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Bis er funktionierte vergingen Jahrzehnte - Eine Geschichte des Kugelschreibers

Das Patent für den Kugelschreiber, wie wir ihn heute kennen, ist 75 Jahr alt. Was das Schreiben einfacher machen sollte, war eine ziemliche Zangengeburt.
Christian Satorius

Dies ist ein Artikel der "Ostschweiz am Sonntag". Die ganze Ausgabe lesen Sie hier: www.tagblatt.ch/epaper

Vom Füllfederhalter bis zum Kuli - mehrere Tüftler waren am Werk. (Bild: Getty)

Vom Füllfederhalter bis zum Kuli - mehrere Tüftler waren am Werk. (Bild: Getty)

Der Name klingt nach Ungarn, und mit der Vermutung liegt man richtig: László József Bíró wurde am 29. September 1899 in Budapest geboren und starb am 24. November 1985 in Buenos Aires. Anfang des 20. Jahrhunderts trat der Sohn eines erfinderischen Zahnarztes in die Fussstapfen seines Vaters – zwar nicht als Mediziner, dieses Studium hatte er kurzerhand abgebrochen –, nein, als «Erfinder».

Zu Bírós Zeiten war das Schreiben keine wahre Freude, auch wenn der Philosoph Friedrich Nietzsche da ganz anderer Meinung war: «Wenn nun plötzlich all die ­kleinen Pausen wegfallen, zum Eintauchen der Feder, zum ­Nachfüllen des Halters und zum Ablöschen der Tinte, wann um Himmels willen soll man dann noch Ideen entwickeln?» Doch nur wenige empfanden so wie Nietzsche. Der gesamte Vorgang des Schreibens war relativ zeitaufwendig, die Feder kleckste, die Tinte verschmierte schnell, und zum Trocknen des Ganzen musste Löschsand, später auch Löschpapier, verwendet werden.

Stift mit kleinen Stahlkugeln

László József Bíró hatte da eine Idee, wie das Schreiben in der ­Zukunft aussehen könnte. Allerdings war er nicht der Einzige. Gleich eine ganze Reihe von Erfindern machte sich damals daran, das Schreiben zu revolutionieren. So gibt es eine Vielzahl von Patenten auf dem Weg zum modernen Kugelschreiber. Der Amerikaner John Loud etwa ­erhielt am 30. Oktober 1888 das Patent für einen Stift, der mit kleinen Stahlkugeln arbeitete, um damit auf Leder schreiben zu können.

«Kuli» nannte sich dann schon in den 1920er-Jahren der «Tintenkuli» des Deutschen ­Wilhelm Riepe, der allerdings nicht mit einer Kugel an der Spitze ausgerüstet war. Der Wortbestandteil «Kuli» in «Tinten­kuli» deutete somit auch nicht auf eine «Kugel» hin, sondern vielmehr auf den «dienstbaren Geist», den «Kuli» eben, der einem die Arbeit erleichtern oder besser noch ganz abnehmen soll. Kuli galt bei uns lange als Bezeichnung für Gepäckträger auf Bahnhöfen, zugleich hält sich der Begriff als Synonym für den Kugelschreiber.

Tinte spielte entscheidende Rolle

László József Bíró war es, der dafür als Erster ein praxis­taugliches Modell mit einer Kugel vorlegte, welche die Tinte in gewünschter Weise auf dem Papier verteilte. Was allerdings nicht nur dem Stift selbst zu verdanken war, sondern auch der verwendeten Tinte. Bíró erkannte nämlich, dass der Tinte eine entscheidende Rolle zukam und dass die traditionellen Tinten viel zu flüssig für seine Erfindung waren. In Anlehnung an die Druckfarbe, die im Zeitungsdruck Verwendung fand, entwickelte er eine ganz neue Art von Tinte, die auf einem Ölgemisch basierte und somit zähflüssiger und schnelltrocknender war als die herkömmlichen Tinten für Schreibgeräte.

1938 erhielt er in Ungarn das ­Patent für seinen neuen Kugelschreiber, auch wenn dieser noch lange nicht perfekt war. Am 31. Dezember 1938 flüchtete der Jude Bíró mit seiner Familie vor den Nazis nach Paris, später nach Argentinien, wo er die Rezeptur seiner Tinte und auch den Stift noch weiter ­verbessern konnte.

Dauerproblem: Zu viele Kleckser

Und so erhielt er am 10. Juni 1943 ein weiteres Patent für einen Kugelschreiber, der dem «Kugeli», den wir heute kennen, schon recht nahe kam. Dennoch bleibt der ganz grosse Durchbruch anderen vorbehalten. So erkannte der Brite Henry George Martin die Vorteile des neuen unkomplizierten Schreibers als einer der Ersten und ­verkaufte in einem einzigen Jahr ganze 30 000 Kugelschreiber an die britische Royal Air Force.

Nach dem Zweiten Weltkrieg machten sich gleich mehrere Unternehmer daran, Kugelschreiber in grösseren Stückzahlen zu produzieren und auf dem Markt anzubieten – allerdings nicht immer mit der Genehmigung des Patentinhabers.

Der Chicagoer Geschäftsmann Milton Reynolds war einer von ihnen. Er stiess gleich nach Kriegsende in Buenos Aires zufällig auf das neue Schreibgerät und brachte es schon am 29. Oktober 1945 als Reynolds Rocket auf den US-Markt. Es dauerte nur wenige Tage, da hatte er die ersten 100 000 US-Dollar verdient. Der Erfolg währte allerdings nicht lange, denn schon bald musste er etliche Schreiber aufgrund von Qualitätsproblemen zurückrufen. 1951 war Reynolds dann auch schon wieder pleite. Ein Problem gab es nämlich immer noch: Der Kugelschreiber kleckste zu viel.

Mit dem Plastik fing der Siegeszug an

Das Klecksen gewöhnte ihm erst der französische Baron Marcel Bich ab, der die Patentrechte an Bírós Erfindung erwarb. Unter dem Namen BIC brachte der Franzose 1950 seinen Kugelschreiber auf den Markt und läutete auch endgültig das Zeitalter des Kugelschreibers als Massenprodukt ein: In seiner Heimat Frankreich stellte der Baron grosse Mengen billiger Einweg-Kugelschreiber her. BIC wurde zum Synonym für Kugelschreiber.

Der Baron hatte aber noch eine weitere Idee, die dem Kugelschreiber schliesslich den endgültigen Durchbruch auf dem modernen Massenmarkt bringen sollte: die Verwendung von ­Plastik. Als Plastikeinwegkugelschreiber trat der Kuli 1950 seinen weltweiten Siegeszug an. In den 1960er- und 1970er-Jahren verdrängte er den Füllfederhalter fast vollständig vom Massenmarkt, und zwar weltweit.

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