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DEUTSCHLAND: Münster – wie es wirklich ist

Witzige «Tatort»-Folgen und sonst? Wo liegt dieses Münster überhaupt? Wie lebt sichs dort? Wir schritten zur Tat und waren vor Ort. Fazit: Wir bereuen das überhaupt nicht.
Nicht die grösste und höchste, aber die bekannteste der vielen Kirchen Münsters ist St. Lamberti. Der Turm ist jenem des Freiburger Münsters nachempfunden. (Bild: Ralf Emmerich)

Nicht die grösste und höchste, aber die bekannteste der vielen Kirchen Münsters ist St. Lamberti. Der Turm ist jenem des Freiburger Münsters nachempfunden. (Bild: Ralf Emmerich)

Hans Graber

Was in Münster sofort auffällt: Alle Bäckereien heissen Tollkötter, und jeder Einheimische hat ein Velo. Ersteres ist übertrieben: Tollkötter hat zwar einige Filialen, es gibt aber auch Bäckereien mit Namen Klostermann, Hosselmann oder – sehr schön – Essmann. Die zweite These ist eine Untertreibung: Die meisten Münsteranerinnen und Münsteraner haben im Schnitt nicht ein Velo, sondern zwei.

300 000 Einwohner zählt die Stadt und sagenhafte 500 000 Velos, dort auch «Leeze» genannt. Münster ist die Fahrradstadt Deutschlands schlechthin. Aus mehreren Gründen: Die Gegend ist flach, man muss selten mehr als fünf Kilometer fahren, um überall hinzukommen, und das gesamte Centrum (nicht Zentrum!) ist autofrei. PKW müssen in einem weiten Bogen um die Innenstadt fahren, zur Freude der Taxichauffeure, während Velofahrer ausser in der Fussgängerzone immer den direktesten Weg wählen und ihr Vehikel auch überall parkieren können.

Eine weitere Ursache: Der ÖV in Münster mit seinen Bussen ist für Kurzaufenthalter etwas kompliziert. Zur Erkundung lohnt sich deshalb auch für Touristen das Velo. Leihmöglichkeiten gibts viele, auch in Hotels. Dann muss nur noch das Wetter mitmachen. Münster steht im Ruf, recht regenreich zu sein. Das stimmt aber nur bedingt: Es regnet pro Jahr vielleicht ein paar Tage mehr, aber mengenmässig ist es sogar leicht unterdurchschnittlich.

Münster? Wo ist das überhaupt? Zwar finden zunehmend mehr Schweizer den Weg dorthin, aber wer hier von Münster spricht, muss gleichwohl meistens erst mal erklären. Also: Münster liegt im nordwestlichen Teil Deutschlands, auf halbem Eisenbahnweg zwischen Köln und Hamburg. Die Zugfahrt ab Basel dauert sechs Stunden. Münster wird neu von einem Bündnis CDU/Grüne regiert, gehört zum Bundesland Nordrhein-Westfalen, die Grenze zu Holland mit der Stadt Enschede ist nur gut 50 Kilometer entfernt.

Volle Freiheit für die Schweiz

Apropos: Münster ist der Geburtsort der Niederlande, wurde doch dort und in Osnabrück 1648 neben dem Westfälischen Frieden (Ende des 30-jährigen Kriegs in Europa) auch der Frieden von Münster besiegelt (Ende des 80-jährigen Spanisch-Niederländischen Krieges). Eine Folge war die Unabhängigkeit der Niederlande. Weniger häufig erwähnt, aber ebenso von Bedeutung: Mit dem Frieden von Münster schied die Schweiz aus dem Heiligen Römischen Reich aus, ihr wurde noch nicht die Souveränität, aber die «volle Freiheit» gewährt.

Der Westfälische Friede war kein Kurzereignis a la G-20-Gipfel, die Verhandlungen zogen sich über Jahre hin. Es ist nicht zweifelsfrei zu sagen, was alles sich im Historischen Rathaus zu Münster zugetragen hat und ob genau da die entscheidenden Dokumente unterschrieben worden waren. Aber egal, das Historische Rathaus hat viel Symbolkraft für Frieden auf dem Verhandlungsweg, es gehört mit dem prunkvollen Friedenssaal zu den meistbesuchten Sehenswürdigkeiten der Stadt und trägt das Europäische Kulturerbe-Siegel. Münster und mit ihm das Rathaus lagen am Ende der unseligen Nazi-Zeit weitgehend in Schutt und Asche, die meisten markanten Bauten wurden aber möglichst originalgetreu wieder aufgebaut.

Kriminaltouristen

Neben jener der Niederlanden standen in Münster die Wiegen von TV-Moderator Günter Jauch, Schauspielerin Ute Lemper, der britischen Sängerin Tanita Tikaram und von Mechthild Grossmann. Genau, das ist die zigarettensüchtige Staatsanwältin Wilhelmine Klemm im «Tatort». Mit ihrer schrulligen Art und der rauchigen Stimme trägt sie zusammen mit Kommissar Thiel (Axel Prahl) und Rechtsmediziner Börne (Jan Josef Liefers) so einiges zum Witz der Münsteraner «Tatort»-Folgen bei.

Die Stadt hat dem «Tatort» denn auch so einiges an Gästen zu verdanken, wie auch der ebenfalls in Münster spielenden Krimiserie «Wilsberg» (ZDF). Obwohl im Fall des «Tatorts» fast mehr in den Studios in Köln als in Münster gedreht wird, ist man stolz auf seine Helden, und in der wärmeren Jahreszeit werden samstags Krimitouren durchgeführt. Bei unserem Besuch wars erst Vorfrühling. Ganzjährig möglich und zu empfehlen sind dafür die Stadttouren im roten Doppeldeckerbus, der einen in einer Stunde an den Sehenswürdigkeiten vorbeiführt. Man kann nach Belieben aber auch aussteigen und eine Stunde später wieder zusteigen.

Ihren Namen hat die Stadt von der Gründung eines Klosters (lat. monasterium) im 6. Jahrhundert. Das heutige Münster ist reich an Kirchen, aber keine wird Münster genannt. Und die Stadt verfügt über ein riesiges Fürstbischöfliches Barockschloss aus dem 18. Jahrhundert, das aber seinerzeit kaum als Residenz genutzt wurde und heute fast vollumfänglich als Universitätsgebäude dient. Nicht weniger als 60 000 Studierende hat Münster. Die wollen verteilt sein. Campus gibts keinen.

Schauerliches am Kirchturm

Von den Kirchen sind in erster Linie der St.-Paulus-Dom – mittwochs und samstags Markt auf dem Domplatz; Bäckerei Tollkötter ist vertreten – und St. Lamberti zu erwähnen. Letztere steht mitten im Zentrum. Hoch oben am Turm gibts Schauerliches zu sehen: Drei mannshohe Eisenkörbe, in denen 1536 die Leichname der zuvor auf grausame Art hingerichteten drei Anführer des reformistischen Täuferreiches zur Schau gestellt wurden. Die Täufer ihrerseits waren auch für barbarische Taten berüchtigt gewesen. Die Körbe sind die Originale (Kopien im Stadtmuseum), die nach dem Weltkrieg beim Wiederaufbau von St. Lamberti an ihren alten Platz hochgehievt wurden. Warum auch immer. Zu denken gibts auf jeden Fall.

In luftiger Höhe befindet sich eine weitere Besonderheit Münsters: Ein Türmer amtet da, angestellt von der Stadt. Bzw. seit 2014 eine Türmerin: Martje Saljé ist in der 633 Jahre alten Tradition die erste Frau, die es an diesen Arbeitsplatz in 75 Meter Höhe geschafft hat und dort ausser dienstags ab 21 Uhr bis Mitternacht jede halbe Stunde das Horn bläst.

St. Lamberti steht am Prinzipalmarkt, dem Herzstück Münsters mit seinen Arkaden, dank derer man stets trockenen Fusses flanieren und shoppen kann. Es wäre aber schade, nicht ein paar Schritte weiter zu gehen. Ein kurzer Abstecher an den nahen Aasee (Stausee der Aa mit hohem Freizeitwert) muss drinliegen, allenfalls auch ein Besuch des entfernteren Hafens. Münster liegt am Dortmund-Ems-Kanal. Als Warenumschlagplatz hat der Hafen Bedeutung verloren, aber hier soll ein urbaner Stadtteil entstehen.

Nicht fragen, nur essen

Dringend ans Herz gelegt ist allen Münster-Besuchern ein Besuch des Kuhviertels, mit bunten Läden, Kunsthandwerkern und vielen Kneipen, darunter die «Ziege», die kaum grösser ist als ein Kleiderschrank. Dass die Münsteraner ihrem durchaus guten Bier (Pinkus Müller) gerne auch Früchte beimengen, ähnlich einer Bowle, ist gewöhnungsbedürftig. Und bei der lokalen Spezialität namens Töttchen fragt man besser nicht, was drin ist. Es schmeckt ähnlich wie unsere Leberwurst. Uns hat es, wie die ganze Stadt, sehr gepasst. Und sonst kann man sich ja immer noch an den dazu servierten Bratkartoffeln gütlich tun. Oder einem Stück Brot. Möglicherweise von Tollkötter.

Tipps für den Aufenthalt in der «Tatort»-Stadt

Infos. Münster kann man ganzjährig besuchen. Die wärmere Jahreszeit ist idealer. Drei Tage und zwei Nächte sollte man im Minimum einplanen. Münster lässt sich gut mit anderen Zielen kombinieren, etwa Köln, Düsseldorf, Hamburg, dem Ruhrgebiet oder dem Münsterer Umland. Münster lässt sich in eine längere Velotour einbauen (Ems-Radweg oder Dortmund-Ems-Kanal-Radweg).

Hotels:Topadresse in Münster ist ein Schweizer Haus, das Hotel Mövenpick (4 Sterne). Es liegt etwas ausserhalb in Aasee-Nähe, ist aber mit Bus, Velo (Leihmöglichkeit im Hotel) oder zu Fuss gut angebunden. Bei Tripadvisor die Nummer 1 in Münster, verfügt es über 224 komfortable, geräumige Zimmer. Dazu gehören Fitnessräume mit Sauna, eine Bar und zwei Restaurants (die «Chesa Rösti» als Gourmetlokal). Das Zmorge lässt keine Wünsche offen. www.moevenpick.com

Innenstadt: H 4 Hotel City Center und Stadthotel Münster. Nördlich: Designhotel Factory (in ehemaliger, denkmalgeschützter Germania-Brauerei).

Restaurants:In der Innenstadt empfehlen wir zuallererst das Alte Gasthaus Leve und den «Kleinen Kiepenkerl». In diesen urigen Lokalen gibts westfälische Spezialitäten (Wurst!), aber auch die ganze Palette an uns bekannteren Gerichten. Für Kneipen besuche man das Kuhviertel.

Museen-Tipps: Stadtmuseum (Gratiseintritt), Museum für Lackkunst, Kunstmuseum Pablo Picasso.
Weitere Infos: www.tourismus.muenster.de

Münster sagt Ja zum Velo – und hier auch gleich zum Lebenspartner. (Bild: muensterview)

Münster sagt Ja zum Velo – und hier auch gleich zum Lebenspartner. (Bild: muensterview)

Münster ist voller Skulpturen. Hier die Giant Pool Balls am Aasee: Alle Versuche, sie ins Wasser zu rollen, sind bislang gescheitert. (Bild: Ralf Emmerich)

Münster ist voller Skulpturen. Hier die Giant Pool Balls am Aasee: Alle Versuche, sie ins Wasser zu rollen, sind bislang gescheitert. (Bild: Ralf Emmerich)

Herzstück Münsters ist der Prinzipalmarkt: Dank den Arkaden kann man stets trockenen Fusses shoppen – oder mit spitzen Absätzen dem Kopfsteinpflaster ausweichen. (Bild: www.air-klick.de)

Herzstück Münsters ist der Prinzipalmarkt: Dank den Arkaden kann man stets trockenen Fusses shoppen – oder mit spitzen Absätzen dem Kopfsteinpflaster ausweichen. (Bild: www.air-klick.de)

Typisch Westfalen: gutbürgerlich speisen im Alten Gasthaus Leve. (Bild: Ralf Emmerich)

Typisch Westfalen: gutbürgerlich speisen im Alten Gasthaus Leve. (Bild: Ralf Emmerich)

Türmerin Martje Salié. (Bild: pd)

Türmerin Martje Salié. (Bild: pd)

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