Interview

«Die Grenze zwischen normal und abnormal wird verwischt»

Der gesellschaftliche Wandel produziert Burn-outs, Ängste, Depressionen, Aggression, Gewalt. Das fordert die institutionelle Psychiatrie. Wie geht sie damit um? Schafft sie das überhaupt? Wir fragten Facharzt Julius Kurmann.

Interview: Pirmin Bossart
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In der komplexer werdenden Welt fallen gewohnte Werte weg, und eine neue Sinnfindung überfordert viele. (Bild: Getty)

In der komplexer werdenden Welt fallen gewohnte Werte weg, und eine neue Sinnfindung überfordert viele. (Bild: Getty)

Die Welt um uns ist unberechenbarer geworden. Haben Sie deshalb mehr Patienten, die damit nicht umgehen können?

Es ist vor allem die zunehmende Komplexität im Alltag und in der Gesellschaft, die den Menschen zu schaffen macht. Das kann sich ganz verschieden äussern. Es gibt zum Beispiel Menschen, die darauf mit Ängsten und Depressionen reagieren und im schlimmsten Falle daran zerbrechen können. Diese Fälle haben zugenommen.

Wie äussern sich diese Fälle?

Da ist vielleicht jemand, dem in der Arbeit alles zu viel wird, der sich nicht mehr konzentrieren kann, Fehlleistungen am Arbeitsplatz macht und dadurch weiter unter Druck der Vorgesetzten kommt. Er versucht nochmals, sich anzustrengen, was viel Energie raubt, bis er schliesslich, erschöpft und ausgelaugt, mit einer depressiven Symptomatik zusammenbricht. Oder da sind jene, die keine Übersicht mehr haben, sich verloren fühlen, sich in Drogen- und Alkoholkonsum flüchten und sich zunehmend betäuben.

Was sind andere Reaktionen auf die komplex gewordene Gesellschaft?

Die Identitätsproblematik rückt stärker in den Fokus. Wer bin ich? Was habe ich für ein Identität? Es ist wohl kein Zufall, dass die Gender-Thematik an Bedeutung gewonnen hat. In einer komplexeren Welt fallen gewohnte Werte weg, man muss sich eine neue Sinnfindung erarbeiten. Einige finden diesen neuen Lebensinhalt in der virtuellen eigenen Welt, sie ziehen sich darin zurück, wo sie sich sicher fühlen.

Andere suchen Halt in Gruppen mit klaren Regeln und Haltungen.

Dies zeigt sich an der Zunahme der Ideologisierung, den populistischen und nationalistischen Weltbildern, die Überblick und Sicherheit versprechen.

War früher alles besser?

Nein. Statt zu bedauern, wie schlecht diese Entwicklungen sind, sollten wir Kompetenzen entwickeln, damit umzugehen. Wir haben heute andere Herausforderungen. Die Unsicherheiten haben sich verändert. Habe ich morgen noch einen Job? Was ist mein Platz in dieser Gesellschaft? Die Menschen müssen sich viel schneller auf Veränderungen einstellen. Dazu kommt die Verschiedenartigkeit der Lebensformen, was psychisch auch belasten und narzisstische Persönlichkeiten produzieren kann.

Warum dieser Zusammenhang?

Früher waren die Zugehörigkeiten re­lativ klar, man war schwarz oder rot, protestantisch oder katholisch usw. Inzwischen existieren unterschiedlichste Lebensformen und Anschauungen ne­beneinander. Die digitalen Medien, die damit verbundene Informationsflut und die ständige Erreichbarkeit tragen ihren Teil dazu bei. Das macht es zum einen anspruchsvoller, sich in einer Welt, wo alles möglich scheint, zurechtzufinden und einzuordnen. Andererseits wird es schwierig, der eigenen Forderung «was macht mich denn speziell? Was macht mich einzigartig?» gerecht zu werden. Das kann dazu führen, dass man sich immer wieder in einem besonders guten Licht darstellen möchte. Die unzähligen Fotos, die heute auf Facebook und anderen Medien gepostet werden, sind immer im besten Licht dargestellt, sie bilden nie das wirkliche Leben ab.

Es gibt zunehmend Leute, die Substanzen einnehmen, um bestimmte Leistungen zu erbringen. Sie passen sich mit diesem «Neuro-Enhancement» oder Hirndoping den Leistungsprofilen an. Ist das auch eine Kompetenz, um mit den gewachsenen Ansprüchen umzugehen?

Ob hier von Kompetenz gesprochen werden darf, wage ich zu bezweifeln. Man könnte dieses Hirndoping auch als verzweifelten Versuch interpretieren, unbedingt den äusseren Anforderungen gerecht werden zu wollen. Ich persönlich möchte davor warnen, solche Mittel und Medikamente einzunehmen, da einerseits ein gewisses Suchtpotenzial besteht, und andererseits die Spätfolgen noch nicht abschätzbar sind.

Was könnten denn gesunde Kom­petenzen sein, die uns helfen, im Leben besser zurechtzukommen?

Zuerst einmal ist es wichtig zu wissen, dass diese Kompetenzentwicklung eine stetige Herausforderung in unserem Leben ist. Sie kann nicht einfach einmal entwickelt werden, und dann ist es so. Daran müssen wir immer wieder arbeiten. Für mich sind drei Kompetenzen zentral.

Die erste hat mit dem Umgang mit der Zeit zu tun. Jeder Mensch hat 24 Stunden pro Tag.

Es ist wichtig, dass er darin eine Balance zwischen Arbeitszeit, sozialer Zeit und Ich-Zeit findet. Mit Ich-Zeit ist die Zeit für Kontemplation, für die Besinnung auf und für die Auseinandersetzung mit sich selbst gemeint.

Und die anderen zwei?

Andererseits ist es wichtig, eine Kompetenz in der Förderung der eigenen Wahrnehmung und Selbstreflexion zu entwickeln. Nur wenn ich mich selber gut wahrnehmen kann und mich gut kenne, kann ich auf Herausforderungen in einer konstruktiven Art und Weise reagieren. Schliesslich ist die Entwicklung einer sogenannten Ambiguitätstoleranz oder Differenzverträglichkeit extrem wichtig.

Was heisst das?

Damit meine ich, dass wir lernen müssen, unterschiedliche Haltungen, Meinungen, Lebensstile, aber auch Unsicherheiten und Unklarheiten zu akzeptieren und diese auch anzuerkennen.

In den letzten 50 Jahren sind immer mehr Phänomene und Probleme neu als medizinische Störungen oder Krankheiten erkannt worden. Wie sind Sie in der Psychiatrie davon betroffen?

Wir sind vor allem mit der «Psychiatrisierung» sozialer Probleme konfrontiert. Die Grenze zwischen normal und abnormal wird verwischt. Es werden in unseren Diagnose-Manualen «neue» Krankheiten geschaffen wie beispielsweise die «protrahierte Trauerreaktion». Ausserhalb der Psychiatrie kommt es zu einer Zunahme der Lifestyle-Medizin. Mit der Psychiatrisierung geht das Vertrauen in die Funktionsfähigkeit des eigenen Körpers und in die eigene psychische Funktionsfähigkeit verloren. Ich vertraue nicht mehr mir selber, sondern ich muss zunehmend medizinische Interventionen in Anspruch nehmen, um mich sicher zu fühlen. Die eigene Passivität nimmt zu, verbunden mit einer Hilflosigkeit und einem daraus resultierenden Bedarf an Ratschlägen. Das zeigt sich daran, dass die Medizinratgeber in den Buchhandlungen boomen.

Der gesellschaftliche Wandel pro­duziert Burn-outs, Ängste, Depressionen, Aggressionen. Welche dieser Phänomene machen der Luzerner Psychiatrie am meisten zu schaffen?

Was unser Personal am meisten belastet, ist die Zunahme von Aggression und Gewalt.

Aus meiner Perspektive nehme ich eine niedrigere Hemmschwelle wahr, Gewalt auszuüben. Grenzen oder Einschränkungen werden kaum mehr akzeptiert, sofort wird gedroht. Regeln oder Hausordnungen werden als Provokation verstanden und animieren dazu, gebrochen zu werden.

Sie konstatieren vermehrt psychische Störungen, die eigentlich sozial bedingt sind. Hat die Psychiatrie überhaupt die Kapazität, das alles zu bewältigen?

Ob es psychische Störungen im engeren Sinne sind, wage ich teilweise zu bezweifeln.

Es war in der Psychiatriegeschichte schon immer so, dass die Psychiatrie dazu instrumentalisiert wurde, gesellschaftliche Probleme «zu lösen».

Ich denke da an die vielen Gutachten bezüglich Militärdiensttauglichkeit, bevor der Zivildienst eingeführt wurde, oder an die vielen psychiatrischen Begutachtungen bei unerwünschten Schwangerschaften, bevor die Fristenlösung eingeführt wurde. Ja, die Psychiatrie übernimmt eine wichtige Rolle in der Bewältigung sozialer Aufgaben. Aber sie wird nicht immer adäquat abgegolten und honoriert.

Wird die Psychiatrie zu einem Auffangbecken für alle schwierigen Menschen, die in den sozialen Institutionen nicht mehr tragbar sind? Wie erleben Sie das?

Das ist zwar etwas sehr pointiert formuliert, aber grundsätzlich erlebe ich es so. Ich finde es besonders schwierig für alle anderen Menschen mit einer psychischen Erkrankung, die unsere Unterstützung, Behandlung und Betreuung benötigen. Für diese ist es nicht immer einfach, in einer Akutstation auch mit Menschen zusammen zu sein, die aus ihrer und unserer Sicht eigentlich gar nicht in die Psychiatrie gehören.

Wo sehen Sie die eigentliche Rolle der Psychiatrie? Müsste das Gesundheitswesen anders organisiert werden? Oder wer ist da gefordert?

Meines Erachtens muss die Rolle der Psychiatrie noch wichtiger werden. Jede Erkrankung hat auch eine Auswirkung auf die psychische Befindlichkeit. Ein engeres Zusammengehen zwischen Psychiatrie und der Somatik sollte gefördert werden. Wir wissen beispielsweise, dass ein guter psychiatrischer Konsiliardienst bei körperlichen Erkrankungen Spitalaufenthalte verkürzen und den Heilungsprozess unterstützen kann. Gleichzeitig muss die Aufgabe der Psychiatrie im gesellschaftlichen Kontext, eben auch bei der Bewältigung sozialer Aufgaben, besser wahrgenommen und auch finanziell abgegolten werden.

Dr. med. Julius Kurmann ist Chefarzt Stationäre Dienste der Luzerner Psychiatrie, www.lups.ch.

Vierwaldstätter-Psychiatrietag

Globalisierung, Digitalisierung, die Infragestellung gewachsener Strukturen und die steigenden Anforderungen an unsere Leistungsbereitschaft bestimmen zunehmend den Alltag in unserer Gesellschaft. Aus diesem Grund beschäftigt sich der 19. Vierwaldstätter-Psychiatrietag mit dem Thema «Gesellschaftlicher Wandel und seine Auswirkungen auf die Psyche». Fachreferentinnen wie Ariadne von Schirach, Helmut Graf, Jörg M. Fegert oder die Autorin Nora Gomringer werden sich damit auseinandersetzen. Auch die Chefärzte der Luzerner Psychiatrie (Julius Kurmann, Kerstin Gabriel Felleiter, Thomas Heinimann) sind als Moderatoren an der Tagung präsent. Die Veranstaltung der Luzerner Psychiatrie findet am 24. Januar von 13.30 bis 18.00 Uhr im Grand Casino Luzern statt. Hinweis Weitere Informationen unter www.lups.ch (Schaltflächen «Zuweiser & Zuweiserinnen» und «Veranstaltungen»).