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Der Höhenflug des Snowboards ist vorbei

Um die Jahrtausendwende musste man Snowboarden, um cool zu sein. Das ist Schnee von gestern. Die Verkäufe der Schneebretter sind in den vergangenen Jahren stark eingebrochen.
Pascal Ritter
Vor rund 30 Jahren galten «Schneesurfer» noch als absolute Exoten. Doch bereits Mitte der Neunzigerjahre (wie hier im Bild in Davos) war das Snowboard weit verbreitet. Inzwischen hat der Hype um das Sportgerät stark nachgelassen. (Bild: Andy Mettler/Reuters (25. November 1995))

Vor rund 30 Jahren galten «Schneesurfer» noch als absolute Exoten. Doch bereits Mitte der Neunzigerjahre (wie hier im Bild in Davos) war das Snowboard weit verbreitet. Inzwischen hat der Hype um das Sportgerät stark nachgelassen. (Bild: Andy Mettler/Reuters (25. November 1995))

Die Schlange an der Talstation im kleinen Walliser Skigebiet Bellwald zieht sich in die Länge und reicht bis zum Billettschalter. Der Schnee knirscht unter den Ski, es riecht nach Sonnencrème. Unauffällig schiebt sich die siebenjährige Tess an den Leuten vorbei nach vorne. Sie trägt eine rosa Jacke, eine rosa Hose und steht auf einem Sportgerät, das zu verschwinden droht.

Tess lernt diesen Winter das Snowboardfahren. Sie gehört dabei zu einer Minderheit. Nur noch fünf Prozent der Schneesportschüler hierzulande lernen Snowboardfahren. So schätzt der ehemalige Präsident von Swiss Snowsports, Karl Eggen, die Lage ein. Der Sport steckt in der Krise. Es ist die harte Landung nach einem spektakulären Höhenflug. Zum ersten Mal vom Snowboard hörte ein breiteres Publikum in der Schweiz im Dezember 1979. Die «Schweizer Illustrierte» erklärte ihren Lesern, «der (!) Snowboard» sei eigentlich «ein Surfbrett auf Schnee». Lange Zeit blieben Snowboards etwas für Exoten.

In Nagano erstmals olympische Disziplin

Die Bergbahnen gingen auf Distanz zum aus den USA importierten Sport. In den Achtzigerjahren kam es nicht selten vor, das Snowboarden in einzelnen Skigebieten verboten wurde. Zu gefährlich seien die Bretter, die offenbar immer wieder ohne ihren Fahrer den Berg hinuntergerast waren. Erst als die Snowboarder ihr Fahrgerät mit einem Bändel sicherten, durften sie wieder auf die Piste.

Im Verlauf der Neunzigerjahre setzte das Snowboard zum Höhenflug an. Verkauften die Sportläden im Winter 1991/92 noch 18'000 Snowboards, waren es zehn Jahre später schon 110'000. Einer, den es früh packte, war Gian Simmen. Der heute 41-Jährige wuchs in Lenzerheide und Davos auf und stand im zarten Alter von drei Jahren zum ersten Mal auf den Ski. Mit den damals noch sehr langen Latten wurde er aber nicht warm und zog es vor, Eishockey zu spielen. Als er aus der Schweizer «Tagesschau» vom Snowboarden erfuhr, wusste er im Alter von elf Jahren: «Das will ich machen.» Er ahnte nicht, dass er es zusammen mit dem neuen Sport zu Weltruhm bringen würde.

Bei den Olympischen Spielen in Nagano im Winter 1998 war Snowboarden zum ersten Mal eine offizielle Disziplin, und Aussenseiter Gian Simmen aus Davos gewann überraschend die Goldmedaille in der Halfpipe. Nach Simmens Sieg wusste jedes Kind, was Snowboarden ist. Auf dem Anmeldetalon zum Sportferienlager beim Wort Ski ein Häkchen zu setzen, war plötzlich uncool. Und in jeder Kleinstadt gab es nun einen Snowboardladen. Schweizer Snowboarder gründeten mit «Zimtstern» sogar eine eigene Bekleidungsmarke.

Diese Zeiten sind nun vorbei. Die Verkäufe von Snowboards sind seit dem Jahr 2000 drastisch eingebrochen. Im letzten Winter gingen noch 17'400 Stück über den Ladentisch. Das sind weniger als 1990/91. Heute sieht man selbst im «Fun Park», dem von Snowboardern erfundenen Bereich mit Schanzen und Hindernissen, manchmal mehr Ski- als Snowboardfahrer. «Zimtstern» stellte letztes Jahr die Produktion ein, und die Snowboardläden sind entweder aus den Innenstädten verschwunden oder verkaufen jetzt vor allem Surf- oder Skateboards.

Für den Rückgang des Snowboardsports gibt es unterschiedliche Gründe. Zum einen hat das Interesse an den Pistensportarten generell abgenommen. Auch Ski verkaufen sich schlechter. Diesen Trend federn Vermietungen nur teilweise ab. Gleichzeitig hat die Ski-Industrie ihr Sortiment mittlerweile entstaubt.

Skifahren war plötzlich wieder angesagt

Kaum hatten Snowboarder die Sportläden gestürmt, tauchten immer mehr neue Produkte in den Regalen auf. Zuerst die kurzen Snowblades, dann taillierte Carvingski und schliesslich Freestyleski, mit denen man genauso durch die Halfpipe fahren kann wie die Snowboarder. Als hätte es noch einen Beweis für die neue Coolness des Skifahrens gebraucht, machte das Olympische Komitee im Jahr 2010 Skicross zur offiziellen Disziplin. Die Sportart, bei der vier Sportler gleichzeitig die Piste hinunterrasen, war einst eine Domäne der Snowboarder.

Die kleine Snowboarderin Tess hat schliesslich auf dem Sessel der Bergbahn in Bellwald Platz genommen. Ihrem Sitznachbarn verrät sie, dass sie auch schon Ski gefahren ist. Es gefalle ihr sogar besser als das Snowboarden.

Weg von der Piste

Das grosse Ding nach dem Snowboarden gibt es nicht. Es ist eher so, dass sich im Wintersport verschiedene Mikrotrends abzeichnen, welche die Leute weg von den Pisten locken. Etwa das Schneeschuhlaufen. «Auffallend ist, dass Sportarten wie Langlauf oder Skitourenfahren vermehrt jüngere Personen anziehen. Früher waren das eher Sportarten für die älteren Generationen», sagt Peter Bruggmann, der Präsident des Sportfachverbandes Asmas. Daraus seien sogar neue Wettkampfsportarten entstanden, wie etwa Skitourenrennen. Bruggmann erklärt diese Entwicklung mit der Laufbewegung, die in den letzten Jahren gewachsen sei. «Im Sommer laufen viele Leute, und sie wollen ihr Training auch im Winter nicht aufgeben.» Dazu komme, dass sich die Materialien verbessert hätten. Etwa die Fellski im Langlauf. «Wenn man früher ­einen schnellen Ski wollte, musste man die Ski aufwendig wachsen. Das war vielen zu blöd.» Die neuen Fellski seien im Gegensatz dazu sehr pflegeleicht. «Die Durchschnittssportler wollen einfach ihre Ski aus dem Keller nehmen und loslegen.» Auch Schneeschuhe sind moderner geworden. Die neuen Modelle lassen sich mit wenigen Handgriffen in kurze Ski umwandeln.

Im Zusammenhang mit der wachsenden Zahl von Skitourengängern oder Schneeschuhwanderern hat auch der Verkauf von Artikeln zugenommen, die zu der Standardausrüstung für den Lawinenschutz gehören. Denn immer mehr Schneesportler sind neben den regulären Pisten unterwegs. Die Verkaufszahlen von Schaufeln, Lawinensonden oder Rucksäcken mit integrierten Airbags seien deshalb gestiegen, so Bruggmann. Dies führe auch zu neuen technologischen Entwicklungen: «Ab nächster Saison werden wahrscheinlich Drohnen eingesetzt, die nach einer Lawine über die Unfallstelle fliegen und Personen orten können.» Entsprechende Modelle würden in den nächsten Wochen vorgestellt. Eine Entwicklung der letzten Jahre ist laut Bruggmann ausserdem, dass sich einzelne Skigebiete auf gewisse Sportarten spezialisieren. So bieten Destinationen etwa Snowtubing an. Dabei setzt man sich in einen grossen Reifen und saust eine Piste hinunter. Noch relativ selten ist in der Schweiz das Snowbike. Dieses soll Mountainbikefans auch im Winter in die Berge locken. Das Snow­bike hat einen Sattel und eine Lenkstange, statt zwei Räder aber zwei hintereinander angebrachte Ski. Für mehr Stabilität werden auch an die Füsse kurze Ski geschnallt, und wie auf einem Fahrrad fährt man die Piste hinunter. (rba)

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