Der zauberhafte Schlafapfel

Wundersame Gartenfunde: Das Gebilde mit kraushaarigen Anhängen findet sich an Wildrosen. Dem Schlafapfel wurden seit der Antike und bis in die neuere Zeit zahlreiche medizinische Wirkungen nachgesagt, aber auch Zauberkräfte sollen von ihm ausgehen.

Siegfried Keller
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Dieses Gebilde wird Schlafapfel, Heilandsbart oder Rosenapfel genannt. (Bild: Siegfried Keller)

Dieses Gebilde wird Schlafapfel, Heilandsbart oder Rosenapfel genannt. (Bild: Siegfried Keller)

Wenn die Blätter gefallen sind, kommt so manches zum Vorschein, was vorher im Laub verborgen geblieben war. Das trifft auch für den Schlafapfel zu, ein golfball- bis tennisballgrosses Gebilde mit kraushaarigen Anhängen. Man findet diese scheinbaren Verkrüppelungen an Wildrosen. Man nennt sie deshalb oft auch Rosengallen oder Rosen- apfel – nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Apfelsorte–, in manchen Gegenden wird sie auch Heilandsbart genannt.

Dem Schlafapfel wurden seit der Antike und bis in die neuere Zeit zahlreiche medizinische Wirkungen nachgesagt, aber auch Zauberkräfte sollen von ihm ausgehen. So soll er, unter das Kopf- kissen gelegt, Kindern und Erwachsenen zu einem ruhigen Schlaf verhelfen – was ihm schliesslich auch zu seinem Namen verholfen hat.

Perfekte Bedingungen für die Rosengallwespe 

Doch wie kommt er zustande? Es beginnt damit, dass die fünf bis sechs Millimeter lange Rosengallwespe ihre Eier im Frühling in eine Rosenknospe legt. Bevorzugt wird dabei die Hundsrose, aber auch andere Wildrosen können befallen werden. Zuchtrosen dagegen bleiben weitgehend verschont. Die ausschlüpfenden Larven geben ein Sekret von sich, das die Knospe zu einem scheinbar unkontrollierten Wachstum veranlasst.

In Tat und Wahrheit bilden sich im Innern dieses Knäuels einzelne Kammern. Jede umschliesst eine Wespenlarve, die dort perfekte Ernährungs- und Wachstumsbedingungen vorfindet. Während die Larven im Innern heranwachsen, ändert die Galle nicht nur die Grösse, sondern nach und nach auch die Farbe. Anfänglich ist sie grün, wechselt dann über gelb zu rot, um dann schliesslich im Herbst zu einer braunen Filzkugel zu werden.

Männchen sind extrem selten

Im Innern der Kugel entwickeln sich einige bis maximal etwa zwei Dutzend Larven. Im Herbst sind sie ausgewachsen und überwintern in ihren Zellen (siehe Bild). Die inzwischen verholzte Galle schützt sie optimal vor äusseren Einflüssen. Im Frühling verpuppen sich die Larven. Die ausgewachsenen Rosengallwespen verlassen ihre Zellen erst dann, wenn die Knospen für die Eiablage im richtigen Stadium sind. Bei den ausschlüpfenden Wespen handelt es sich fast ausschliesslich um Weibchen, Männchen sind extrem selten.

Es hat dies allerdings nichts mit Emanzipation zu tun, sondern mit winzig kleinen Bakterien der Gattung Wolbachia, welche bei sehr vielen Insekten vorkommen. Diese Bakterien leben in den Zellen verschiedener Organe, wobei die Geschlechtsorgane von ihnen bevorzugt werden. Das kann unter anderem dazu führen, dass Männchen und Weibchen, die von unterschiedlichen Wolbachia-Arten infiziert sind, sich nicht fortpflanzen können oder dass die Entwicklung von männlichen Nachkommen verhindert wird. Letzteres ist bei der Rosengallwespe der Fall.

Wolbachia-Infektionen haben auf Insekten neben einigen negativen jedoch vorwiegend positive Auswirkungen wie erhöhte Fruchtbarkeit, bessere Nutzung der Nahrung oder erhöhte Widerstandsfähigkeit gegen Umwelteinflüsse. Zahlreiche Wissenschafter betrachten diese winzigen Bakterien deshalb als wichtige Kraft in der Evolution der Insekten.

Der Schrecken der Blattlaus

Blattläuse vermehren sich rasant. Ganz zur Freude der vielen räuberischen Insektenfresser. Besonders effizient verzehrt werden die Läuse von der Blattlauswespe.
Siegfried Keller