Literatur: «Der Wind weht, wo er will»

In der Adventszeit sind die Menschen – mehr als sonst – empfänglich dafür, dem Grund ihres Seins nachzuspüren. Der Schriftsteller Lorenz Marti sucht dabei nach einer tragfähigen «Spiritualität für freie Geister».

Benno Bühlmann
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Schriftsteller Lorenz Marti hilft auf die Sprünge bei der Suche nach lebendiger Spiritualität.

Schriftsteller Lorenz Marti hilft auf die Sprünge bei der Suche nach lebendiger Spiritualität. 

Bild: Benno Bühlmann (Bern, 15. November 2019)

Der Advent weckt also bei vielen die Sehnsucht nach einer Tiefendimension der Wirklichkeit. Andererseits wird der Hunger nach Spiritualität auch für kommerzielle Zwecke instrumentalisiert. Wie gehen Sie selbst mit diesem Spannungsfeld um?

Lorenz Marti: Ich könnte jetzt einstimmen in den Klageruf zum Rummel und Kommerz vor Weihnachten, der mir persönlich ziemlich auf die Nerven geht. Andererseits verstehe ich in dieser Jahreszeit auch das Bedürfnis nach Licht, Wärme und Verbundenheit. Zudem schätze ich es, am Weihnachtsfest mit Verwandten beim Kerzenlicht zusammenzusitzen – selbst wenn diese Treffen in säkularem Rahmen stattfinden. Kerzen sind ein Symbol und verweisen auf ein Geheimnis, für das es keine Worte mehr gibt.

Oft fühlen sich Menschen allerdings überfordert, auf der Suche nach einer zeitgemässen Spiritualität einen gangbaren Weg jenseits erstarrter Traditionen zu finden.

Das ist eine grosse Herausforderung. Und ganz ohne Tradition geht es meines Erachtens nicht. Entscheidend ist der freie Umgang mit ihr. «Tradition» bedeutet ursprünglich «etwas weitergeben». Menschen geben einander etwas weiter, von einer Generation zur nächsten. Allerdings können die Formen und Inhalte versteinern. Dann verliert eine Tradition ihren Schwung und führt bloss noch ein Schattendasein als Relikt aus vergangenen Zeiten. Traditionen bleiben nur lebendig, wenn sie immer wieder neu interpretiert und ins Leben übersetzt werden. Dieser Prozess ist nie abgeschlossen.

Die Adventszeit hat für viele auch eine Verbindung mit dem Begriff «Sehnsucht». Wie könnte diese Sehnsucht bei spirituellen Menschen fruchtbar gemacht werden?

Advent hat viel mit Sehnsucht zu tun – mit der Sehnsucht nach einem nie zu fassenden Mehr, nach einem Licht, das auch unser Inneres erleuchtet. Der Advent ist aber auch eine Zeit des Wartens. Das scheint mir bedeutungsvoll: Warten können, nicht immer alles gleich haben, erreichen, wissen, kontrollieren wollen. Es passiert mir oft, dass ich herumhetze und mir dann sage: Jetzt warte doch einen Augenblick! Steh mal still, schaue dich um – ein paar Atemzüge, und schon sieht alles etwas anders aus. Warten zu können, ist eine Tugend. Ich bin am Üben.

In Ihrem neuen Buch «Türen auf!» legen Sie dar, wie Sie sich eine «Spiritualität für freie Geister» vorstellen. Wie zeigt sich eine solche Art der Spiritualität konkret?

Ich verstehe darunter die Bereitschaft, eine tiefere Dimension, die wir selber letztlich nie definieren können, als Möglichkeit in Betracht zu ziehen. Es handelt sich um eine existenzielle Grundhaltung: Ich verstehe mich und mein Leben als Teil von etwas Grösserem. Der Begriff Spiritualität geht zurück auf das lateinische «spiritus», was nicht nur Geist bedeutet, sondern auch Atem und Lufthauch. Man spürt bereits den frischen Wind, welchen dieses Wort mit sich bringt. Spiritualität ist an kein bestimmtes Glaubenssystem gebunden. Der Wind kennt keine Grenzen, er weht, wann und wo er will.

Spielt es für Sie eine Rolle, ob Spiritualität mit oder ohne Religion praktiziert wird?

Meines Erachtens haben beide Wege ihre Berechtigung – deshalb will ich das gar nicht werten. Für mich selber kann die religiöse Tradition eine Hilfe sein und als Geländer dienen, aber ich muss mich nicht zwingend an diesem Geländer festhalten. Die Religionen haben je ihre eigene Sprache, Lehren und Geschichten für die Spiritualität. Sie inszenieren die Spiritualität mit ganz bestimmten Ritualen, und sie bieten auch Gemeinschaft an. Das kann durchaus hilfreich sein, aber auch als Einengung erlebt werden.

Viele Leute haben heute Mühe mit Glaubenssystemen, die sie als starr und «dogmatisch» erleben. Zugleich leben wir in einer mehrheitlich säkularisierten Gesellschaft, in der die Kirchen ihr Deutungsmonopol längst verloren haben. Wie können sich die Menschen in diesem Dschungel von weltanschaulichen Angeboten noch orientieren?

Man kann heute sehr unterschiedliche weltanschauliche Deutungen der Wirklichkeit miteinander vergleichen und prüfen: Ist ein Angebot hilfreich? Macht es mich freier? Befreiung und Emanzipation sind zentrale und entscheidende Themen einer lebendigen Spiritualität. Wer in keiner Tradition mehr zu Hause ist, steht vor der Aufgabe, eine Form der Spiritualität zu finden, die ebenso fördert wie fordert, Freiräume eröffnet und zugleich mit andern verbindet. Niemand muss dabei perfekt sein. Kleine Schritte sind schon viel. Eine Religion in humanistischer Gestalt kann zudem Mut machen, nach jedem Scheitern wieder aufzustehen und weiterzugehen – es noch einmal zu versuchen in Richtung Freiheit, in Richtung Solidarität.

Hinweis
Lorenz Marti: Türen auf! Spiritualität für freie Geister. Herder-Verlag, 192 Seiten, Fr. 26.90.