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Von Hunger, Armut und ungewollten Schwangerschaften - Rheintaler Dichterin kennt Lebens- und Leidensgeschichten aus Diepoldsau

Die Rheintalerin Berta Thurnherr dichtet im urtümlichen «Tippilzouar Dialekt». Sie erinnert auch daran, wie arm die Dorfbewohner der ­Rheininsel früher waren. Ältere Männer und Frauen haben ihr Geschichten von Hunger, Tod und ungewollten Schwangerschaften anvertraut.
Melissa Müller
Berta Thurnherr-Spirig in ihrem Garten im Schmitter. (Bild: Beat Belser)

Berta Thurnherr-Spirig in ihrem Garten im Schmitter. (Bild: Beat Belser)

Fast wäre Berta Thurnherr als Kind ertrunken. Sie konnte noch nicht schwimmen und ging immer tiefer in den Alten Rhein hinein. «Zum Glück hat mich ein Cousine an den Haaren ans Ufer gezogen», erinnert sich die 72-jährige Mundartdichterin. In den 50er-Jahren besassen die meisten Leute im St. Galler Rheintal kein Badezimmer. Samstags schickten sie ihre Kinder an den Rhein, mit Waschlappen und Seife. «Üsi Soafablöterli sind rhyabwärts gschwumme», erzählt Berta Thurnherr in ihrem warmen, melodiösen «Tippilzouar Dialekt». «D’ Buebe hend sich gwälzt im Schlamm. Sy sind üs nochgrennt wie Wasser­göascht. Sie sind ganz schwarz und ­wüascht und dreckig gsy.»

Die Rheintalerin ist eine begnadete Geschichtenerzählerin. Und eine ebenso gute Zuhörerin: Mit feinem Ohr und schriftstellerischem Einfühlungsvermögen hat sie den Geschichten älterer Männer und Frauen gelauscht. 1985 begann sie damit zusammen mit ihrer Schwester Maria. Sie besuchten Zeitzeugen, die beide Weltkriege an der Grenze zu Österreich hautnah miterlebt hatten, und nahmen über 40 Tonbänder auf. So entstand ein einzigartiges zeitgeschichtliches Dokument. Vor drei Jahren überreichte Berta Thurnherr diesen Schatz dem Phonogrammarchiv der Universität Zürich.

Jeder Mensch hat einen Ursprungsort, der ihn prägt. Für Berta Thurnherr ist dies Diepoldsau. Hier, im Kleinen, schafft sie Grosses. Als Lyrikerin und Kinderbuchautorin feiert sie den Klangreichtum der Mundart und ihre Lebendigkeit – und fasziniert damit auch junge Leute.

Berta Thurnherr-Spirig kostet den Klangreichtum des «Tippilzouar Dialekts» aus. (Bild: Beat Belser)

Berta Thurnherr-Spirig kostet den Klangreichtum des «Tippilzouar Dialekts» aus.
(Bild: Beat Belser)

Berta Thurnherr-Spirig war nie weg. Seit über 50 Jahren wohnt sie mit ihrem Mann Konrad, einem pensionierten Architekten, im Schmitter. Die Atmosphäre in ihrem Haus ist warm und hell. Da ist viel viel Holz, ein Cheminée in der Stube, Bücher, Skulpturen, Kunst an der Wand. Ein grosses Fenster gibt den Blick frei auf den Garten. Eine Enkelin hockt am Froschteich und beobachtet die Molche. «Hier fühle ich mich vögeliwohl», sagt die Frau mit dem raspelkurzen weissen Haar und der runden schwarzen Brille. «Ich habe mich ganz fest verwurzelt an diesem Platz.»

«Ammene Ross und ammene Maa, stoht s’ Furze wohl aa»

Diepoldsau ist das einzige Dorf im St. Galler Rheintal rechts vom kanalisierten Rhein. Das war aber nicht immer so. 1923 gab es eine grosse Landschaftsveränderung. Der Rhein, der bis dahin einen Bogen um das Dorf machte, wurde auf die andere Seite verlegt. Nun liegt Diepoldsau als Insel zwischen dem Alten und dem Neuen Rhein. Zwei Brücken führen in die Schweiz und zwei Brücken nach Österreich.

Es ist schwer vorstellbar, wie arm Menschen hier noch vor 60 Jahren waren. Während des Ersten Weltkriegs (1914 bis 1918) war an der Grenze die vielbesungene Schmugglerzeit. Durch nächtlichen «Export» von Fadenspulen, Saccharin und Kaffee hofften viele, an Geld zu kommen. In den Zwanzigerjahren war die Textilindustrie am Boden, Arbeitslosigkeit machte sich breit.

Die Frauen gebaren ein Kind nach dem anderen. Sie arbeiteten hart in Haus und Garten. «Das wurde nicht genug gewürdigt im Patriarchat», sagt Berta Thurnherr. Die Sprüche ihres Onkels liegen ihr noch im Ohr: «Ammene Ross und ammene Maa stoht s’ Furze wohl aa. A Wiib und a Kua sölled sich schäme dazue.» Oder «S Wiib und de Schittstock ghöred zum Huus.» Sie lacht. Sagt, sie habe lange gebraucht, um sich von den patriarchalen Strukturen zu befreien. Die Feministin ist überzeugt: «Die wahren Heldengeschichten sind die Frauengeschichten.»

Einige davon hat sie in ihrem 2010 erschienenen Buch und Hörbuch «As wöart schù wööara, ma tuat wamma kaa» versammelt. Etwa die Geschichte einer 19-jährigen Jüdin, der während des Zweiten Weltkriegs die Flucht über die Grenze gelang. Sie hatte Todesangst ausgestanden. Eine Familie in Diepoldsau nahm sie für eine Nacht auf. Die Mutter hatte solches Mitgefühl, dass sie die wildfremde Frau zu sich ins Bett nahm und ihren Mann bat, bei den Söhnen zu schlafen. «Sie hat die Würde des Menschen gespürt und entsprechend gehandelt.»

Viele Menschen starben damals schon in ihren Vierzigern, überarbeitet, mangelernährt oder erschöpft von zu vielen Geburten. Geld für den Doktor hatten sie nicht. So konnte es passieren, dass man schon von einer Grippe dahin gerafft wurde. «Man konnte die Armut riechen, daran erinnere ich mich», sagt Berta Thurnherr.

«Viili alti Wiiber hond gschtunka.»

Saubere neue Kleidung war keine Selbstverständlichkeit, und viele Kinder gingen barfuss, weil sie keine Schuhe hatten.

Die Geschichtensammlerin erzählt von einer Frau, die 18 Kinder zur Welt gebracht hatte, wovon 14 überlebten. Wenn sie um 11 Uhr das Wasser für den Zmittag aufkochte, war dieser Mutter Angst und bang. «Es wird schon was geben», sagte sie sich. Meistens gab es nur Ribel, ein typisches Rheintaler Maisgericht.

Eine kinderreiche Diepoldsauer Familie. (Bild: Aus dem Buch «As wöart schu wööra Ma tuat wamma kaa»)

Eine kinderreiche Diepoldsauer Familie. (Bild: Aus dem Buch «As wöart schu wööra Ma tuat wamma kaa»)

Wenn ein Familienvater starb, sank die Familie im Ansehen auf die unterste Stufe. Es gab keine Arbeit für Frauen, die wirklich bezahlt wurde. Für die Tätigkeit in der Fabrik gab es nur einen Hungerlohn. Die Witwen lebten in der Angst, man nehme ihnen die Kinder weg. Wenn sie etwas zu essen kaufen wollten, mussten sie ihre Schulden im Lebensmittelgeschäft aufschreiben lassen. Für einen Mann war es oft weniger existenziell, wenn seine Frau starb, «Männer bekamen dann oft die Schwester der Verstorbenen als Ersatz.»

Lieber als alte Jungfer enden als im Kerker der Ehe

Manche Frau wehrte sich gegen das Heiraten. «Eine Ehe bedeutete, Tag und Nacht zu ‹funktionieren›, am frühen Morgen schon Ribel zu kochen auf dem Holzherd.» Ledige Frauen fürchteten sich vor einer ungewollten Schwangerschaft.

Berta Thurnherr schrieb die Geschichte einer 17-jährigen Magd auf, die von ihrem Chef geschwängert worden war.

«Das kam hin und wieder vor, wurde aber tabuisiert.» Die Jugendliche gestand es ihrer Mutter, die sagte: «Das Kindli bleibt hier, das können wir auch noch ernähren. Wir wissen zwar nicht wie. Aber wir werden es irgendwie schon schaffen.»

Berta Thurnherr hat die Geschichten der kleinen Leute auf der Rheininsel Wort für Wort ganz nah am Gehör transkribiert. Der urtümliche Diepoldsauer Dialekt hat es ihr angetan – wissend, dass er sich verändert und sich abschleift und im Laufe der Zeit verwässert. «Käarli, kumm häara, wänn d’ eppis biascht», tönt es etwa bei einer Auseinandersetzung. «A lüübs Moattli» ist ein hübsches Mädchen, ein Schmetterling ein «Sommervogil», eine Libelle eine «Wassarjumpfara». Wer «wääch grüschtat» ist, ist gut angezogen, und «göölig» bedeutet blöd.

Biber, Eisvögel, Wassernixen

Im Garten brütet sie über ihren Geschichten über Biber, Eisvögel und Wassernixen. «Ich muss aufpassen, dass ich nicht kitschig und pathetisch werde», sagt sie selbstkritisch. Gerade hat sie ein Märchen über eine Nussbaumfrau geschrieben. Die Art, wie sie mit Sprache umgeht, die ööös und äääs auf der Zunge zergehen lässt, ist kraftvoll und bildhaft. «Ich bin gemütvoll und sinnlich, esse auch gern», erzählt die Lyrikerin und klopft sich herzhaft aufs Bäuchlein. «Stimmt, du machst die feinsten Chnöpfli und Krautstielkuchen», ruft die Enkelin dazwischen, die im Garten spielt.

«Ich bin doch schon am Verwelken», sagt die Dichterin später und lacht verschmitzt. Das ist natürlich übertrieben.

Die Botschafterin des Diepoldsauer Dialekts hat sie im In- und Ausland schon über 300 Lesungen bestritten.

Künstlerinnen und Künstler fragen sie an für Musik- und Literaturprojekte. Auch Literaturhistoriker Rainer Stöckli lobt ihre Erzählkunst: «Kommt solche Gabe mit erstklassiger Aufmerksamkeit zusammen und mit dem Willen, lautgetreu zu notieren, so gelingt literatur-dokumentarisch Einzigartiges», sagt er. Das mittlere St.Galler Rheintal habe derzeit keine ebenbürtigen Schriftsteller und Verfasserinnen.

Spätes Aufblühen einer Künstlerin

Dabei kam Berta Thurnherrs künstlerische Laufbahn erst spät zum Erblühen. Als Tochter eines Lastwagenfahrers durfte sie keine weiterführende Schule besuchen. Nach einer kaufmännischen Lehre heiratete sie mit 21, bekam drei Töchter. Mit 23 baute ihr Mann das Haus, in dem sie immer noch wohnen. «Zuerst ist alles wunderbar. Dann kommt man auf die Welt. Mit den Kindern. Dem Aufbau des Geschäfts. Da ist man schon gefordert und auch überfordert», sagt sie, die im Geschäft ihres Mannes stets mitarbeitete und Lehrlinge ausbildete. Mit 40 kam die berühmte Krise. «Ich bin einfach ein musischer Mensch, im Büro kann ich das nicht ausleben.» Sie stieg aus dem Geschäft ihres Ehemanns aus und erfüllte sich einen späten Berufswunsch: Sie lernte Kindergärtnerin. «Mein Mann hat mich dabei voll unterstützt und sogar für uns gekocht.»

Aus der Sinnkrise half ihr auch das Singen: «Es ist für mich wie die Luft zum Atmen. Das Singen und Erzählen sind meine Lebensthemen.»

Der Ursprung liegt in der Kindheit, in ihrer Familie wurde viel gesungen und musiziert. «Als die Menschen arm waren, taten sie in ihrer Freizeit, was nichts kostete: Singen.» Die Lieder erzählen Geschichten von der Geburt bis zum Tod. Vom Anfang, der Liebe und wie sie sich zum Existenzkampf wird. «Früher belächelte man diese Lieder, jetzt werden sie wieder gesungen.»

Im Frühjahr ist Berta Thurnherrs Kinderbuch «Dùù ùnd ìì und ìì ùnd dùù» mit einer Mundart-Lieder-CD über eine tierische Freundschaft zwischen einem Biber, einem Eisvogel und einem Schmetterling erschienen. Weitere Infos: summarvoogil.ch

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