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Die Riffe dürfen nicht erblassen

Die grössten Ökosysteme der Erde, die es neben den Regenwäldern gibt, sind bedroht. Schuld am allmählichen Niedergang der Korallenriffe ist auch der Klimawandel. Höchste Zeit, das Segel zu wenden.
Christian Satorius
Ein bisschen blass: Dieses flache Korallenriff zeigt typische Spuren von Stress. (Bild: Getty)

Ein bisschen blass: Dieses flache Korallenriff zeigt typische Spuren von Stress. (Bild: Getty)

Die Weltmeere im Fokus: Während der 8. Juni von der Unesco zum «Welttag der Ozeane» ausgerufen wurde, schreiben wir das gesamte Jahr 2018 über das «Internationale Jahr des Riffs». Eine gute Gelegenheit, um auf die äusserst bedenkliche Bedrohung der Korallenriffe aufmerksam zu machen.

Korallenriffe sind wahre Wunderwerke der Natur: Die grössten Bauwerke der Erde wurden nicht von Menschenhand ­geschaffen, sondern von Lebe­wesen, die nur wenige Millimeter klein sind. Winzige Nesseltierchen erschufen sie in Hunderttausenden, mancherorts in Millionen von Jahren: gigantische Korallenriffe wie das Great Barrier Reef, das sich an der Ostküste des australischen Bundesstaates Queensland im Südpazifik über eine Länge von 2300 Kilometern erstreckt.

Great Barrier Reef: Hier tummeln sich sogar Wale

Allein in diesem grössten Korallenriff der Erde, das aus nahezu 3000 Einzelriffen besteht, tummeln sich über 1500 verschiedene Fischarten, vom kleinen Anemonenfisch bis hin zum grössten Fisch der Erde, dem Walhai. Hunderte unterschiedliche Korallenarten bilden einen einzigartigen Lebensraum für Abertausende von Lebewesen, angefangen von winzigen Bakterienarten und Algen, über Muscheln, Schwämme, Krebse sowie Seeigel bis hin zu Meeresschildkröten, Seekühen, ja sogar Walen. Doch diese bunte Vielfalt ist bedroht – und zwar nicht nur am Great Barrier Reef in Australien, sondern weltweit.

Wird es 2050 überhaupt noch Korallenriffe geben?

Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass in den letzten 30 Jahren «zwischen 25 und 50 Prozent aller lebenden Korallen weltweit» verloren gingen. «Bis zur Mitte des Jahrhunderts könnten die Korallenriffe als funktionierende Ökosysteme in den meisten Teilen der Welt verschwunden sein.» Weltweit wird darum mit Hochdruck daran gearbeitet, das Sterben der Korallenriffe zu verhindern, die neben den Regenwäldern die grössten Ökosysteme der Erde darstellen, ja aus diesem Grund auch «Regenwälder der Meere» genannt werden.

Es bleiben genug Möglichkeiten, um die Riffe zu schützen.

Doch das ist nicht so einfach, denn die Gefahren sind mannigfaltig, und einigen von ihnen ist nicht so leicht beizukommen, allen voran dem Klimawandel. Dieser setzt nämlich ausgerechnet den sogenannten «Riffbildnern» extrem zu, den Organismen also, welche die Riffe zu dem machen, was sie sind. Tropische Korallenriffe sind nämlich vor allem aus Steinkorallen aufgebaut, winzigen Nesseltierchen, die über ein Kalkskelett verfügen. Diese sogenannten «Polypentierchen» leben in Symbiose mit mikroskopisch kleinen Algen, die sie in ihr Gewebe einlagern. Die Mikroalgen produzieren nun mittels ­Fotosynthese Zucker und andere Nährstoffe, die sie zu einem grossen Teil an ihren Korallenwirt ­abgeben. Im Gegenzug bewahren die nesselnden Polypentierchen ihre Symbiosepartner vor Fressfeinden und versorgen sie ihrerseits mit Kohlendioxid und anderen Stoffen, für die nun wiederum die Algen Verwendung haben.

Steigt die Wassertemperatur, bleichen die Korallen aus

Problematisch wird das Zusammenleben der beiden ungleichen Partner nun allerdings, wenn die Wassertemperatur zu stark ansteigt, so wie es durch den Klimawandel immer häufiger vorkommt. Oberhalb einer Wohlfühltemperatur von maximalen 30 Grad Celsius stossen die Polypen ihre Algen nämlich ab – und zwar mit fatalen Folgen für beide Partner, denn damit ist die gegenseitige Nährstoffversorgung nicht länger sichergestellt. Dieser Vorgang wird auch als «Korallenbleiche» bezeichnet, da die Algen auch für die Färbung der Korallen sorgen und mit ihrem Verlust nun das weisse Kalkaussenskelett der Korallentierchen optisch dominiert. Ändert sich die Wassertemperatur also nicht schnell wieder, so verhungern die kleinen Nesseltierchen und die Korallen bleiben dauerhaft totenbleich.

Faszinosum Korallenriff

Korallenriffe erstrecken sich heute weltweit über eine Fläche von insgesamt 600 000 Quadratkilometern. Neben den Regenwäldern bilden sie die artenreichsten Ökosysteme der Erde. 60 000 Spezies sind bekannt, die in Riffen leben, Wissenschafter gehen aber davon aus, dass es weit mehr als eine Million Arten sind. Darunter allein 5500 verschiedene Fischarten. Selbst Hochseefische nutzen den Schutz der Riffe für ihren Nachwuchs als Kinderstube. Aber auch Reptilien, wie Seeschlangen und Meeresschildkröten, sowie Säugetiere, wie Seekühe, Wale und Delfine, gibt es hier. Ebenso wie Weichtiere, Schwämme, Stachelhäuter, Würmer, Krebse und andere. Unter den 3800 bekannten Korallenarten sind 1300 Spezies riffbildende Steinkorallen. Aber auch Pflanzen leben hier, wie die für die Riffe so wichtigen Mikroalgen. (sat)

Und das ist noch nicht einmal alles. Die Meere versauern durch den hohen CO2-Eintrag nämlich zunehmend, was ebenfalls den Korallentierchen und ihren ­Algenpartnern schwer zusetzt. «Wir dürfen allerdings den Klimawandel nicht als Alibi für das Nichtstun missbrauchen», meint Reinhold Leinfelder. «Es bleiben genug Möglichkeiten, um die Riffe zu schützen», ist der Experte von der Freien Universität in Berlin überzeugt.

Schön rot: Fächerkoralle im Indischen Ozean. (Bild: Getty)

Schön rot: Fächerkoralle im Indischen Ozean. (Bild: Getty)

Dazu gehört den Fachleuten zufolge unter anderem das Verbot der Schleppnetzfischerei, bei der tonnenschwere Netze über den Grund der Ozeane gezogen werden, die auf ihrem Weg über den Meeresboden eine Spur der Vernichtung und Verwüstung hinterlassen. Überhaupt ist die Überfischung ein grosses Pro­blem, und zwar nicht nur für die Riffe. Auch heute noch wird vielerorts illegal mit Dynamit und Giften gefischt.

Die Meere werden als Müllkippe missbraucht

Meerestiere werden zu Aber­tausenden in der traditionellen asiatischen Medizin zu allerlei ominösen Wundermittelchen verarbeitet oder verstauben als vom Urlaubsort mitgebrachtes Souvenir zu Hause im Regal. Immer noch werden auf der ganzen Welt Abwässer ungeklärt in die Ozeane geleitet und die Meere als gigantische Müllkippe genutzt. Nicht nur die daraus resultierende Überdüngung der Meere und der sich anhäufende Plastikmüll sind ernst zu nehmende Bedrohungen. Auch das Aufwerfen künstlicher Inseln, das immer mehr in Mode kommt, schadet den Korallenriffen. Nicht nur, dass sie unter dem Sand begraben werden. Der aufgewirbelte Sand trübt auch das Wasser auf längere Zeit ein, so dass den Mikroalgen nicht mehr genügend Sonnenlicht für ihre Fotosynthese zur Verfügung steht und sie die Korallentierchen nicht mehr ­ausreichend mit Nährstoffen versorgen können.

Die Liste der vielfältigen Gefahren ist damit noch nicht beendet, doch es gibt auch Hoffnung für die Riffe. Weil deren Bedrohung zumeist vom Menschen verursacht ist – und der kann sich ändern. Er muss es nur tun.

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