Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Der neue Sand aus Plastikteilchen

Mikroplastik ist nicht nur um uns, sondern auch in uns. Jüngst fand eine Studie verschiedene Plastiksorten im Darm. Ist das gefährlich?
Katrin Schregenberger
Solche Plastikteilchen dringen nicht in den Körper. Aber Mikroplastik, nur so breit wie ein Haar, atmen wir ein und schlucken wir. (Bild: Getty)

Solche Plastikteilchen dringen nicht in den Körper. Aber Mikroplastik, nur so breit wie ein Haar, atmen wir ein und schlucken wir. (Bild: Getty)

Wenn du atmest, atmest du Mikroplastik ein. Wenn du ein Sandwich isst, kaust du auf Mikroplastik herum. Und wenn du ein Bier trinkst, fliesst Mikroplastik deine Kehle hinab. Das geht am menschlichen Körper nicht spurlos vorbei: Österreichische Forschende haben 2018 die Stuhlproben von acht Probanden aus verschiedenen Weltregionen untersucht und dabei neun verschiedene Sorten Plastik entdeckt. Die Wissenschafter erfassten Plastikpartikel zwischen 50 und 500 Mikrometer Durchmesser. Zum Vergleich: Ein menschliches Haar ist 40 bis 60 Mikrometer breit.

600 Tonnen Mikroplastik landen im Schweizer Boden

Das Plastik gerät über Kosmetik- und Pflegeprodukte sowie durch Reinigungsmittel, Textilien und Verpackungen in unsere Umwelt. Die Schweizerische Materialprüfungsanstalt Empa hat errechnet, dass rund 600 Tonnen Mikroplastik jährlich in oder auf den Böden der Schweiz enden. Und knapp 15 Tonnen gelangen in die Gewässer.

Nun schlagen Konsumentenschützer Alarm: Mikroplastik sei gefährlich, schreibt der Schweizer Konsumentenschutz auf seiner Webseite. Wissenschafter warnten vor gravierenden Gesundheitsschäden, steht da.

So klar liegen die Dinge jedoch nicht. Zwar gibt es einzelne Studien, die bedenkliche Effekte durch Mikroplastik fanden: Eine Studie von 2017 zum Beispiel testete an Mäusen die toxikologische Wirkung des Plastiks. Resultat: Das Plastik reicherte sich in Leber, Nieren und Darm an, und das ging mit «oxidativem Stress» einher, das heisst, der Körper reagierte mit einer Entzündungsreaktion auf diese Teilchen. Ein weiterer Versuch stellte krebserregende Effekte bei Experimenten im Labor fest.

Ist Plastik also giftig? «Jeder Stoff ist giftig», sagt Bernd Nowack, Umweltchemiker bei der Empa. «Wasser ist auch giftig, es kommt aber immer auf die Menge an.» Das sei das Wesen der Toxikologie: Sie gehe immer so weit, bis ein Effekt sichtbar sei. «Irgendwann haben wir immer einen Effekt: Dann haben wir in diesem Fall aber wahrscheinlich eine Plastiksuppe vor uns.» Die Konzentrationen, die in diesen Studien verwendet wurden, lägen tausendfach über den Konzentrationen, die gegenwärtig in unserer Umwelt zu finden seien. Zudem spiele die Grösse der Teilchen eine Rolle: «Wenn ein Plastikteilchen fünf Millimeter gross ist, dann merkt beispielsweise eine Alge nicht mal, dass das Teilchen da ist. Wenn das Mikroplastik aber so gross ist wie die Nahrung der Alge, kann es eher problematisch sein», erklärt er.

Nicht schlimmer als ein Sandkorn

Aber auch dann müsse kein Problem vorliegen: «Eigentlich ist Mikroplastik eine andere Art von Sand», sagt Nowack. Wenn der Wurm ein Plastikteil statt eines Sandkorns fresse, dann störe das kaum – ausser wenn er nur noch das esse und deshalb keine Nahrung mehr aufnehme. Das Polymer, also das Plastik, an sich sei sehr stabil.

Mikroplastik, das über unser Essen in unseren Darm gerät, ist deshalb vergleichbar mit anderen Mikropartikeln wie eben zum Beispiel Sand, der ebenfalls im Körper landet. Der Mensch verfügt gegen solche Partikel über eine angeborene Immunabwehr – ob diese auch bei Plastik aktiviert wird, ist noch unklar.

Klar ist aber: Die meisten Teilchen passieren die Darmbarriere nicht, gelangen also nicht in die Blutbahn. Sie werden wieder ausgeschieden. Zwar ist es für Mikroplastik ebenso wie andere Partikel nicht unmöglich, den Darm zu passieren. Die Teilchen müssen dafür aber sehr klein sein: Unter 20 Mikrometern könnten sie in die Organe gelangen. Und unter 0,1 Mikrometern, das wären 100 Nanometer, könnten die Partikel theoretisch auch ins Hirn vordringen. Wie viele dieser Kleinstteilchen aber überhaupt so weit kommen, wissen wir nicht.

Doch nicht nur vom Mikroplastik selber könnte ein Schaden für Tier und Mensch ausgehen, sondern auch von Zusatzstoffen im Plastik, zum Beispiel Weichmachern, deren Schädlichkeit belegt ist.

Ausserdem bindet Plastik Schadstoffe aus der Umwelt an sich und könnte sie in die Organismen tragen. Auch dies relativiert Bernd Nowack von der Empa: Eine Studie aus den Niederlanden habe ergeben, dass Mikroplastik im Meer kaum Effekte auf die Schadstoffanreicherung habe. Es gebe unzählige Partikel, die ebenfalls Oberflächen für Schadstoffe böten. Zudem könne Mikroplastik nicht nur Schadstoffe mitbringen, sondern auch mitnehmen und so zur Entgiftung der Umwelt führen, wie Studien gezeigt haben. «Es kann reinigen, wie das Kohletabletten machen im Magen: Die saugen alle Stoffe auf.»

In der Luft ist Plastik bedenklicher

Gelangen Plastikteilchen aber über die Luft in die Lunge, könnte es problematisch werden, gibt Nowack zu bedenken: «Die Lunge ist ein sehr kritisches Organ.» Plastik sei dann Teil des Feinstaubs. Ebenso wie Staub zu einer Staublunge führen könne, könnte Plastik sich dort anreichern. Ausserdem wäre zu klären, ob Plastik mit anderen Stoffen in der Luft reagiert.

Wenn es um Mikroplastik geht, enden die Studien und die Einschätzungen von Wissenschaftern immer mit dem gleichen Satz: «Wir wissen zu wenig.» So hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) jüngst mitgeteilt, dass es keine Hinweise auf Gesundheitsrisiken durch Mikroplastik im Trinkwasser gebe – vorläufig. «Es gibt viele verschiedene Kunststoffe, viele Zusatzstoffe, die darin enthalten sind, und verschiedene Umweltschadstoffe, die sich an der Oberfläche des Plastiks anreichern können», sagt Bettina Liebmann, Forscherin des Österreichischen Umweltbundesamtes, die an der Studie, die Mikroplastik in menschlichem Stuhl untersuchte, beteiligt war. «Was die Wirkung der Stoffe im Körper angeht, tappen wir noch im Dunkelgrauen.»

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch die Gebert-Rüf-Stiftung. www.higgs.ch

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.