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Der Sound der Maschinen: Firmen investieren Millionen in synthetische Töne

Vom elektronischen Piep bis zum künstlichen Motorengeräusch für E-Autos: Wir sind von künstlichen Geräuschen umgeben. So sehr, dass man bereits von Alarmmüdigkeit spricht und die wichtigsten Töne überhört werden.
Adrian Lobe
Mit Sounds aus dem Tonstudio können Firmen einen Wiedererkennungswert für ihre Marken schaffen und das Kaufverhalten der Kundschaft beeinflussen. (Bild: Tetiana Lazunova/Getty Images/iStockphoto)

Mit Sounds aus dem Tonstudio können Firmen einen Wiedererkennungswert für ihre Marken schaffen und das Kaufverhalten der Kundschaft beeinflussen. (Bild: Tetiana Lazunova/Getty Images/iStockphoto)

Die Tür klingelt, das Handy bimmelt, die Waschmaschine piept. An der Supermarktkasse fiept es bei jedem Artikel schrill wie bei einer eingehenden Whatsapp-Nachricht. Unser Alltag ist voller nerviger Piep-Geräusche. Und doch: Im Gegensatz zur visuellen Reizüberflutung bemerkt man die akustische schon gar nicht mehr.

Das elektronische Piepen ist älter als das digitale Zeitalter. Als die Sowjetunion 1957 den ersten Satelliten Sputnik ins Weltall schoss, sendete das Objekt Pieptöne an die Erde. Der elektronische Piep war geboren. Von da an trat er seinen Siegeszug an und ersetzte nach und nach Warnsignale wie Sirenen, Glocken oder Hupen.

Der Piep ist aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken, er ist das Metronom einer datengetriebenen, nervösen Gesellschaft.

Das Phänomen ist inzwischen sogar pathologisch: Mediziner sprechen von einer Alarm-Fatigue, einer Alarmmüdigkeit, die auftritt, wenn man zu vielen Alarmsignalen ausgesetzt ist. Die sensorische Überlastung hat in US-Krankenhäusern bereits zum Tod von Patienten geführt; das Personal war mit dem Gepiepe überfordert und überhörte den entscheidenden Alarm.

Die Waschmaschine tönt wie ein altes Handy

Mittlerweile fügen Hersteller ihren Geräten alternative Sounds nebst den monotonen Pieptönen hinzu. Die Waschmaschinen von LG spielen beispielsweise beim Start und der Menüauswahl kurze Melodien ab – wobei diese noch stark an die Nokia-Klingeltöne aus der Anfangszeit der Handys erinnern.

Töne stellen für Marken eine Möglichkeit dar, einen Wiedererkennungswert zu schaffen. Audio-Branding, wie Marketing-Strategen sagen, ist ein wichtiges Mittel zur Kundenbindung. Die Nokia-Klingeltöne der Jahrtausendwende hat noch jeder im Ohr. Auch Apple hat markante Töne kreiert: Wer ein iPhone besitzt, zuckt jedes Mal zusammen, wenn der standardmässig eingestellte Klingelton ertönt. Der Elektronikkonzern musste 2016 aber drei Millionen Dollar Schadensersatz zahlen, weil er mit dem Sound für eingehende Anrufe das Patent einer Firma verletzte, die den Konkurrenten Nokia und Sony gehört.

Auf dem Smartphone-Markt toben Dutzende Patentkriege: Tech-Konzerne wie Apple, Google, Microsoft und Samsung bezichtigen sich gegenseitig des Ideenklaus. Die Unternehmen sorgen daher vor und lassen ihre Sounds patentieren. Die Fanfare von 20th Century Fox steht ebenso unter Patentschutz wie der charakteristische Intel-Sound. Der berühmte Drei-Sekunden-Jingle wurde vom Wiener Komponisten Walter Werzowa in seinem Hollywood-Studio kreiert.

Harley-Davidson wollte sogar einmal den Klang seiner Zweizylinder patentieren, der in den Ohren der Ingenieure wie eine kartoffelkauende Person klingt – so stand es im Patentantrag.

Manchmal verbergen sich hinter Melodien auch prominente Musiker. Die Melodie für Windows 95 hat kein geringerer als Brian Eno komponiert. Der britische Musikproduzent wurde 1994 von der Firma Microsoft kontaktiert, die ihr neues Betriebssystem auf dem Markt pushen wollte. Die Aufgabe: Einen Minisound schreiben, der «inspirierend, universal, optimistisch, futuristisch, sentimental und emotional» sein soll – und nicht länger als 3,25 Sekunden. Ein so kurzes Musikstück hatte Eno noch nie zuvor komponiert. Am Ende wurden es 84 Stücke. «Ich wurde schliesslich so sensibel für Mikrosekunden, dass es meine eigene Arbeit blockierte», erzählte der Produzent einmal in einem Interview mit dem «San Francisco Chronicle».

Wenn Microsoft jedes Mal, wenn Windows 95 gestartet wurde, Tantiemen ausgeschüttet hätte, so wie das in der Musikindustrie üblich ist, wäre der Konzern vermutlich längst pleite – und Eno reicher als Gründer Bill Gates. Daher wird vermutet, dass Eno ein pauschales Honorar erhielt. Als Microsoft sein Betriebssystem Vista entwickelte, engagierte der Konzern den ehemaligen Gitarristen Robert Fripp, Gründungsmitglied der Rockgruppe King Crimson und langjähriger musikalischer Partner von Eno. Fripp produzierte sechs Stunden Audiomaterial, die auf ein Vier-Sekunden-Snippet eingedampft wurden.

EU-Verordnung fordert Lärm auf Strassen

Das tönt nach einem enormen Aufwand. Doch hohe Investitionen in Tonspuren können sich lohnen. Psychologen der Universität Leicester haben 1999 in einem Experiment herausgefunden, dass Supermarktkunden fünfmal so viel französischen Wein wie deutschen Wein kaufen, wenn im Hintergrund französische Musik läuft. Das menschliche Gehirn ist leicht manipulierbar. Der Neurowissenschafter Daniel J. Levitin schreibt in seinem Buch «This Is Your Brain on Music» (2006), dass Musik wie eine Droge auf das Gehirn wirke. Beim Musikhören wird das Hormon Oxytocin ausgeschüttet, das mit Vertrauen und Zuneigung einhergeht.

Auf der anderen Seite kann Geräuschlosigkeit sogar gefährlich sein, zum Beispiel im Strassenverkehr.

Elektroautos surren befremdlich leise über den Asphalt, sodass man ihr Herannahen erst aus wenigen Metern hört. In der EU muss in Elektroautos deshalb seit 1. Juli ein Generator für Warngeräusche eingebaut werden.

Bei Verbrennungsmotoren ist der Lärm sogar ein wichtiges Verkaufsargument – das Hämmern eines Dodge oder das Röhren eines Lamborghinis sind für Motorenfreaks entscheidend. Den Klang von Elektromotoren komponieren nun Sounddesigner in Tonstudios wie den nächsten Hit von David Guetta. Der synthetische Sound, der etwa für den Jaguar I-PACE, das erste Elektroauto des Sportwagenherstellers, entwickelt wurde, klingt aber arg künstlich – wie in einer Rennsimulation.

Darauf, dass es auf den Strassen leiser wird, sollte man nicht hoffen. Vermutlich wird sich das Gepiepe durch die zahlreichen Fahrassistenten eher noch verstärken.

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