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Die Angst vor den Keimen geht um

Haben antibakterielle Müllbeutel oder antimikrobielle Sportkleidung wirklich einen Sinn? Der Experte meint: Nein. Denn bereits eine gute Seife sei der natürliche Feind aller Keime.
Interview: Claudia Füssler
Zum Putzteufel wird jeder mal. Man muss es aber nicht übertreiben – Biozide sollten besser draussen bleiben. (Bild: Peter Dazeley/Getty)

Zum Putzteufel wird jeder mal. Man muss es aber nicht übertreiben – Biozide sollten besser draussen bleiben. (Bild: Peter Dazeley/Getty)

Ernst Tabori, neulich in der Drogerie sah ich eine Rolle Müllbeutel mit dem Aufdruck «antibakteriell» …

Das ist wirklich mit der grösste Unfug. Und zwar in Bezug auf den Schaden, den man damit der Umwelt und womöglich sogar sich selbst zufügen kann. Man setzt sich einem unnötigen Kontakt und gegebenenfalls der Belastung mit einem Biozid aus. Im besten Fall sind diese Mülltüten lediglich unschädlich. Wie soll das auch funktionieren? Wenn antibakteriell wirksames Zinksalz aufgebracht ist, sitzt das an der Tüte und kommt gar nicht mit allem Müll in Berührung. Abgesehen davon wird Zinksalz mittlerweile sehr kritisch gesehen und steht im Verdacht, Wasserorganismen zu schaden.

Antibakterielle Substanzen sind also nicht per se eine gute Sache?

Eine antibakterielle Substanz wirkt biozid, soll also Bakterien töten. Davon auszugehen, dass diese Wirkung sich auf Bakterien beschränkt, wäre naiv. Nanopartikel beispielsweise werden von unserem Körper aufgenommen. Was diese dann in uns verursachen, ist lange nicht abschliessend untersucht. Bei einigen Substanzen wie Phtalaten – Weichmachern in Kunststoff, Triclosan oder Ethinylestradiol wissen wir schon, dass sie schädlich sein können. Sie gelten unter anderem als sogenannte endokrine Disruptoren, können also unser Hormonsystem aus dem Gleichgewicht bringen. In den USA ist es Unternehmen seit zwei Jahren untersagt, antibakterielle Seife mit Triclosan herzustellen. Das in der Antibaby-Pille enthaltene Hormon Ethinylestradiol lässt sich am Auslass von Klärwerken konzentriert nachweisen. Mit Folgen: Fische, die in der Nähe leben, sind häufig verweiblicht. In den Everglades im Süden des US-Bundesstaates Florida hat man Alligatoren mit geschrumpften Penissen gefunden und konnte das auf Ethinylestradiol zurückführen. Und auch wenn die Folgen anderer Substanzen sich nicht so direkt mit dem Zollstock nachweisen lassen, sind sie nicht weniger potent.

Also habe ich in meinem Müll lieber Bakterien als antibakterielle Substanzen?

Absolut. Was man wegwirft, tut einem nichts mehr, man hat es aus der Gefahrenzone gebracht. Wie beim Händewaschen: Man spült die Keime ins Abwasser.

Immer wieder liest man aber, nicht die Toilette, sondern die Küche sei der grösste Keimherd in einer Wohnung?

Das ist vollkommen richtig. In der Küche wird mit vielen unterschiedlichen Substanzen hantiert: Fleisch, Fisch, Eiern, mit von Erde verschmiertem Gemüse. Und: Ein Schlachthof ist kein OP-Saal. Die Därme von Rindern und Schweinen werden geleert und kommen mit dem Fleisch in Kontakt, das später verkauft wird. Untersuchungen haben gezeigt, dass mehr als drei Viertel des Geflügelfleisches aus herkömmlicher Masthaltung mit multiresistenten Erregern wie dem Darmbakterium Escherichia coli besiedelt sind. Jedes Stück Fleisch, das man in der Küche ­bearbeitet, ist ganz sicher mit Keimen versehen – auch wenn natürlich nicht alle davon krankmachend sind. An sich ist das ­unproblematisch, nur dürfen die Keime nicht in unseren Körper gelangen. Das Stück Fleisch kontaminiert alles, womit es in Kontakt kommt: das Schneidebrett, das Messer, die Hände. Auch die Kühlschranktür, wenn man noch schnell was rausholt. Die fasst kurz darauf jemand anderes an und hat die Keime an den Fingern. Der Weg über Augen, Nase und Mund in den Körper ist kurz.

«Schlachthöfe sind keine
OP-Säle. Jedes Stück Fleisch ist mit Keimen versehen.»

Zur Person

Ernst Tabori hat in Freiburg, Bochum und Homburg Medizin und Psychologie studiert. Seit 1999 ist Tabori Mediziner am Deutschen Beratungszentrum für Hygiene in Freiburg, seit 2009 als dessen Ärztlicher Direktor. Ernst Tabori ist Facharzt für Hygiene und Umweltmedizin, Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe sowie für Infektiologie (DGI). (cf)

Ernst Tabori Facharzt für Hygiene.

Ernst Tabori
Facharzt für Hygiene.

Also darf man kein Fleisch essen, will man nicht das Risiko eingehen, an einen pathogenen Keim zu geraten?

Doch, natürlich darf man. Man senkt das Infektionsrisiko mit ­akribischer Küchenhygiene. Mit Händewaschen, generell die wichtigste Massnahme zum Schutz vor Krankheiten. Es ist ­erstaunlich, wie wenig Vorstellungskraft manche Menschen haben, geht es um Keim- und Infektionsübertragungen. Wichtig: Fleisch, Fisch und Eierspeisen gut durchgaren. Dabei werden die Keime, die sich im und am Fleisch befinden, zerstört.

Was ist mit einem Steak medium?

Ich möchte niemandem vorschreiben, was er wie zu essen hat. Aber jeder sollte die möglichen Risiken kennen. Ich bin kein Freund von rohem Fleisch, es kann Keime und Parasiten auf den Menschen übertragen. Pilze sollten ebenfalls gut gegart werden, sie sind sehr empfänglich für Schimmelpilze und Bakterien.

Was ist mit Geschirrtüchern und Spülschwämmen?

Die kommen am besten mehrmals pro Woche in die Waschmaschine.

Im Spülschwamm verbleiben immer Reste von Eiweiss und Fett.

Er ist ein Paradies für Bakterien und Pilze. Weil er im Zentrum nie richtig austrocknet, explodiert die Zahl der Keime bereits nach kurzer Zeit. Untersuchungen haben pro Gramm Spülschwamm mehr als 300 Millionen Keime gefunden. Pro Quadratzentimeter Toilettensitz wurden unter 300 Keime gezählt.

Okay, da tut Vorsicht not.

Ja. Denn während unter den Bakterien auf dem Toilettensitz etwa fünf Prozent Darmbakterien ­waren, lag deren Zahl im Spülschwamm bei knapp 80 Prozent. Deshalb gehört so ein Spülschwamm regelmässig in die Wäsche – am besten bei 60 Grad. Ganz sicher geht, wer ein Vollwaschmittel verwendet. Dann arbeiten in der Maschine neben der hohen Temperatur, den waschaktiven Substanzen und der starken Verdünnung auch noch Sauerstoffabspalter mit, die desinfizierend wirken.

Keime auf Fleisch, Fisch und Gemüse, ein permanent verseuchter Spülschwamm. Da scheint es doch absolut sinnvoll, wenigstens in der Küche alles ordentlich zu desinfizieren?

Wer desinfiziert, reduziert lediglich die Menge der vorhandenen Keime, sodass keine akute ­Infektionsgefahr besteht. Hinzu kommt, dass gar nicht alle Stellen etwas abkriegen, wenn man einfach drübersprüht; ein Teil des Biozids landet mit der Atemluft in der Lunge. Eine saubere, trockene Oberfläche ist der natürliche Feind aller Keime.

Das schafft man mit einem Haushaltsreiniger oder einer guten Seife.

Für den Kühlschrank werden Stäbchen gepriesen, die dafür sorgen, dass sich Keime weniger schnell vermehren.

Der dabei verwendete Stoff ist das Biozid Chlordioxid, das bei Raumtemperatur zu einem giftigen Gas wird. Um wirken zu können, muss es sich im Kühlschrank anreichern und kommt mit den Nahrungsmitteln in Kontakt. Vor wenigen Jahren war der Aufschrei gross, als bekannt wurde, dass Hühnchenfleisch mit Chlorlösung desinfiziert wurde. Und jetzt hängt man sich die verteufelte Substanz in den Kühlschrank?

Wenn da doch Keime sind?

Die Aufgabe des Kühlschranks ist, das Keimwachstum zu reduzieren. Das gelingt, liegt die Temperatur zwischen vier und sieben Grad Celsius. Achtet man darauf, den Kühlschrank sauber zu halten und zum Beispiel Butterflecken zügig zu beseitigen, muss man sich ums Keimwachstum keine Sorgen machen.

Was ist mit antimikrobieller Sportkleidung oder Wäsche?

Antimikrobiell beschichtete Bekleidungsprodukte sind meiner Meinung nach blanker Unsinn. Macht man Sport, schwitzt man.

Obwohl oft das Gegenteil behauptet wird: Aus Sicht der Infektionsprävention spielt es keine grosse Rolle, wie oft man die Bettwäsche wechselt.

Wie gross ist die Gefahr, die von Keimen ausgeht, nimmt man es mit Putzen und Waschen nicht so genau?

Das lässt sich nicht pauschal beantworten. Holt man sich Salmonellen, wird das für Kleinkinder, Senioren oder solche mit schwachem Immunsystem schnell auch lebensgefährlich. Holt man sich einen multiresistenten Escherichia coli, macht das vielleicht nichts. Aber es kann auch sein, dass man den Keim an den Händen spazieren trägt: Muss man dann zum Blutabnehmen oder zu einer Untersuchung ins Krankenhaus – so genügen dort womöglich ein paar Handgriffe, und der Keim gelangt in Lunge oder Blutbahn, was sehr gefährlich werden kann. Putzt man normal und hält alle besprochenen Massnahmen ein, muss man sich als immunkompetenter Mensch nicht sorgen.

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