Friedhof ­unmittelbar neben den Grundmauern der Klosterkirche von Dalheim ausgegraben worden und dürften daher sehr wahrscheinlich von einer Nonne stammen. Gestorben war die Frau zwischen 997 und 1162, so stellten die Forscher mit der 14-Kohlenstoff-Methode fest. An ihrem Skelett fanden die Forscher keinerlei Spuren, die schwere körperliche Arbeit hinterlassen hätte, die damals sehr viele Menschen leisten mussten. Das passt zu besser gestellten Kreisen, aus denen in dieser Zeit normalerweise auch die Mönche und Nonnen der Klöster stammten, vermutet die auf Religion des Mittelalters spezialisierte Historikerin Alison Beach von der Ohio State University im US-amerikanischen Columbus.

Frauen aus der damaligen Oberschicht aber waren meist gut ausgebildet und konnten anders als viele ärmere Menschen lesen und schreiben. Ultramarinblau wiederum wurde im mittelalterlichen Mitteleuropa für Verzierungen von wertvollen Büchern verwendet, die sich oft mit Religion beschäftigten. Diese Werke wurden meist in Klöstern in mühe­voller Kleinarbeit abgeschrieben. Leider sind vom Kloster Dalheim und den dort lebenden 14 Nonnen keinerlei Bücher der Nachwelt erhalten geblieben.

Frauen küssten rituell religiöse Gemälde

Vier Möglichkeiten für den Ursprung des Ultramarinblaus in den Zähnen der Klosterfrau diskutieren die Forscher: So küssten Frauen rituell religiöse Gemälde und könnten so Farbpigmente in den Mund bekommen haben. Allerdings tauchen die ersten Spuren dieses Rituals erst rund drei Jahrhunderte nach dem Tod der Frau von Dalheim auf. Als unwahrscheinlich gilt auch die zweite Möglichkeit einer Einnahme von Lapislazuli als Arznei, für die es im 11. und 12. Jahrhundert Beispiele gibt, die aber aus islamisch geprägten Regionen stammen.

Ebenso könnte die Frau das Ultramarinblau hergestellt und dabei die Pigmente aufgenommen haben. Allerdings tauchen Hinweise auf die aufwendige Herstellung dieser Farbe in Mitteleuropa erst im 15. Jahrhundert auf. Daher liegt nahe, dass etwa italienische Händler die Farbe aus Alexandria bezogen und nach Dalheim lieferten. Erfahrene Schreiber hätten dann das Luxusprodukt zum Verzieren von Büchern verwendet. «Feuchteten sie den Pinsel mit dem Mund an, kann das aufgenommene Ultramarinblau im Zahnstein abgelagert worden sein», sagt Christina Warinner. Die Forscher haben so entdeckt, dass Frauen im 11. Jahrhundert Bücher abschrieben.