Porträt

Der stille Reformator: Wie der oberste Schweizer Katholik heimlich die Kirche modernisiert

Felix Gmür ist der Bischof von Basel und der oberste Katholik im Land. Er versucht, die Kirche moderner zu machen wie kaum ein anderer vor ihm. Porträt eines Mächtigen, der oft machtlos ist.

Lucien Fluri
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«Gleichstellung ist für mich dringend»: Felix Gmür, Bischof von Basel.

«Gleichstellung ist für mich dringend»: Felix Gmür, Bischof von Basel.

Bild: Hanspeter Bärtschi

Leise, fast unbemerkt treibt einer grosse Veränderungen in der katholischen Kirche der Schweiz voran: Felix Gmür, Bischof von Basel. Er ist der mächtigste Katholik der Schweiz, Präsident der Bischofskonferenz, Chef des grössten Bistums, Herr über 850 000 Gläubige in zehn Kantonen. In den letzten Jahren hat er sich weiter zum Fenster hinausgelehnt als je ein Schweizer Bischof zuvor. Er hat Flüchtlinge aufgenommen, er will die Gleichstellung der Frauen, er äussert sich pointiert zur Klimafrage, hinterfragt den Zölibat.

Er denkt darüber nach, ob Frauen nach jetzigem Modell Priesterinnen werden müssten «oder ob man sich nicht grundsätzlich überlegen muss, ob die Weiheämter zukunftsweisend anders ausgestaltet werden könnten.» Sätze, von denen jeder eine kleine Revolution im starren Kirchengefüge sein könnte. Aber sie gehen oft unter. Gmür sagt:

«Die Öffentlichkeit interessiert sich nicht für die Religion, ausser es gibt Skandalpotenzial»

Mitgliederschwund, Männerbastion, Missbrauchsvorwürfe, auch in Basel: Das Leben eines Bischofs kann permanente Krisenkommunikation sein.

Besuch am Bischofssitz in Solothurn. Hier ist alte Macht zu Hause. Akkurat geschnittene Zierbäume stehen vor zwei Palästen, die sich einst Patrizier bauen liessen. Seit der Papst Armut lehrt, sind sie manchen peinlich. Gmür hat sich die Gebäude nicht ausgesucht, lange sind sie schon Bischofssitz. Hier wohnt und arbeitet der 54-Jährige, in einer WG mit anderen Würdenträgern. Gut gelaunt sitzt er am Tisch. Es ist weit vor Corona, die närrischen Tage sind vorbei. Gmür, ein leidenschaftlicher Fasnächtler, hatte sich in seiner Heimatstadt Luzern unter das Volk gemischt.

Felix Gmür besucht regelmässig die Kirchengemeinden der Schweiz – Hier ist er bei einer Feier zu Ehren des Heiligen Niklaus von Flüe.

Felix Gmür besucht regelmässig die Kirchengemeinden der Schweiz – Hier ist er bei einer Feier zu Ehren des Heiligen Niklaus von Flüe.

Bild: Keystone

Am Tisch im hohen Raum wird es ernst: «Die Kirche morgen ist eine andere als heute», sagt er.

«Wir sind in vielen theologischen Fragen noch nicht weit.»

Als Bischof will er ausloten, in welche Richtung es gehen muss. «Das Wichtigste ist eine lebendige Gemeinschaft.»

«Müssen Frauen Priesterinnen werden?» – eine Scheinfrage

Der bodenständige Unternehmersohn, in Luzern mit drei Brüdern aufgewachsen, hat eine Blitzkarriere hinter sich: Gmür war 45 und Sekretär der Bischofskonferenz, da wurde er 2011 Bischof von Basel. Zuvor: Studium der Philosophie, Theologie und Kunstgeschichte, zwei Doktortitel. Vertraute beschreiben ihn als Schnelldenker. Intellektuell rastlos und neugierig, von klassischer Musik bis Pop an allem interessiert. Genüssen wie gutem Essen oder einem Glas Wein nicht abgeneigt.

Er spielt Klavier, «aus Zeitgründen meist nachts», fährt Ski und lässt die Fasnacht kaum je aus. In Gesprächen könne Gmür schweigen, dann, mit einer gewissen Freude, plötzlich mit einem Argument auftrumpfen, an dem man nicht mehr vorbeikommt. Es heisst:

«Er kann das, weil er viele Texte fast auswendig kennt.»

Als «Mensch voller Lebensfreude und mit unabhängigem Geist», beschreibt ihn seine Schwägerin, die Luzerner Ständerätin Andrea Gmür.

Gmür ist zwar der mächtigste Mann in der katholischen Schweiz. Aber Macht zerrinnt in der katholischen Kirche wie Sand zwischen den Fingern. Ob ihm ist Rom, das notfalls auf die Finger klopft. Unter ihm sind die demokratisch organisierten Kirchgemeinden. Und so bleibt Gmür vor allem: Wort und Tat. Er sagt:

«Meine Macht besteht in erhöhter Aufmerksamkeit. Ich kann Debatten und Gedanken anstossen»,

Im besten Fall gelinge es so, «eine Haltungsänderung zu erwirken». Als die Flüchtlingskrise kam, nahm er am Bischofssitz Asylsuchende auf. Er sanierte alte Gemäuer und äusserte sich, aus Sorge um die Schöpfung, pointiert zur Klimafrage.

Und da ist die Frage der Frauen: Er hat im Bistum Frauen in Führungspositionen gebracht, er kann sich Frauen am Altar vorstellen. Er sagt:

«Gleichstellung ist für mich dringend»
Bischof Felix Gmür setzt sich für die Besserstellung von Frauen in der katholischen Kirche ein – dafür erhält er Lob von progressiver Seite.

Bischof Felix Gmür setzt sich für die Besserstellung von Frauen in der katholischen Kirche ein – dafür erhält er Lob von progressiver Seite.

Bild: Keystone

Als einziger Bischof überhaupt besuchte er 2019 in Rom einen Anlass, der ein Stimmrecht für Ordensfrauen an der Amazonassynode forderte. In einer Predigt schrieb er letztes Jahr Maria von Magdala (Maria von Bethanien) eine herausragende Rolle zu und begab sich theologisch «bis an die Grenzen seiner Möglichkeiten», wie es vom Bistum hiess. «Er würde weitergehen, wenn er könnte», ist Kurt von Arx, Präsident der Solothurner Kantonalkirche, überzeugt. «Wenn wir alle solche Bischöfe hätten, hätte die Kirche ein anderes Gesicht.»

Das System Gmür: Freiheit ist möglich, aber nur im Dilemma

Hat Gmür der Kirche ein anderes Gesicht gegeben? Oder dominiert in der Aussenwirkung nicht eher die alte Kirche, die sich vom Lebensalltag weit entfernt? «Es ist schwierig, Akzente zu setzen», sagt Mariano Delgado, Professor für Kirchengeschichte an der Universität Freiburg. Als Präsident der Bischofskonferenz habe Gmür kaum Macht. Jedes Bistum entscheidet letztlich selbst. Und so bestimmen zwei Pole die Wahrnehmung der katholischen Kirche in der Schweiz: das progressive Basel und die erzkonservative Alpenbastion Chur.

Gmür sei keiner, der spalten wolle, heisst es. In seinem Team schaut man, dass es nicht immer zum Duell Basel - Chur kommt. Gmür sagt selbst:

«Man muss Meinungsverschiedenheiten aushalten und darf sich nicht den Glauben absprechen lassen»

Doch es bleibt ein Graben zwischen denen, die nichts und denen, die viel verändern wollen. Die Freiheiten, die es im Bistum Basel gibt, sind nicht ohne Brisanz. Niklas Raggenbass etwa war Stadtpfarrer in Solothurn, bis er den Job 2017 wegen der Beziehung zu einer Frau aufgab. Er ist überzeugt: Hätte er die Beziehung beendet und sein Leben geändert, so «hätte ich vielleicht bleiben können».

Gmür «verrät dich nicht einfach».

Raggenbass spricht von einem Dilemma, das fast jeder Priester hierzulande kennt: Das Dilemma, dass die gelebte Realität oft «vom römisch-katholischen Recht her nicht erlaubt wäre». Ein Beispiel? Ein lesbisches Paar mit Glockengeläut zu trauen: Es soll im Bistum schon vorgekommen sein. «Man muss den Bischof nicht alles fragen. Man muss den Bischof aber vor allem dann nicht fragen, wenn man etwas machen will, was mutmasslich gegen die Regeln verstösst», hatte Gmür einmal gesagt.

Felix Gmür kennt dem Lebensalltag von Studenten, der meist nicht mit den Vorgaben der Kirche übereinstimmt. Hier feiert er 2011 des 165-jährige Bestehen des Schweizerischen Studentenverein in Sursee.

Felix Gmür kennt dem Lebensalltag von Studenten, der meist nicht mit den Vorgaben der Kirche übereinstimmt. Hier feiert er 2011 des 165-jährige Bestehen des Schweizerischen Studentenverein in Sursee.

Bild: Keystone

Im System Gmür sind Freiheiten möglich, weil der Chef auf heikle Fragen antwortet, man müsse «pastoral klug handeln». Damit ermöglicht er Freiräume und begibt sich nicht aufs Glatteis. Toleriert wird, was nicht öffentlich wird. Denn wenn sich Rom einschaltet, kann auch der Bischof nicht mehr helfen. Damit aber wirkt der Reformfreudige letztlich als Garant der bisherigen Ordnung. Und so hat sich trotz aller Versuche Gmürs in Bezug zur Frauenfrage in der Kirche insgesamt nichts verändert.

Darauf weist die Basler Theologin Monika Hungerbühler hin. Sie kannte Gmür schon Jahre vor seiner Zeit als Bischof. Sie erinnert sich an gute Diskussionen und humorvolle Begegnungen. Als Bischof sei Gmür aber auch «gefangen im Amt», sagt die Leiterin der Offenen Kirche Elisabethen, die viel beachtete Initiativen gegen strukturelle Ungerechtigkeiten in der katholischen Kirche mitinitiiert hat. Zwar tue Gmür viel. Dies bedeute aber nicht, dass sich, auch im Bistum Basel, am patriarchalen System der Katholischen Kirche etwas geändert habe.

«Er könnte weiteren Hoffnungen gerecht werden»

Als «Hoffnungsträger» sei Gmür 2011 gewählt worden, sagt Kirchenhistoriker Delgado. Er habe viele Erwartungen erfüllt und könne durchaus weiteren gerecht werden. Delgado wünscht sich, dass die Kirche mehr auf die Menschen zugehe, dass der Bischof ein stärkeres spirituelles Profil entwickle und in Fragen der Zeit

«Partei ergreift im Sinne des Evangeliums».

Zurück in Solothurn. Lacht Gmür, blitzt Schalk im jungenhaften Gesicht des 54-Jährigen auf. «Er überrascht gern», sagt einer. Wo der Bischof seine Messen hält, lässt er nicht immer in Pfarrblättern abdrucken. Er taucht jeweils kurz vorher auf – «Spät» war sein Verbindungsname, «und das ist Programm. Er raucht noch eine Zigarette und kommt dann knapp rein.»

Auch Bischof Felix Gmür trat während der Coronakrise kürzer.

Auch Bischof Felix Gmür trat während der Coronakrise kürzer.

Bild: Keystone

Die Coronazeit brachte auch im Bistum Ruhe. Gmür war kaum unterwegs, Gottesdienste gab es lange keine, Fitnesstempel durften dagegen früh wieder öffnen. Er sagt:

«Es zeigt sich, dass wir in einer sehr säkularen Zeit leben. Es wird nicht zuerst an die Kirche gedacht»

Macht ihm dies Angst? Die Frage stellt sich für den Gläubigen so nicht. Gmür sieht im Evangelium den Auftrag, sich auch in Zukunft dafür einzusetzen, dass «jeder und jede Würde erhält»: «Die Welt, in der wir sind, schliesst Menschen aus. Das Evangelium sagt uns: Niemand wird ausgeschlossen. Das ist doch eine super Botschaft.» Die Kirche müsse «immer wieder auf die Leute am Rand aufmerksam machen»:

«Die Gesellschaft darf nicht vergessen, wem es weniger gut geht, seien es Häftlinge oder Flüchtlinge.»

An diesem Sonntag, zu Pfingsten, wird Gmür dies selbst wieder tun. In der barocken Solothurner St.-Ursen-Kathedrale hält er seinen ersten Gottesdienst seit dem Lockdown. Mit weniger Gesang und mehr Abstand. «Ich freue mich trotzdem.»

Er ist überzeugt: «Die Kirche existiert nicht für sich selbst. Je besser es uns gelingt, heute in der Art zu leben, wie Jesus es damals tat, umso höher ist unsere Lebensqualität.» Darin, hofft er, liegt auch die Antwort auf die Frage, wer morgen oder übermorgen noch in die Kirche geht.

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