Medienskandal
Empathie statt Häme im Fall Britney Spears: Justin Timberlake entschuldigt sich, Talkshow-Star unter Beschuss

Britney Spears, Megan Markle, Monica Lewinsky: Das öffentliche Beschämen von Frauen als Huren und Abtrünnige ist ein altes Phänomen. Im Zuge der Dokumentation «Framing Britney Spears» entflammt jedoch eine neue Debatte um den Umgang mit Stars.

Anna Miller
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Der Tiefe Fall inklusive jahrelanger Entmündigung der Sängerin Britney Spears hat eine Debatte ausgelöst.

Der Tiefe Fall inklusive jahrelanger Entmündigung der Sängerin Britney Spears hat eine Debatte ausgelöst.

Keystone

Die Geschichte wiederholt sich: Junge, schöne Frauen werden zu Stars hoch geschrieben, um sie danach im grellen Scheinwerferlicht fertig zu machen. Nachdem die New York Times vergangene Woche eine Dokumentation über den Aufstieg und Fall des Popstars Britney Spears veröffentlichte, ist eine Debatte entbrannt - darum, wie Stars medial fertig gemacht werden. Vor allem weibliche. Wie sie zuerst bejubelt und dann als Schlampen und Luder blossgestellt werden. Zur Aufheiterung des Publikums, das in den Kommentarspalten verbal weiter auf das Opfer einschlägt - mit ganz realen Folgen. Das passierte nicht nur Britney Spears, das passierte auch Lindsey Lohan, die in die Reha musste. Paris Hilton, die abtauchte. Megan Markle, die nach Medienschelte sogar das Land verliess.

Talk-Master Letterman bringt Lohan vor Publikum zum Weinen

Im Zuge dieser Debatte werden nun neue, vergangene Szenen ans Licht gezerrt, die vor ein paar Jahren noch abgenickt und für in Ordnung befunden wurden. Beispielsweise ein TV-Auftritt von Lindsey Lohan, gerade erst aus der Reha entlassen. Der berühmte Talk-Master David Letterman hackt 2013 unter dem Gelächter des Publikums minutenlang auf Lohans psychischer Verfassung herum - bis sie in Tränen ausbricht. Sie wiederholt mehrmals, dass die Fragen unter der Gürtellinie sind. Doch Letterman hört nicht auf.

Genau so wenig, wie eine ganze Industrie Britney Spears 2007 nicht in Ruhe liess, obwohl sie genau diesen Wunsch mehrmals unter Tränen äusserte. Die Dokumentation «Framing Britney Spears» hat auch die Frage ins Rollen gebracht, wie in unserer Gesellschaft mit der psychischen Gesundheit von Prominenten umgegangen wird. Dass Schwäche und Instabilität ins Lächerliche gezogen werden, statt die offenkundigen Probleme offen anzusprechen und zu thematisieren. Dass diese Menschen Hilfe brauchen statt Häme.

Timberlake entschuldigt sich: Ich war Teil eines misogynen Systems!

Da waren sie noch ein Traumpaar: Britney und Justin.

Da waren sie noch ein Traumpaar: Britney und Justin.

Getty

Justin Timberlake, der Expartner von Spears, hat sich im Zuge der Debatte nun zu Wort gemeldet. Er entschuldigt sich in den Sozialen Medien öffentlich bei Spears, dass er sie nicht aktiver in Schutz nahm. Und in einem Musikvideo den Eindruck erweckte, sie sei durch Betrug an ihm schuld and der Trennung. Timberlake schreibt: «Es tut mir sehr leid für die Zeit in meinem Leben, in der ich durch mein Verhalten das Problem verschlimmert habe, wo ich mich ohne nachzudenken äusserte und mich nicht dafür einsetzte, was richtig gewesen wäre.» Er habe profitiert von einem misogynen System.

Das neuste Opfer dieser Scham-Kultur, die Frauen demütigt und von ihrem Zusammenbruch profitiert, ist die erst 25-jährige Kasia Lenhardt, Ex-Topmodel-Kandidatin und Ex-Freundin des deutschen Fussballstars Jérôme Boateng. Sie hat sich vor ein paar Tagen, nachdem sie online und durch Boulevard-Zeitungen dauergemobbt wurde, das Leben genommen. Boateng und Lenhardt hatten sich im Februar getrennt.

Der 32-jährige Fussballstar gab der «Bild-Zeitung» ein Interview, in dem er schwere Vorwürfe gegen seine Ex-Freundin erhob. Sie habe die Beziehung zur Mutter seiner Kinder zerstört, ihn unter Druck gesetzt, ein Alkoholproblem. Infolge des Interviews wurde Lenhardt durch den Dreck gezogen, online über Tage und Wochen gemobbt, als Täterin hingestellt, gedemütigt. Der mutmassliche Suizid Lenhardts hat nun in Deutschland eine Diskussion über Cybermobbing und das Vorgehen der Boulevardpresse ausgelöst. Eine prominente Schweizer Person, die hierzulande eine ähnliche Debatte ausgelöst hat, ist die ehemalige Politikerin Jolanda Spiess-Heggelin.

Das Demütigen von Frauen als Hure und als Täterin, als eine, die provoziert, die zerstört, als Schuldige, findet seit der Antike immer wieder statt. In der neuen Welt gilt Monica Lewinsky, die Praktikantin unter dem ehemaligen amerikanischen Präsidenten Bill Clinton, als «patient zero», als Präzedenzfall.

Monica Lewinsky: Als junge Praktikantin fast zu Tode beschämt.

TED

In einem TED-Talk von 2015 sagte sie, ihre Mutter habe eine Zeit lang jede Nacht an ihrem Bett gewacht und sie nur mit offener Badezimmertür duschen lassen. «Meine Eltern hatten Angst, dass ich zu Tode gedemütigt werden würde», sagt Lewinsky. «Öffentliche Demütigung ist eine Ware, Scham eine Industrie. Was ist die Währung? Klicks.» Das öffentliche Beschämen junger Frauen ist immer noch ein Garant dafür, Geld zu verdienen. Lewinsky leidet nach eigenen Angaben unter einer posttraumatischen Belastungsstörung. Kasia Lenhardt verfasste ihren letzten Instagram-Post am 3. Februar. «Hier muss man eine Linie ziehen. Genug.»