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Kapuziner Niklaus Kuster: «Die Kirche ist eine grosse Familie»

Im Gespräch mit dem Schweizer Kapuziner Niklaus Kuster: Er berichtet von der lebendigen Kirche Lateinamerikas.
Martin Spilker, kath.ch
Kapuzinerbruder Niklaus Kuster (57). (Bild: PD)

Kapuzinerbruder Niklaus Kuster (57). (Bild: PD)

Bruder Niklaus ist viel unterwegs. Er unterrichtet Kirchengeschichte am Religionspädagogischen Institut Luzern, er vermittelt künftigen kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Grundlagen der Spiritualität. Zudem hält er weitherum Vorträge und pflegt ein breites Netzwerk. Seine Unterrichtstätigkeit in Madrid hat ihm diesen Sommer eine Einladung in drei zentralamerikanische Staaten gebracht. Der 57-Jährige bereiste das mexikanische Hochland von Oaxaca und unterrichtete in Guatemala und San Salvador. Es hat Kusters Horizont erweitert: «Was mich überall sehr beeindruckt hat, das war die trotz allen wirtschaftlichen und politischen Belastungen spürbare Lebensfreude.»

Erfahren hat er das mitunter in Gottesdiensten, die mangels Priestern in den peripheren Regionen in Lateinamerika zumeist als Wort-Gottes-Feiern gehalten werden. «Ich war in einer Region, in der drei unserer Mitbrüder, davon zwei Priester, als Seelsorger tätig sind. Zu ihrem Arbeitsgebiet gehören 49 ‹Comunidades›. Und jede dieser Gemeinschaften hat eine Kirche – und ist sehr lebendig.» Kommt dazu, dass sehr viele junge Leute sich in den Gemeinden engagieren würden.

Franziskus ist «einer von ihnen»

Die dörflichen Gemeinschaften werden mehrheitlich durch sogenannte Katechisten, Animatoren aus dem Dorf, geleitet und geprägt. Die Priester und Seelsorger würden diese ausbilden und zu besonderen Anlässen in den Ort kommen. «Wenn einmal Eucharistie gefeiert werden kann, dann ist das ein grosses Fest, bei dem die Leute von weither kommen», sagt der Kapuzinerbruder. Ganz im Gegensatz zur Situation bei uns: «Unsere Gemeinden sind zu sehr priesterzentriert.» Die Grenzen von Seelsorgeeinheiten und Pastoralräumen würden nicht nach den Bedürfnissen der Gemeinschaften, sondern nach der Verfügbarkeit von Priestern und Seelsorgern gezogen. In Mittelamerika hingegen hat er Gemeinden erlebt, in denen die Leute vor Ort das Heft in die Hand genommen und das Gemeinschaftsleben organisiert haben.

Niklaus Kuster hat aber durchaus den Eindruck bekommen, dass die Gläubigen es schätzen würden, regelmässiger Messe zu feiern. Eucharistie ist im sehr schlecht erschlossenen Hochland von Mexiko in vielen Dörfern rar geworden. Damit spricht er ein Thema an, um das es sich auch an der bevorstehenden Amazonas-Synode im Vatikan drehen wird: Was kann die Kirche tun, um Gläubigen bei wachsendem Mangel an Priestern wöchentlich Eucharistiefeiern zu ermöglichen? Der einzige Weg führe über erweiterte Zulassungsbedingungen zum Amt.

Mit Papst Franziskus steht erstmals ein «Latino» der römisch-katholischen Kirche vor. «Franziskus stammt aus einer vitalen Kirche. Die lateinamerikanischen Ortskirchen wollen und sollen mit ihrer eigenen Kultur wahrgenommen werden und diese auch leben können», sagt Kuster. Hier erhofft er sich neue Impulse von der Synode, die über Lateinamerika hinausgehen. Denn die katholische Kirche sei juristisch und strukturell nach wie vor stark europäisch geprägt. Papst Franziskus aber wolle eine Dezentralisierung. Und eine geschwisterliche Kirche, ganz im Sinn von Franz von Assisi.

Enteuropäisierung der Kirche

«Noch keinem europäischen Papst ist es in den Sinn gekommen, den Namen Franziskus zu wählen», hält er dazu fest. Die Menschen in Lateinamerika würden spüren, was in dieser Spiritua­lität steckt. «Mich selbst fasziniert die Interpretation des franziskanischen Geistes im Handeln des Bischofs von Rom.» Dieser Geist der Geschwisterlichkeit und flacher Hierarchien beschleunigt eine Enteuropäisierung der Kirche, glaubt Kuster. Dass die vitale Kultur junger Kirchen nicht in unseren Alltag und unser Gemeindeleben übertragbar ist, liegt auf der Hand. «Aber sie kann zu einer Anfrage an uns werden. Und es relativiert, wie wir unsere eigene Kirchenkultur erleben.» Und er stellt fest, dass die Sicht von weltweiter Geschwisterlichkeit auch in den Dokumenten des Papstes zum Ausdruck kommt: «Auch das wirkt zurück auf mein Verhalten hier in der Schweiz.»

Für Niklaus Kuster steht ausser Frage, dass die Kirche in Europa mit oder ohne entschlossene Reformen eine Minderheit in dieser Gesellschaft wird. «Künftig werden Christen sich nicht mehr an einer staatlich unterstützten Landeskirche orientieren können», so Kuster. Das erfordere neue Formen der Vernetzung vor Ort. Ja, der Kapuziner geht noch einen Schritt weiter: «Die heutigen Landeskirchen werden sich an der Basis mehr und mehr der Situation von Freikirchen annähern. Monarchisch strukturierte Kirchenmodelle wie das römisch-katholische sind in Auflösung begriffen.»

Seine zweite Reise nach Lateinamerika hat dem Kapuzinerbruder erneut auch das schreiend ungerechte Gefälle in der Weltwirtschaft vor Augen geführt. Niklaus Kuster: «Wir können in Europa nicht guten Gewissens zum gleichen Vater im Himmel beten, wenn unsere Geschwister in der südlichen Welt hungern oder in von Rohstofffirmen vergifteten Regionen leben.»

Die Kirche sei eine geschwisterliche Gemeinschaft, letztlich eine ganz grosse Familie. «Lateinamerika erzählt auch von einer bewegten Missionsgeschichte. Sie ist voller Licht und Schatten, sucht das Gespräch mit der Gegenwart, ruft nach Selbstkritik und will uns in der Begegnung der Kulturen heute inspirieren.»

Hinweis
Der Kapuziner Niklaus Kuster lebt in Olten. Er hat in Freiburg Geschichte und in Luzern Theologie studiert, anschliessend in Rom in Spiritualität doktoriert. Er ist Verfasser einer Doppelbiografie über Franz und Klara von Assisi.

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