Erziehung
Die Kinderplage: Intolerante Gesellschaft oder faule Eltern? Sieben Anekdoten

Haben Sie sich schon mal so richtig über ungezogene Kinder in der Öffentlichkeit geärgert? Doch wie ist es denn eigentlich mit der Kinderplage nun: Ist die Gesellschaft intolerant oder sind die Eltern zu faul, um durchzugreifen? Wir befeuern die Diskussion: Sieben Anekdoten von Konflikt-Situationen mit Kindern aus unterschiedlicher Optik.

Sabine Kuster
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Da sitzen sie und trinken ihr Feierabendbier wie immer. Oder brunchen mit Freunden, wie sie das schon gemacht haben, bevor die Kinder da waren. Weil hey: Sie leben ihr Leben trotz Kinder weiter. Und sie lassen sich beim Reden nicht von den herumtollenden Kleinen ablenken.

Eltern mit einer solchen Einstellung haben Nordwestschweiz-Kolumnist Peter Rothenbühler zu seinem gestrigen Pamphlet veranlasst. Er findet: «Wenn Eltern mit kleinen Kindern ins Restaurant gehen, sollten sie auch zu ihnen schauen und dafür sorgen, dass sie weder Betrieb noch Gäste stören.»

Und er erzählt das Beispiel eines Lausanner Wirts, der sich via Facebook über Eltern in seinem Restaurant beschwerte, die ihre Kinder beim Stofftischtücher-Bemalen und Gläser-Zerschlagen gewähren lassen.

Wir befeuern die Diskussion gerne mit Anekdoten weiterer unmöglicher Eltern. Und Anekdoten schwitzender Eltern. Denn manchmal muss man den Nachwuchs ausserhalb der geschützten Zonen bringen. Ausserhalb der Wohnung, Kita, Schule oder des Spielplatzes, rein in die geordnete Welt. Und dann schwitzen sie, die Eltern.

Volle Windel in der Alhambra

Eltern sollen ihre Kinder im Griff haben. Geht aber nicht immer – wenn es zum Beispiel um das kleine Geschäft geht. In der spanischen Alhambra zu Granada warten wir seit einer halben Stunde in brütender Hitze auf Einlass in die historischen Gemächer: eineinhalbjähriger Enkel, Mutter, Grosi und Opi. Endlich gehts rein und just in dem Moment füllt sich Enkels Windel. Natürlich gibts in den heiligen Hallen kein WC. Dafür steht da ein alter Stuhl, auf den Opi sich setzt, Enkel auf den Schoss – und mitten im Touristenstrom wird geputzt, schwitzend natürlich, aber ganz fokussiert aufs Geschäft. Martin Moser

Entschuldigung wegen der leeren Batterie

In der Migros in unserem Quartier kniet ab und zu ein Zweijähriger vor den Gestellen mit den Spielwaren. Dort drückt er auf die Knöpfe der Feuerwehrautos, Traktoren und Helikopter. Sirenen, Brummen und Knattern ertönt. Und keine Eltern, die ihn davon abhalten. Nein, die befinden sich jeweils noch in der Lebensmittelabteilung und kaufen entspannt ein. Am Schluss holen sie den Kleinen ab, der ihnen regelmässig entwischt Richtung Spielzeugautoregal. Der Zweijährige ist unserer und falls Sie je ein Spielzeugauto mit leerer Batterie erwischen: Schicken Sie mir die Rechnung. Sabine Kuster

Geschrei in der magischen Stimmung

Kürzlich beim Herbstfest in unserem Hof. 50 Leute, mittendrin eine Kollegin, die Geburtstag feierte. Es war bereits dunkel, die Stimmung auf dem Höhepunkt, fast schon magisch. Mit Gesang und Wunderkerzen freuten sich alle über das Wiegenfest. Dann unterbrach plötzlich das infernalische Geschrei meines Buben (6) den lauen Spätsommerabend. Er hatte sich, ganz leicht nur, an einer Kerze den Finger verbrannt. Nach dem Geschrei minutenlange peinliche Stille. Das wars dann mit der Magie. Micha Wernli

Kinder-Böög auf der weissen Bluse

Kinder tun nun mal freche Dinge. In manchen Situationen aber sind sie einfach nur doof – und ihre Eltern. So wie damals, als mir im Bus ein kleines Mädchen spontan ihren schleimigen Popel auf meine weisse Bluse strich. Ich war zu schockiert, um das Mädchen darauf hinzuweisen, dass ich das wenig cool finde. Auch wäre es angemessen gewesen, wenn mir ihre Mutter wenigstens ein Taschentuch gereicht hätte, um das Ding wegzumachen. Doch diese grinste einfach.
Maria Brehmer

«Ich bin nur ein achtjähriges Kind»

Familienwagen von Zürich nach Bern. Ich kann nicht sagen, was schlimmer war: Die unflätigen Kinder oder der hilflos aggressive Tonfall der Mutter. Spätestens als die älteste Tochter der Mutter «Ta gueule» nachrief, verliessen alle französischsprechenden Familien das Abteil. Die Kinder hörten laut Musik mit dem iPad und tanzten (ein beschönigender Begriff). Irgendwann begann die älteste Tochter auf dem iPad zu spielen. Sie fluchte – auf Englisch. Sh... und F... Ich sagte dem Mädchen, sie solle sich mässigen. Sie antwortete mir: «Ich bin nur ein achtjähriges Kind.» Ihre Message: Ich muss mich nicht benehmen wie eine Erwachsene. Die Mutter fragte, ob mich ihre Kinder gestört hätten. Es muss ihr entgangen sein, dass sich der Wagen entleert hatte. Sie rechtfertigte sich: «Ich stelle meine Tochter zu Hause zur Rede. In der Öffentlichkeit ist das kontraproduktiv.» Doris Kleck

Machtspiel auf öffentlichem Grund

Just als wir vor der Migros stehen, behauptet der Kleine (4), er könne nicht mehr gehen. Mein Zureden hat den gegenteiligen Effekt: Er wirft sich auf den Boden und schreit. Nachdem ich ihm zum zweiten Mal versichert habe, dass ich ihn sicher nicht tragen werde, betrete ich das Geschäft durch die Glastür ohne ihn. Keine zehn Sekunden später steht eine Frau beim Sohn: «Wo ist denn deine Mama?» Sofort gehe ich raus und kläre sie darüber auf, dass ich der Vater bin und hier nur gerade ein Machtspiel auf öffentlichem Grund ausgetragen wird. Sie scheint zu verstehen, sagt aber dennoch: «Am Abend ist Mama wieder bei dir.» – «Nein», sagte ich. «Heute ist Papatag.» Den Kleinen nehme ich nun doch auf die Schulter und trage ihn bis zum Einkaufswagen in die Migros. Raffael Schuppisser

Zuerst ein Erinnerungsbild des Sohnes

Der Kleine ist ein Frechdachs. Kaum sieht er im Zoo von Auckland das Gehege der Keas, dem Nationalvogel Neuseelands, ist er schon über das Geländer gesprungen und kraxelt auf allen vieren dem Bergpapagei entgegen. Und was macht seine Mama? Statt ihren etwa Sechsjährigen zurückzubeordern, holt sie ihr Handy aus der Handtasche und beginnt den Sohnemann mitsamt Papagei zu fotografieren. Erst als genügend schöne Bilder inklusive Grimasse und Peace-Zeichen im Kasten sind, beordert sie den Kleinen zurück. Leider hat ihm der Kea nicht ins Gesicht gepickt. Jakob Weber

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