Demenz-Therapie
Das erste Alzheimer-Medikament: Was bedeutet die Zulassung für Schweizer Patienten?

50 Millionen Demenz-Patienten und deren Familien können sich Hoffnung machen: Schweizer Experten und Expertinnen halten den Wirkstoff Aducanumab für einen wichtigen Meilenstein bei der Bekämpfung von Alzheimer.

Bruno Knellwolf
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Der Wirkstoff Aducanumab baut die abgelagerten Eiweissstoffe Amyloid im Gehirn ab.

Der Wirkstoff Aducanumab baut die abgelagerten Eiweissstoffe Amyloid im Gehirn ab.

Bild: Getty

«Die Hoffnung, dass sich dadurch etwas substanziell verbessert für Menschen mit Demenz ist da», sagt Ansgar Felbecker, der Präsident des Vereins Swiss Memory Clinics. «Wir kennen das Präparat nun schon eine Weile aus den Studien, die auch in der Schweiz gelaufen sind»,

Die Direktorin von Alzheimer Schweiz, Stefanie Becker, wertet die Zulassung von Aducanumab als wichtigen Meilenstein für die weltweit 50 Millionen Demenzerkrankten und ihre Angehörigen. «Die amerikanische Zulassungsbehörde FDA zeigt mit dem Entscheid eine gewisse Flexibilität bei schweren Erkrankungen für die bisher noch keine Medikamente verfügbar sind», sagt Becker. Gleichzeitig behalte sich die FDA vor, die Zulassung zurückzuziehen, sollte die geforderte Phase-4-Studie zur Verifizierung der Wirkung keinen Erfolg zeigen.

Nicht alle Ergebnisse der Studien sind überzeugend

Gewisse Dinge seien noch nicht geklärt, bestätigt Felbecker von der Klinik für Neurologie am Kantonsspital St.Gallen. Die Datenlage sei zwar nicht schlecht dank der langdauernden Phase-3-Studien, aber die Ergebnisse seien auf den ersten Blick nicht alle überzeugend. Felbecker sagt:

«Uns Demenzärzte interessiert am meisten, wie es dem Patienten am Ende der Studie geht. Und dabei zeigt die zweite der beiden Studien keine Wirksamkeit, nur die erste.»

Den Wirkstoff Aducanumab haben Forscher der Universität Zürich mit der Firma Neurimmune in Schlieren, einem Spin-off der UZH entwickelt. Martin Meier-Pfister von Neurimmune sagt dazu: «In klinischen Studien hat Biogen gezeigt, dass Aducanumab das Amyloid im Gehirn dosis- und zeitabhängig reduziert. Amyloid wurde nach 18 Monaten Behandlung um 59 bis 71 Prozent reduziert.» Die FDA habe die beschleunigte Zulassung auf der Grundlage umfangreicher Daten aus mehreren klinischen Studien, in denen einen massive Amyloid Reduktion gezeigt wurde, erteilt. Dieser festgestellte Effekt auf die Pathologie zeige mit grosser Wahrscheinlichkeit die Verlangsamung des Krankheitsverlaufes an, sagt Meier-Pfister von Neurimmune. «Die Daten aus den beiden Phase-3-Studien zeigten auch, dass eine höhere Dosis von Aducanumab mit einer stärkeren Reduktion von Amyloid-Beta verbunden war.» Das verlangsame den Krankheitsverlauf zusätzlich.

Als Demenzarzt ist Fellbecker zwar froh, dass sich endlich etwas tut bei den Medikamenten, zuerst wird sich dieses aber im Alltag beweisen müssen.

«Mit der Zulassung ist zumindest der bald 20 Jahre dauernde <Bann> der Misserfolge in der Medikamentenforschung für Alzheimer gebrochen.»

Die Therapie mit Aducanumab ist für alle Stadien der Alzheimer-Demenz zugelassen. «Jedoch wurde seine Wirksamkeit in den Studien zunächst nur bei Personen in einem sehr frühen Krankheitsstadium untersucht», sagt Stefanie Becker. Das neue Medikament würde daher im besten Fall einen bereits eingetretenen Gedächtnisverlust stabilisieren.

Therapie soll längere Selbständigkeit ermöglichen

Bei Alzheimer sind etwa das Gedächtnis, die Sprache, aber auch das Planen sowie die zeitliche und räumliche Orientierung beeinträchtigt. «Aducanumab kann dazu beitragen, diese kognitiven Fähigkeiten länger zu erhalten. Die Therapie hilft Alzheimer-Erkrankten somit auch, ihren Alltag länger möglichst autonom zu gestalten», sagt Becker.

Bislang gibt es kein Medikament gegen das Fortschreiten des Gedächtnisverlustes.

Bislang gibt es kein Medikament gegen das Fortschreiten des Gedächtnisverlustes.

Er baut schützende Antikörper gegen den Eiweissstoff Amyloid auf, der sich im Gehirn ablagert. Diesen Therapie-Weg hält Felbecker für richtig. «Es ist völlig unbestritten, dass diese Amyloid-Ablagerungen, die vom Medikament aus dem Gehirn ausgewaschen werden, eine Rolle spielen bei der Demenzentstehung. Aber Amyloid ist nicht der einzige Faktor.» Es gibt auch Entzündungen, Zuckerstoffwechsel, der Einfluss des Eiweisses Tau und weitere Prozesse, die auch eine Rolle spielen und von diesem Medikament nicht angegangen werden.

Immerhin ein Demenz-Faktor wird bekämpft

Die Entstehung von Alzheimer ist komplex, ein Faktor daraus wird nun mit dem Biogen-Medikament effektiv bekämpft. Wie wichtig dieser Faktor bei dieser Krankheit aber ist, sei noch nicht geklärt. Denkbar ist in Zukunft auch, dass am Schluss ein Medikamenten-Cocktail Alzheimer-Patientinnen helfen könnte.

Vorerst warten die Demenz-Ärzte nun darauf, bis Swissmedic das Medikament auch in der Schweiz zulassen wird. Dieser Termin ist noch offen. In der Studienphase haben auch Schweizer Patienten das Alzheimer-Medikament erhalten und einige von ihnen konnten es auch in einer Verlängerung der Studie weiter erhalten.

Für Felbecker ist klar, dass Aducanumab das Präparat ist, das am weitesten entwickelt ist. Ähnliche Medikamente anderer Pharmafirmen sind zwar auch in klinischen Studien, bis zu einer Zulassung wird es aber noch zwei bis drei Jahre dauern.

Roche wird nächstes Jahr erste Studienresultate liefern

Die Basler Firma Roche forscht an Molekülen für unterschiedliche Stadien der Krankheit, welche an verschiedenen Stellen in den Krankheitsprozess eingreifen. «Als Medikamenten-Kandidat ist der anti-beta-Amyloid Antikörper Gantenerumab am weitesten fortgeschritten», sagt Barbara von Schnurbein. Zur Zeit wird Gantenerumab in zwei globalen Phase-3-Studien im Frühstadium der Alzheimer-Krankheit untersucht. Daten aus der Studie werden für das Jahr 2022 erwartet. Jeder Erfolg in der Alzheimerforschung sei positiv für Patientinnen und Patienten und ihre Familien, sagt von Schnurbein. «Angesichts der Komplexität der Alzheimer-Krankheit gehen wir davon aus, dass es mehrere Behandlungsmöglichkeiten braucht.»