Gastkommentar

Der Mensch muss Gott spielen – Warum wir der Technologie eine Chance geben sollten

Es geht längst nicht mehr darum, die Natur zu bewahren. Wir sollten ein stabiles System zusammen mit der Technik schaffen. Ein Essay.

Eduard Kaeser*
Drucken
Teilen
Ein Einsiedlerkrebs hat sich mit dem Zeitalter der Menschen arrangiert: Statt in einer Muschel wohnt er in einem Fussball. Bild: Paulo Oliveira/Alamy

Ein Einsiedlerkrebs hat sich mit dem Zeitalter der Menschen arrangiert: Statt in einer Muschel wohnt er in einem Fussball. Bild: Paulo Oliveira/Alamy

Geo- und Klimawissenschafter bezeichnen den gegenwärtigen Wandel unseres Planeten als die Epoche des Anthropozäns – als das Zeitalter des Menschen. Unsere Spezies ist im Begriff, die feste Oberfläche, die Ozeane und die Atmosphäre des Planeten mit einer Wucht umzugestalten, die bis jetzt allein geologischen Kräften möglich war. Die Wirkmacht, dank der sich der Anthropos in die Erde und ihre Atmosphäre irreversibel einzeichnet, ist die Technik, weshalb die Bezeichnung Technozän eigentlich angemessener wäre.

Unerhörtes geschieht. Wir betreten die Terra incognita der synthetischen Natur. Zum Beispiel setzte kürzlich ein Team um die Entomologin Ruth Mueller in Terni (Umbrien) unter strengen Laborbedingungen genmodifizierte Moskitos frei, die sich mit natürlichen paarten. Die modifizierten Insekten können nicht stechen und dadurch auch nicht den Malariaparasiten übertragen.

Auf diese Weise wollen die Forscherinnen und Forscher Wege untersuchen, auf denen man designte Chrakterzüge in eine Population einschleusen kann. Und nicht nur das. Die modifizierten Moskitos vererben ihre Eigenschaften auch nach modifizierten Mendel’schen Gesetzen. Sind wir im Begriff, gar die Naturgesetze zu designen?

Genau gesehen, befinden wir uns hier noch im Bereich der traditionellen Biotechnologie, die im Grunde gleich wie die Natur vorgeht. Jede biotechnische Intervention setzt bei bestehenden Organismen an und bastelt an ihrem Erbgut herum, fügt Gene hinzu oder entfernt sie. Sie manipuliert also Abstammungsprodukte der Evolution oder Koevolution (der domestizierten Lebewesen).

Die synthetische Biologie geht darüber hinaus. Sie beginnt mit Biobausteinen, synthetisierten DNA-­Sequenzen, die bekannte Eigenschaften besitzen. In der aktuellen Praxis implantiert man solche Sequenzen einem einzelligen Organismus, einem Bakterium. Die Idee dabei ist, einen neuen Organismus mit vorgefertigter DNA «von Grund auf» herzustellen.

Entsprechend prahlerisch tönen die Ansprüche der synthetischen Biologie. Craig Venter zum Beispiel möchte Millionen von Jahren der Evolution «kurzschliessen» und eine «zweite Genesis» einleiten.

Die Folgen und Gefahren sind nicht abzuschätzen

Vorderhand ist das Geklotze. Trotzdem, das Zukunftsszenario, das hier beschworen wird, raubt einem den Atem: Synthetische Biologie ermöglicht eine fundamental neue Art der biotischen Entwicklung, die sich tendenziell abkoppelt von der natürlichen Linie des über drei Milliarden langen Evolutionsprozesses. Der postdarwinsche Horizont einer neuen Natur öffnet sich. Und damit wächst die Besorgnis über eine Umweltintervention mit kaum abzusehenden Folgen und Gefahren.

Unser Unbehagen gegenüber der synthetischen Biologie beruht aber in der Regel nicht so sehr auf Unwissen und diffusen Ahnungen über Gefahren als vielmehr auf einer impliziten Werteordnung. Das bisherige Umweltdenken ist geprägt von einer Grundunterscheidung, die der Naturphilosophie von Aristoteles entstammt: der Differenz zwischen dem Natürlichen und dem Künstlichen.

Natürliche Dinge sind in ihrem Dasein und ihrer Entwicklung von innen her bestimmt. Eine Eichel wächst von selbst zu einer Eiche, und dieses «von selbst» ist der Antrieb der Entwicklung (ihre «Teleologie»). Ein Stück Holz wächst nicht von selbst zu einem Tisch heran. Sein Prinzip liegt ausserhalb, in den Absichten und Plänen des Schreiners. In diesem Sinn ist alles Natürliche unabhängig vom Menschen, alles Künstliche dagegen nicht.

Darauf beruht auch der Unterschied zwischen einer unberührten und einer vom Menschen «berührten» Natur. Tatsächlich verschwimmt der Unterschied zusehends. Einerseits gibt es immer weniger unberührte Gebiete auf der Erde; andererseits bauen wir in der digitalen Welt automatische Systeme, die nun selber eine gewisse Unabhängigkeit vom Menschen manifestieren, quasi aus eigenem Antrieb agieren. Es entsteht also ein Hybrid von Natürlichem und Künstlichem, dessen Fortgang und Auswirkung auf den Menschen wir uns noch kaum vorstellen können.

Umso mehr drängt sich ein Umweltethos auf, das sich nicht an einer unberührten Natur orientiert, sondern an einer immer schon vom Menschen «heimgesuchten».

Unsere Naturethik ist teilweise noch antik: Nur natürliche Natur ist wertvoll. Wenn nun aber Natur ohnehin immer Komponente eines hybriden Ökosystems aus Mensch, Technik und Umwelt ist, dann heisst die vor­dringlichste Devise nicht «Erhaltung», sondern «Gestaltung». Nicht im Sinne des biotechnischen Designs, sondern des «Kultivierens»: Natur als Kulturprojekt.

Uns Schweizern ist diese Idee alles andere als fremd. Ja, sie hat Tradition, die Alpen gelten schon lange als Kulturlandschaft. Landschaft aber ist immer ein Hybrid aus Mensch, Technik und Natur. Und der Mensch in diesem Hybrid ist heute der Homo urbanus. In diesem Sinn liesse sich das Kultivieren als «Verlandschaftung» auffassen, und dies gerade in urbanen Gebieten.

Ökosysteme müssen vor allem widerstandsfähig werden

Statt also Requiems auf eine natürliche Natur zu halten, erhielte der Umweltschutz im Technozän eine andere Stossrichtung, ausgerichtet auf die Balance – im Besonderen die Resilienz – von hybriden Ökosystemen. Der Mensch kann gar nicht anders leben als interventionistisch. Nun müsste freilich der Eingriff nicht, wie bisher häufig, unbewusst, unbedacht, ungeplant erfolgen, sondern bewusst, bedacht, geplant – ergo: verantwortet.

Konkret könnte dies bedeuten, auch Nutzzonen – industrialisierte, bewirtschaftete, verstädterte, degradierte Gebiete – vermehrt als Natur wahrzunehmen; ihnen eine Würde zu verleihen, die auf dem praktischen Gebot des Seinlassens beruht. Denn da, wo man eingreift, kann man das Eingreifen auch lassen. Solches Seinlassen ist reflexiv, quasi eine Intervention gegen die Intervention. Es bedeutet daher nicht einfach Verzicht, sondern ein Wollen, dass etwas so ist, wie es ist, und so gelassen wird: aktive Passivität.

Betrachten wir die Biodiversität. Wir sind heute in der Lage, diese Diversität nach unseren Vorstellungen zu ­gestalten. Mittels der Intervention der Gentechnologie und synthetischen Biologie. Wir wären aber auch in der Lage – dank kritischer Umsicht und Einsicht –, diese Gestaltung weiterhin der Natur zu überlassen – der «natura naturans», wie man die schaffende Natur früher nannte.

Zum Beispiel breiten sich Neozoen und Neophyten in den Städten aus. Wir können dieser «Invasion» durch Ausrotten oder Umsiedeln begegnen; wir können aber auch passiv interventionistisch erst einmal abwarten und beobachten, ob und wie sich eine neue urbane Ökologie einrichtet. Wir wissen viel zu wenig über solche Dynamiken. Wer sagt denn, welche Rolle eine Spezies in einer Ökologie spielt? Es gibt auch Fälle von «Eindringlingen», die sich als nützlich und systemstabilisierend erwiesen.

Evolution bedeutet heute Koevolution von Mensch, Technik und Natur. Das Technozän ist deshalb nicht nur das Zeitalter der Technik, sondern der klugen Eingliederung der Technik in eine umfassendere Lebensordnung. Sie würde die Alternative zwischen Herrscher und Mitbewohner des Planeten aufgeben: Also nicht nur Biodiversität, sondern Kultur- und Technodiversität in unseren Naturbeziehungen.

Tatsächlich sind wir immer Herrscher und Mitbewohner. Indem wir über potente Instrumente der Naturintervention verfügen, sind wir Herrscher; indem wir die Grenzen und ­unbeabsichtigten Folgen dieser Inst­rumente nicht genügend kennen, sind wir Mitbewohner, insofern immer noch der Wildnis des Nichtkontrollierten ausgesetzt.

Dieser Wildnis begegnen wir neuestens in der Nanotechnologie. Wir haben keine Ahnung, wie sie zu zähmen ist. Ohnehin wird sich im Technozän der Eingriff in die Natur noch deutlicher als das erweisen, was er immer war: ein Hasardspiel. Die Evolution ist Meisterin dieses Spiels – und sie lacht immer zuletzt.

* Der Autor ist Physiker und promovierter Philosoph. Er ist als Lehrer, freier Publizist und Jazzmusiker tätig.