Die grosse Verwirrung um Stoffmasken: Nun sollen Luft-Lecks getestet werden

Manche sind sicherer als Hygienemasken, andere dienen bestenfalls als Spuckschutz. Kriterien für eine Norm sind bekannt, doch bis es eine gibt, muss noch weiter geforscht werden. Zum Beispiel an Lecks: Wie kritisch ist die Luft, die zum Beispiel Brillengläser beschlägt?

Sabine Kuster
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Manchmal ist die Lage klar: Der Mann, der in ein Haushaltspapier zwei Löcher für die Ohren gerissen hatte und mit dem Papier vor dem Gesicht im Zug stand, trug keine gute Maske.

Allgemein aber ist die Verwirrung vor allem bei Stoffmasken gross. «Es ist Zeit, dass der Zoo an Masken sortiert wird», sagt Ernest Weingartner, Partikel-Experte und Physiker an der Fachhochschule Nordwestschweiz. Er hat viele Masken getestet. Er sagt:

«Es gibt überraschend gute und solche, die wirklich nur als Spuckschutz dienen»

Doch eine gute Stoffmaske sei manchmal sogar besser als eine Hygienemaske. «Stoffmasken liegen oft dicht am Gesicht an und könnten einen effektiveren Schutz als Hygienemasken bieten, auch wenn der Stoff meist weniger gut Aerosole filtert. Man muss unbedingt mehr testen.»

Private Firma übernimmt das Know-how der Empa

Getestet wird. Und zwar in der Schweiz recht fleissig und koordiniert. Doch der Winter steht vor der Tür und ein Zertifikat für die beliebten Community-Masken aus Stoff gibt es weder ein europäisches noch ein helvetisches. Immerhin frisch geschaffen wurde das Label von «Testex», einer Textil-Prüffirma in Zürich. Bislang wurden dort Stoffe auf Abnützung, Atmungsaktivität oder chemische Schadstoffe untersucht. Nun hat Testex die Empfehlungen der Swiss-Covid-Taskforce beziehungsweise der Forschungsanstalt Empa übernommen und prüft Masken zudem auf Partikelfiltration und Spritzwiderstand. «Zwischen der Empa und uns gab es einen Know-how-Transfer, seit zwei Wochen prüfen wir nun inhouse an unserem Standort in Wien», sagt Marc Sidler von Testex.

Geforscht wird weiterhin an der Empa. Dort steht inzwischen eine Puppe, die atmen kann. An ihr können die kritisierten Luft-Lecks getestet werden.

Prüfkopf, der atmen kann am Empa-Standort in St.Gallen: Damit kann auch die Wirkung der häufigen seitlichen Luft-Lecks getestet werden.

Prüfkopf, der atmen kann am Empa-Standort in St.Gallen: Damit kann auch die Wirkung der häufigen seitlichen Luft-Lecks getestet werden.

Bild: Tobias Garcia

Dies ist Teil der nächsten Forschungsetappe: Die Agentur für Innovationsförderung des Bundes, Innosuisse, bezahlt ein Projekt mit 45 Schweizer Firmen aus der Maschinen- und Textilbranche, welche noch sicherere Masken herstellen möchten. «20 Forscher arbeiten mit Hochdruck daran», sagt René Rossi, der an der Empa forscht und auch Mitglied der Swiss-Covid-Taskforce ist.

Virentötende Beschichtungen sollen helfen

Bezüglich Partikelfilter muss die Balance zwischen Tragekomfort und Sicherheit gehalten werden. Rossi findet: «Ein Mikrometer ist ein guter Kompromiss.» Das ist die mittlere Grösse eines Aerosols. Das Coronavirus ist zwar zehnmal kleiner, doch es bleibt in der Regel trotzdem hängen, da es meist von Wassermolekülen umhüllt ist. Die dichteren FFP-Masken sind über mehrere Stunden unangenehm zu tragen, Rossi empfiehlt sie Risikopersonen in Räumen mit vielen Personen.

Ebenfalls im Fokus der Forschung sind virentötende Beschichtungen von Mehrweg-Masken. Da untersuchen die Forscher nun, wie sich die Schicht beim Waschen verhält.

Und wann kommt ein Standard für alle? Das europäische Dokument CWA für Community-Masken entstammt französischen Tests zu einem Zeitpunkt, wo man noch dachte, die Coronaviren könnte nicht via Aerosole übertragen werden. Der Filtrationstest prüft nur auf drei Mikrometer genau. «Es bringt deshalb nichts, Normen zu früh zu etablieren», sagt Rossi. «Wir versuchen zu erreichen, dass bei einem Zertifikat für Community-Masken eine europäische Norm für ein Mikrometer gilt.» Die andere Möglichkeit: Man schafft eine Schweizer Norm.


Das sind die Masken für Risikopersonen in Räumen mit vielen Personen:

FFP-Masken bieten sicheren Schutz auch für Träger. FFP2 muss 94% aller Partikel filtern, FFP3 99%. Und zwar 0,6 Mikrometer grosse Partikel. So werden auch Viren gefiltert, nicht nur Bakterien. Es muss auf die Zertifizierung CE geachtet werden, gefolgt von einer Nummer wie zum Beispiel EN 149:2001.

Nicht-Risikopersonen in Räumen mit anderen Personen tragen am besten diese:

Hygienemasken schützen Patienten vor der Atemluft eines Chirurgen. Das heisst, es werden so viele Partikel herausgefiltert, dass sich ein Raum nur langsam mit Viren und Bakterien anreichern kann. Eine Ansteckung wird unwahrscheinlich. Sie filtern Bakterien zu 95%. Viren sind kleiner und können, falls verpackt in besonders kleine Hüllen (Aerosole), durchschlüpfen. Doch eben: Bei diesen Einweg-Masken geht es um die deutliche Reduktion der Ansteckungswahrscheinlichkeit.

Community-Masken aus Stoff sind meist mehrfach verwendbar. Die Bezeichnung steht nicht für einen einheitlichen Standard. Doch es gibt Empfehlungen: Masken nach den Kriterien der Swiss-Covid-Taskforcemüssen ein Mikrometer kleine Partikel zu mindestens 70% herausfiltern.

Diese Firmen bieten gewisse Masken mit dem Testex-Label an:

Die Sticker-Firmen Forster Rohner, Inter-Spitzen und Jakob Schlaepfer sowie Schoeller Textil.

Die Maske Livinguard Pro hat bei Tests der Fachhochschule Nordwestschweiz für den «Beobachter» eine ebenso gute Bewertung wie chirurgische Hygienemasken erhalten.

Weitere Hersteller, welche die Empfehlungen der Taskforceanwenden: Cilander, Flawa (FFP2-artige-Masken), Universal Reusable Packaging.

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