Die erste Schweizer Pfarrerin, die auch noch Hosen trug – Greti Caprez' Anstellung war ein Skandal

Greti Caprez war 1931 die erste Schweizer Pfarrerin. Ihre Anstellung war ein Skandal, denn die reformierte Kirche verbot damals den Frauen die Kanzel. Im Bündner Bergdorf Furna kümmerte das niemanden.

Annika Bangerter
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Greti Caprez hat als eine der ersten Frauen in der Schweiz Theologie studiert. (Bildquelle: Nachlass Greti Caprez)
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Greti Caprez mit ihren Eltern und ihren Geschwistern in Igis (GR). In der Kirche im Hintergrund war ihr Vater Pfarrer. (Bildquelle: Nachlass Greti Caprez)
In dieser Kirche im Bergdorf Furna (GR) predigte Greti Caprez jeden Sonntag. Ihre Pfarrerkollegen im Tal tobten deswegen. (Bildquelle: Nachlass Greti Caprez)
Die Einwohner von Furna (GR) holen ihre frisch gewählte Pfarrerin im Tal ab. Dass ihre Wahl gegen geltendes Recht verstiess, kümmerte sie nicht. (Bildquelle: Nachlass Greti Caprez)
Die Pfarrerin Greti Caprez trägt ihren Sohn durchs Dorf. (Bildquelle: Nachlass Greti Caprez)
Die Pfarrerin Greti Caprez mit einer Taufgemeinde. Entgegen allen Drohungen und Kritik halten die Einwohner von Furna (GR) zu ihr. (Bildquelle: Nachlass Greti Caprez)
Im Sommer predigte Greti Caprez jeweils auf der Alp. Bauern haben ihr dafür eigens eine Kanzel gebaut. (Bildquelle: Nachlass Greti Caprez)
Die Pfarrerin Greti Caprez mit ihrem Mann und ihrem Sohn vor der Kirche in Fruna (GR). Sie trug im Winter Hosen – zum Ärger ihrer Widersacher. (Bildquelle: Nachlass Greti Caprez)

Greti Caprez hat als eine der ersten Frauen in der Schweiz Theologie studiert. (Bildquelle: Nachlass Greti Caprez)

Es waren 18 Bergbauern, die Geschichte schrieben. An einem Sonntag im September 1931 wählten sie Greti Caprez zur Pfarrerin der kleinen Bündner Gemeinde Furna. Einstimmig. Und im Wissen, dass sie sich ­damit Ärger einbrocken. Was die 18 Männer beschlossen, sah das damals geltende Recht nicht vor: Einzig Männern war die Kanzel vorbehalten.

Trotz des absehbaren Skandals schleppten am 3. Oktober 1931 drei Pferdewagen Möbel und Koffer ins Prättigauer Bergdorf. Hinter ihnen schob die 25-jährige Greti Caprez ihren Sohn im Kinderwagen den Berg hoch. Es war ein pionierhafter Aufstieg: Mit Greti Caprez, Theologin und Mutter, trat als erste Frau vollamtlich ein reformiertes Pfarramt in der Schweiz an. Illegal.

Ihre Geschichte ist soeben in Buchform erschienen. Aufgeschrieben hat sie Gretis Enkelin, die Journalistin Christina Caprez. Liebevoll, aber keineswegs verklärt beschreibt sie den ­steinigen Weg ihrer Grossmutter. Es ist das Porträt einer eigensinnigen und leidenschaftlichen Frau – und gleichzeitig ein Sitten­gemälde der Schweiz im 20. Jahrhundert.

Mit Greti Caprez zog in den 1930er-Jahren eine Frau ins Bergdorf, die radikale feministische Forderungen vertrat und offen über Sexualität sprach. Das erfuhren bereits ihre Professoren an der Theologischen Fakultät der Universität Zürich. In ihrer Abschlussprüfung im Fach «christliche Ethik» schrieb Greti Caprez sowohl gegen die Monogamie als auch gegen die Geschlechterrollen: «Die Mutter versteht die Probleme ihrer Kinder nicht, weil sie sich nur mehr in ihrer Stube auskennt, und der Vater, weil er seinen Kindern ein Fremder ist.»

Die Landeskirche droht – und dreht Geldhahn zu

Ihre polyamore Neigung lebte die Bündner Pfarrerstochter einzig in ihren Studienzeiten aus. Während fünf Monaten küsste sie zwei Männer. In ihr Tagebuch notierte sie 1926: «Sie glauben beide an mich, haben mich beide lieb. Was brauche ich danach zu fragen, dass es zwei sind!» Vier Jahre später zog dieser aufgeschlossene Geist – inzwischen mit einem Ehering am Finger – ins Furner Pfarrhaus ein. Konnte das gut gehen?

Mit ins Pfarrhaus kam auch ein Heft, das Greti Caprez mit dem Titel «Gehört die Frau auf die Kanzel?» beschriftet hatte. Darin sammelte sie sämtliche Zeitungsartikel, in denen über die Zulassung von Pfarrerinnen debattiert wurde. Ein grosser Befürworter war ihr Vater Joos Roffler, der reformierte Pfarrer in der Bündner Gemeinde Igis. Noch während seine Tochter im fernen Zürich studierte, beantragte er, Frauen in die Synode aufzunehmen. Mit ihrem Antritt als Pfarrerin erfüllte sich auch sein Wunsch. Die meisten seiner Kollegen hingegen tobten.

Aufrührerische Motive oder Suffragetten wurden hinter der Wahl vermutet. Nicht nur das Aufwachsen von Gretis Sohn galt als gefährdet, sondern gleich das ganze Vaterland. Während im Tal giftige Leserbriefe geschrieben wurden, hielten die Einwohner von Furna an ihrer Pfarrerin fest. Im Dorf galt: «Wenn unser Herr keinen anderen Fehler hat, als dass er einen Rock trägt, so behalten wir ihn.» Die Furner boten der Landeskirche selbst dann die Stirn, als diese das Kirchenvermögen der Gemeinde beschlagnahmte. Geld oder die Pfarrerin: Mit diesem drastischen Schritt versuchte die Kirche Greti Caprez zu stürzen. Doch die Machtdemonstration glitt an den steilen Hängen des Bergdorfs ab. In weiser Voraussicht hatte die Gemeinde ihrer Pfarrerin einen Jahreslohn im Voraus bezahlt.

Die Pfarrerin führt Skihosen für Mädchen ein

Greti Caprez war in Furna keine Unbekannte. Sie hatte einen Grossteil ihrer Schulferien bei ihren dort ansässigen Grosseltern verbracht. Mit den Jugendlichen aus dem Dorf hatte sie im Schein einer Petroleumlampe getanzt; und mit dem Grossvater den Stall ausgemistet. Als Gemeindepräsident war er eine Respektsperson. Dies in Kombination mit ihren äusserst bescheidenen Lohnansprüchen und einem grossen Pfarrermangel trug zu ihrer Wahl bei.

Bereits in ihrem ersten Winter als Pfarrerin nutzte sie ihre Position für eine im Prättigau ­revolutionäre Reform. Sie führte Skihosen für Mädchen ein – Hosen galten damals an Frauen als anstössig. Doch Greti Caprez entsetzte die vom Schnee durchnässten Röcke an ihren Religionsschülerinnen. Sie selbst zog im Winter mit Hosen und festen Bergschuhen durch das Dorf. Auf einer Rückentrage, die ansonsten genutzt wurde um Käse ins Tal zu transportieren, trug sie ihren Sohn. Die Furnerinnen freuten sich, wenn die Pfarrerin den Kleinen bei den Seelsorgebesuchen mitbrachte. Diese organisierte zudem Mütter- und Ledigenabende, gab Religionsunterricht und füllte sonntags die Kirche. «Dia lömmer gwüss nümma fort», sagte der Aktuar der Kirchgemeinde.

Die Abschiede vom «Ehekamerad»

Dass Greti Caprez ihren Traum leben konnte, verlangte ein grosses Opfer: die räumliche Trennung der Familie. Ihr Mann Gian arbeitete und wohnte in Pontresina. Die regelmässigen Abschiede von ihm fielen ihr schwer. Insbesondere, wenn sie wieder einmal mit harscher Kritik konfrontiert war: «Als Du letzthin gingest, schien ich Dir wohl so mutig. Aber ich bin eigentlich nicht mutiger geworden. Ich weiss nicht, wie lange ich noch aushalten kann.»

Ihr Hadern wurde grösser, als sie erneut schwanger war und sich in der Dorfgemeinschaft Risse auftaten. Indem sie etwa an Mütterabenden offen über Sex sprach, zog sie den Unmut von frommen Dorfbewohnern auf sich. Zwar stand die Pfarrerin bereits sechs Wochen nach der Geburt ihrer Tochter wieder auf der Kanzel, doch ihre Kräfte schwanden. Auch wollten sie und ihr «Ehekamerad», wie Greti ihren Mann nannte, wieder zusammenziehen. Sie wünschten sich Beruf, Liebe und Elternschaft zu teilen.

Er, der Ingenieur und Brückenbauer, entschied sich zu einem Theologiestudium. Greti verliess im Gegenzug ihr geliebtes Bergdorf und zog mit ihm nach Zürich. Damit endete die dreijährige Amtszeit der illegalen Pfarrerin. Erst 29 Jahre später wurde sie im Grossmünster in Zürich ordiniert und dadurch offiziell als Pfarrerin anerkannt. Zu diesem Zeitpunkt war Greti Caprez 57 Jahre alt – und fünf­fache Grossmutter.

Buch: «Die illegale Pfarrerin. Das Leben von Greti Caprez- Roffler 1906–1994».  Von Christina Caprez, Limmatverlag, 392 Seiten, Fr. 44.–.