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Charlotte Roche – Die Königin der Peinlichkeiten

Die Erfolgs- und Skandalautorin Charlotte Roche hat mit ihrem Ehemann einen Podcast gestartet, um öffentlich über ihre Beziehung, Sex, flotte Dreier und Selbstbefriedigung zu reden. Für sie ist das kein Problem, für ihren Mann schon.
Katja Fischer De Santi
Charlotte Roche und ihr Ehemann Martin Kess (der sein Gesicht lieber nicht zeigen möchte) machen ihre Ehetherapie öffentlich. (Bild: Filiz Serinyel)

Charlotte Roche und ihr Ehemann Martin Kess (der sein Gesicht lieber nicht zeigen möchte) machen ihre Ehetherapie öffentlich. (Bild: Filiz Serinyel)

Charlotte Roche ist es egal, ob man sie peinlich findet. Was aber nicht bedeutet, dass ihr nichts peinlich wäre. Im Gegenteil: «Ich schäme mich andauernd, mindestens fünf Mal am Tag für etwas, das ich getan oder gesagt habe», sagte sie kürzlich in einem Interview. Erstaunlich für eine 41-jährige Frau, die hinlänglich dafür bekannt ist, dauernd irgendwelche Tabus zu brechen.

Aber sie kann sich einfach nicht zurückhalten. Wenn etwas in der deutschen Moderatorin und Autorin brodelt, dann muss es raus. Das war schon als Viva-Moderatorin in den 1990er-Jahren so, wo sie mit ihrem sehr persönlichen Interviewstil allerlei TV-Preise abräumte. Und das war bei «Feuchtgebiete» so. Ihrem so erfolgreichen, wie schamlosen Sexbuch, in dem sie 2008 über weibliche Intimbereiche, Körperbehaarung und Analfissuren schrieb wie im deutschsprachigen Raum noch keine Frau vor ihr. Und das ist in ihrem neuen Podcast so: «Paardiologie», in dem sie zusammen mit ihrem Mann Martin Kess eine Stunde lang über Liebe und Sex diskutiert, schonungslos offen und ehrlich. Im Zweifelsfall bis jemand weint.

Tabubruch als Karrierekonzept

Das passt perfekt zu ihr. Denn ihr Seelenleben ist seit bald 20 Jahren Teil von Charlotte Roches Berufsleben. Schonungslose Offenheit bis zum Tabubruch ist ihr Karrierekonzept. Ihre «kaputte Seele», ihre «zerstörte Kindheit», ihre «komisch bis krankhafte Sexualität», macht sie in Interviews und in ihren Büchern immer wieder zum Thema. Am schonungslosesten in ihrem zweiten Buch im Jahr 2011: «Schossgebete». Es handelt von den Neurosen und Sexeskapaden einer jungen Familienmutter. Dass sie darin in erster Linie sich selbst beschreibt, daraus machte sie keinen Hehl. «Die Idee ist es, sehr viel von sich preiszugeben,» erklärte sie 2011. Und beschrieb unter anderem auch den Unfalltod ihrer drei Brüder auf dem Weg zu ihrer 2001 geplanten Hochzeit. Schon bei ihrem Erfolgsroman «Feuchtgebiete» betonte sie stets, dass «etwa 70 Prozent» biografisch seien.

«Die Leute lügen, um sich zu schützen. Das mache ich nicht»

Dass sie an Magersucht gelitten hat, jahrelang Alkoholikerin war, sich immer wieder fast ins Koma trank – Charlotte Roche spricht und schreibt darüber, wie andere über ihren Abenteuerurlaub. Irgendwie leichtfüssig, ja humorvoll – nie aus der Opferrolle heraus, sondern immer mit der Attitüde der Überlebenden, der Kämpferin. Wo andere ein Tabu sehen, sieht sie nur das normale Leben toben.

Wobei sie die Kategorien «normal» gar nicht zu kennen scheint. Sie, die Tochter einer britischen Künstlerin und eines deutschen Ingenieurs, die mit zwei Sprachen, diversen Stiefvätern und wechselnden Wohnorten gross wurde und bis heute drunter leidet. In einem Interview mit der «Gala» sagte sie vor einem Jahr, dass sie jeglichen Kontakt zu ihren Eltern abgebrochen habe. Den Entschluss habe sie nach jahrelanger Therapie gefasst. In Therapie ist sie seit ihrem 14. Lebensjahr eigentlich ständig. Natürlich auch zusammen mit ihrem Mann, dem 15 Jahre älteren Fernsehproduzenten Martin Kess, der heute irgendwas mit Kaffee macht.

Nun produzieren die beiden also wöchentlich einen Podcast, den sie selbst als «Therapie, nur viel günstiger» beschreiben. Das Konzept ist einfach:. Da reden zwei durchschnittlich intelligente, überdurchschnittlich reflektierte und unterdurchschnittlich gehemmte Menschen nach 15 Jahre Ehe über alles, worüber sie viel zu wenig reden: Fremdgehen, flotte Dreier, Selbstbefriedigung, Abtreibungen, Abstürze und Ängste. Erstaunlich ist das vor allem für Martin Kess. Er, der die Öffentlichkeit bis jetzt immer gemieden hat und auf Fotos nicht erkennbar sein möchte, kehrt nun sein Seelenleben nach aussen. Das ist voyeuristisch, zum Teil belanglos, zum Teil wie eine Paartherapie – nur lustiger.

Das Beste am Podcast ist der Martin

Wer sich nun aber erhofft, von Martin und Charlotte die ultimativen Tipps für ein aufregendes Sexleben zu bekommen, der wird enttäuscht – zumindest in den ersten Folgen. Um Sex geht es nur implizit. Martin wünscht sich, dass Sex in der Ehe in Serien und Filmen lustvoller dargestellt wird.

Und Charlotte möchte ihren Mann an ihre Freundinnen ausleihen, damit «er mit denen macht, was er mit ihr macht», was Martin aber dankend ablehnt.

Sowieso ist dieser Martin Kess ein Segen. Nicht nur für Charlotte Roche, die er wie ein verletztes Vögelchen aufgepäppelt habe, wie sie selbst erzählt, sondern auch für die Hörer. Er ist der Ruhepol, der «Normalo», dem es auch mal unwohl wird, der es nicht nur lustig und krass findet, über Abtreibung und Eifersucht zu sprechen. Und er bringt Charlotte zum Weinen, wenn er ihr sagt, wie sehr er sie liebt und wie gross seine Angst jeden Tag ist, sie zu verlieren. Und so kommt es, dass man als Zuhörerin schon nach der ersten Folge Respekt vor diesem Martin bekommt, der diese Charlotte, die schon einen Tisch nach ihm werfen wollte, irgendwie aushält.

Fazit: Wenn jemand fünfzehn Mal eine Stunde lang über die eigene Beziehung reden kann, dann ist das Charlotte Roche. Die ungekrönte Königin der Selbstoffenbarung, die immer genau dorthin zielt, wo es wehtut, um dann einfach alles wegzulachen.

Paardiologie: jeden Freitag, 15 Wochen lang eine neue Folge auf Spotify.com

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