Der Bierbauch ist ein Corona-Risiko

Das gefährliche an Covid-19 sind die Entzündungen, die im ganzen Körper entstehen. Das Fettgewebe spielt dabei eine entscheidende Rolle. Genauer: das Bauchfett.

Bruno Knellwolf und Sabine Kuster
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Mit dem Zelltransfer könnte die Alterung bei den Mäusen rückgängig gemacht werden.

Mit dem Zelltransfer könnte die Alterung bei den Mäusen rückgängig gemacht werden.

(Bild: Fotoalia)

Hinweis: Dieser Text wurde erstmals im Juni publiziert und jetzt mit den neusten Erkenntnissen aktualisiert.

Ein dicker Bauch ist gleich mehrfach ungünstig bei Corona. Übergewicht – insbesondere wenn das Fett sich im Bauchraum befindet, wie dies bei Männern oft der Fall ist – führt zu einer Abnahme des Lungenvolumens. Bei einer Covid-19-Erkrankung kommt es deshalb schneller zu bedrohlicher Atemnot. Weiter verursacht Übergewicht häufig Bluthochdruck, ein bekannter Faktor für schwere Verläufe bei Covid-19. Und Bauchfett kann auch eine chronische leichte Entzündung im Körper auslösen und damit die Reaktion der Immunzellen auf eine Corona-Infektion schwächen.

Mit dem Alter steigt das Risiko von Entzündung durch das Bauchfett noch. Dies zeigt eine im Juni veröffentlichte internationale Studie unter Leitung der Universität Bern. Ein Forscherteam um Alexander Eggel und Mario Noti stellte fest, dass bestimmte Immunzellen, sogenannte Eosinophile, die vorwiegend im Blut vorkommen, auch im Bauchfett von Menschen und Mäusen zu finden sind. Und diese Eosinophile sind Zellen des angeborenen Immunsystems, die Entzündungsprozesse regulieren und auch Parasiten abwehren.

Mit zunehmendem Alter sinkt der Anteil an eosinophilen Zellen im Fettgewebe. Dafür nimmt die Anzahl an entzündungsfördernden Makrophagen zu. Die Verschiebung dieser Immunzell-Balance hat zur Folge, dass Bauchfett im Alter sich entzünden kann.

Auf das Fett im Bauch kommt es an

Fett ist dabei nicht gleich Fett: In der Studie ging es nicht generell um Übergewicht. «Wir zeigten nur, dass es im Alter zu einer Umverteilung des Fetts kommt. Es sammelt sich im Bauchraum an und wird zum chronischen Entzündungsherd, wenn die Zahl der Eosinophile sinkt», sagt Eggel. Unabhängig davon, ob der Bauch dick oder dünn ist.

Dass Übergewicht aber allgemein einen Einfluss auf den Verlauf von Covid-19 hat, ist aus anderen Studien bekannt. Eine Studie des Pennington Biomedical Research Center in Louisiana (USA), die im Juli veröffentlicht wurde, zeigte, dass bei Übergewichtigen Personen das Hormon-Level von Leptin besonders hoch ist. Denn Leptin wird vor allen durch Fettzellen und in kleinerer Menge durch Lungengewebe produziert. Das Hormon reguliert nicht nur den Stoffwechsel und den Appetit sondern auch die Zellen, die Infektionen bekämpfen. Je mehr Leptin im Körper zirkuliert, desto gehemmter wird die Immunabwehr und desto wahrscheinlicher eine chronische Entzündung.

Alexander Eggel, Department for BioMedical Research (DBMR), Universität Bern, und Universitätsklinik für Rheumatologie, Immunologie und Allergologie, Inselspital Bern

Alexander Eggel, Department for BioMedical Research (DBMR), Universität Bern, und Universitätsklinik für Rheumatologie, Immunologie und Allergologie, Inselspital Bern

PD

Entzündungen führen zum Altersprozess

Die Berner Forscher gingen noch einen Schritt weiter. Sie untersuchten nicht nur, woher die Entzündungen kamen, sondern auch, ob sie rückgängig gemacht werden können - zumindest bei Mäusen. Vermutet wird schon lange, dass chronische Entzündungen wesentlich zum Alterungsprozess beitragen. "Wir haben bei jüngeren Tieren Eosionphile isoliert und diesen älteren Tieren gespritzt", sagt Alexander Eggel vom Departement für BioMedical Research der Universität Bern. "So konnten wir die Entzündungsstoffe abregulieren. Der Zelltransfer führte zu einem verjüngenden Effekt. Die älteren Tiere hatten danach viele bessere Muskelstärke, Ausdauer und zeigten eine verbesserte Impfantwort." Bei älteren Menschen ist oft ein Problem, dass sie auf Impfungen zu schwach reagieren. Mit diesem Transfer der Eosinophile konnten bei den älteren Tieren nicht nur die Entzündungen im Bauchfett, sondern im ganzen Körper unterdrückt werden.

Der Zell-Transfer hat somit eine verjüngende Wirkung auf den alternden Organismus. Eggel stellt jedoch klar:

«Es geht hier nicht um den Urtraum des Menschen nach ewigem Leben.»

Vielmehr gehe es darum, im Alter ein gesundes Leben zu ermöglichen, sagt Eggel. «Unsere Resultate zeigen deutlich auf, dass der Alterungsprozess und die damit verbundenen degenerativen Begleiterscheinungen plastischer sind als bisher angenommen», erklärt Noti. Die im Tiermodell beobachtete Verschiebung der Immunzell-Balance im Fettgewebe konnten die Berner Forscher auch beim Menschen bestätigen.

Zelltherapie eignet sich weniger für Menschen

Aus den Erkenntnissen der im Fachjournal «Nature Metabolism» veröffentlichten Studie soll dereinst eine Therapie entstehen. «Mit den Mäusen haben wir eine Zelltherapie gemacht, beim Menschen eignet sich das nicht sehr gut», sagt Eggel. Zuerst gehe es nun darum herauszufinden, welchen Wirkstoff die Eosionophile im Fett produzieren, damit es zu den verjüngenden Effekten kommt. Sobald man das genau wisse, könne man danach ein gezieltes Medikament aus diesem Wirkstoff herstellen.

Vermutet wird, dass sogenannte Typ2-Zytokine den anti-entzündlichen Effekt induzieren. «Wir gehen davon, dass mit einem solchen Wirkstoff die Effekte, die wir beim Tier gesehen haben, auch bei Menschen im Alter erreicht werden.» Die Universität Bern hat mit dieser über zehn Jahre dauernden Studie die Grundlagen geliefert, für ein zukünftiges Medikament bräuchte es nun das Interesse einer Pharmafirma, die daraus einen Wirkstoff herstellt und diesen im Rahmen von klinischen Studien beim Menschen prüft.

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