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Wie sich der Mensch an warme Temperaturen gewöhnte

Der Mensch hat sich im Laufe seiner Evolution an hohe Temperaturen anpassen können. Studien an Schimpansen lassen erahnen, wie er das geschafft haben könnte.
Kerstin Viering
Begehrter Platz zum Abkühlen: Schimpansen in der Fongoli-Savanne in Senegal. (Bild: Imago)

Begehrter Platz zum Abkühlen: Schimpansen in der Fongoli-Savanne in Senegal. (Bild: Imago)

Die Sonne brennt, kein Lüftchen weht. Unerträglich. Jede Bewegung ist irgendwie zu anstrengend, und das Hirn scheint auch nicht mehr so richtig zu funktionieren. Da legt man sich am besten erst einmal in den Schatten und verdöst die Mittagshitze in einer langen Siesta. Oder man stürzt sich in den nächsten Pool, dessen Wasser zumindest ein bisschen Abkühlung verspricht.

Beobachtet haben Erin Wessling, Hjalmar Kühl und ihre Kollegen diese Szenen nicht etwa bei Menschen, sondern bei Schimpansen.

Unsere nächsten Verwandten kennen offenbar etliche Strategien, um der Hitze ein Schnippchen zu schlagen.

Das ist für die Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig hochinteressant. Denn sie wollen herausfinden, wie der Mensch eine der grössten Herausforderungen seiner Evolution gemeistert hat: Den Übergang vom schattigen, feuchten Regenwald in die Hitze und Trockenheit der Savanne.

In diesem neuen Lebensraum waren auch neue Strategien gefragt. «Knochen und Werkzeuge, die von unseren frühen Vorfahren geblieben sind, verraten nur wenig über ihr Verhalten», erklärt Hjalmar Kühl. Deshalb suchen er und seine Kollegen nach entsprechenden Indizien bei der noch lebenden Verwandtschaft – den Schimpansen.

In der Trockenzeit wird es brutal

Denn auch sie haben sich in einigen Regionen in die heissen und trockenen Savannen vorgewagt, obwohl das Leben dort keineswegs ein entspanntes Sommervergnügen ist. Erin Wessling hat das am eigenen Leib erlebt. Die Forschungsstation Fongoli im Senegal liegt in einer Savannenlandschaft mit eher schütterem Baumbewuchs. «Vor allem in der Trockenzeit kann das Wetter dort brutal sein», sagt die Forscherin.

Monatelang fällt dann kein Regen und die Temperaturen klettern auf 45 Grad.

Wenn die Biologin dann unterwegs ist, um Schimpansen zu beobachten, braucht sie mindestens fünf Liter Wasser am Tag. Und sie muss aufpassen, keinen Hitzschlag zu bekommen. Denn die besten Schattenplätze in den Galeriewäldern entlang der Flüsse sind meist schon von Schimpansen besetzt. Wenn sie Pech hat, bleibt für die Forscherin dann manchmal nur die brennende Sonne.

Aufrechter Gang als Hitzeschutz?

Auf deren Gefahren hat sich die Menschheit im Laufe der Jahrmillionen allerdings eingestellt. «Als unsere Ahnen die Wälder verliessen, entwickelten sie eine ganze Reihe von anatomischen Anpassungen, um nicht zu überhitzen», erklärt Wessling. Sie legten sich zum Beispiel mehr Schweissdrüsen am ganzen Körper zu und verloren den grössten Teil ihrer Behaarung. Sogar den aufrechten Gang interpretieren manche Anthropologen als Beitrag zum Hitzeschutz, unter anderem, weil man so der senkrecht einstrahlenden Sonne weniger Angriffsfläche bietet.

Die Schimpansen von Fongoli können auf solche anatomische Tricks bisher nur in begrenztem Masse zurückgreifen.

So richten sie sich nur ab und zu auf zwei Beine auf und haben weniger Schweissdrüsen als Menschen.

Ob sie weniger Haare haben als ihre Artgenossen im Wald, hat bisher niemand systematisch untersucht. Ihr Fell sieht jedenfalls ein bisschen dünner aus. Viel auffälliger sind allerdings die speziellen Verhaltensweisen, mit denen die Fongoli-Schimpansen der grössten Hitze zu entgehen versuchen.

Stundenlanges Sitzen im Tümpel

So verlegen sie einen guten Teil ihrer Aktivitäten in die Nacht und halten sich tagsüber gern in Höhlen auf, in denen die Temperaturen ein paar Grad niedriger liegen als in der sonnendurchglühten Landschaft ringsum. Und jeder kleine Quelltümpel entwickelt eine geradezu magische Anziehungskraft. Manchmal sitzen die Tiere stundenlang bis zur Brust in solchen Pools – und zwar in einer ganz ähnlichen Haltung, wie Menschen es auch tun würden.

Das erste Baderecht haben dabei die erwachsenen Männchen.

Weibchen und Jungtiere müssen warten, bis Platz für sie ist. Dann aber entwickeln kleine Schimpansen eine ähnliche Begeisterung für Wasserspiele wie ihre menschlichen Pendants. Aber nicht jedes Tier ist eine echte Wasserratte. Erin Wessling kennt zum Beispiel ein erwachsenes Männchen, das sich nur ins kühle Nass wagt, wenn es sich am Rand irgendwo festhalten kann. Doch das Misstrauen ist selbst in diesem Fall nicht gross genug, um auf die Abkühlung zu verzichten.

Termiten, Blumen und Rinde als Nahrung

Was aber bringt das alles? Kommen die Savannen-Schimpansen tatsächlich besser mit Hitze zurecht als ihre Artgenossen im Wald? Um das herauszufinden, haben die Forscher den körperlichen Zustand von Tieren in Fongoli und im Regenwald des Taï Nationalparks an der Elfenbeinküste verglichen. In beiden Gebieten haben sie unter den Schlafnestern der Tiere Urin gesammelt und diesen auf verschiedene Biomarker untersucht. Sie geben Aufschluss über die Wasser- und Energieversorgung des Körpers sowie über den Stresslevel.

Die Ergebnisse zeigen, dass die Savanne zwar weniger zu fressen bietet als der Regenwald. Trotzdem können die Tiere in Fongoli ernsthaften Stress aufgrund von Nahrungsmangel vermeiden. «Sie haben offenbar schon Strategien entwickelt, um damit umzugehen», sagt Erin Wessling. So fressen sie in kargen Zeiten neben Früchten auch Termiten, Blumen und Rinde.

Verstärkter Einfluss des Klimawandels

Trotz aller Abkühlungstricks zeigen die Untersuchungen aber auch, dass die Savannenbewohner in der Trockenzeit massiv unter Stress stehen – deutlich stärker als ihre Kollegen im Regenwald im Taï-Nationalpark (siehe Kasten). Nur: Auch für diese ist Trockenstress kein Fremdwort mehr. «Das liegt wohl am Klimawandel», vermutet Hjalmar Kühl. Immerhin fallen dort heute 500 Liter weniger Niederschlag pro Quadratmeter und Jahr als noch vor 40 Jahren.

Sowohl in der Savanne also auch im Wald könnten die Tiere daher Probleme mit dem fortschreitenden Klimawandel bekommen.

Ob sie auf diese Herausforderung mit neuen Anpassungen schnell reagieren können, ist fraglich. «Wir Menschen hatten dazu ja Millionen von Jahren Zeit», gibt Kühl zu bedenken.

«Und trotzdem ist unsere Wohlfühlnische bis heute ziemlich klein.» Als angenehm empfinden die meisten Menschen Temperaturen zwischen 15 und 25 Grad. Darüber und darunter schleicht sich nicht nur ein leichtes Unbehagen ein, auch die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit sinkt. «Was unsere Temperaturvorlieben angeht, sind wir erstaunlich konservativ», sagt Hjalmar Kühl. «Deshalb versuchen wir, mit Kleidung, Klimaanlagen und Heizungen immer in unserer Nische zu bleiben.» Das dürfte den Schimpansen eher nicht gelingen.

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