Die Rückkehr des Grössenwahns: Das Jahrzehnt der Hochhäuser in Schweizer Städten

Wer hat das Grösste? In den letzten zehn Jahren entdeckten die Schweizer Städte das Hochhaus wieder, nachdem es vorher lange Zeit verpönt war. Kritiker monieren, Firmen würden Städten den Stempel aufdrücken.

Pascal Ritter
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Aus 162 Metern Höhe wirken die Züge und Autos, die unten über die Rheinbrücke Richtung Deutschland fahren, wie Spielzeuge. Die Aussicht in den Jura und auf der anderen Seite bis zu den ­Vogesen raubt einem den Atem. Die umliegenden Hügel spiegeln sich in der Rückwand der Pebbles-Lounge. Das ist die Bar ganz oben im Roche-Turm in Basel. Er ist mit 178 Metern das höchste Gebäude der Schweiz. Zuoberst haben nur die Haustechniker Zugang. Das höchste begehbare Stockwerk liegt auf den beschriebenen 162 Metern.

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An diesem sonnigen Wintersamstag sieht das stufenförmig gebaute Hochhaus von weitem eher unscheinbar aus. Der Himmel spiegelt sich blau im Fensterglas und die weisse Fassade lässt das Ungetüm in den Wolken beinahe verschwinden. Oben erzählt eine Roche-Mitarbeiterin die Geschichte von Fritz Hoffmann, der mit Hustensaft anfing und einen Weltkonzern gründete. Wie gross und wie bedeutend der Pharmaproduzent für die Region ist, kann seit der Eröffnung im Jahr 2015 ­jeder schon von weitem sehen.

Und für manchen Basler besonders wichtig: Der Roche-Tower überragt das höchste Zürcher Hochhaus mit dem unbescheidenen Namen Prime-Tower um 52 Meter. Die «Prime-Trauer» hatte der Zürcher «Tages-Anzeiger» ausgerufen, als der 2011 eröffnete Büroturm als höchstes Gebäude der Schweiz schon wieder abgelöst wurde.

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Wiederentdeckung eines Schmuddelkindes

Die beiden Türme stehen für die Rückkehr des Hochhauses in den 2010er- Jahren. Der Trend ist global und wurde am 4. Januar 2010 mit der Eröffnung des Burj-Khalifa-Turmes in Dubai eingeläutet. Mitten in der Wüste glänzen 828 Meter Glas, Stahl und Beton.

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Schon einmal da gewesen war der Hochhausboom in den 1960er- und 1970er-Jahren. In diesen zwanzig Jahren wurden in der Schweiz über 340 Gebäude mit fünfzehn und mehr Stockwerken gebaut, wie in einer Immobilien-Studie der Credit Suisse nachzulesen ist. Es war die Zeit, als das ­Tscharnergut in Bern-Bethlehem, die Hardau-Hochhäuser in Zürich oder das Telli-Hochhaus in Aarau entstanden sind. Bei ihrer Eröffnung stiessen sie auf Begeisterung, doch bald schon galten sie als Schmuddelkinder.

«Die Hochhäuser wurden zunehmend als Problem wahrgenommen», sagt ETH-Architektur-Professorin Annette Gigon, die mit ihrem Partner Mike Guyer den Prime-Tower geplant und realisiert hat. Sie beschreibt die damalige Stimmung mit einer Anekdote: «Ich kann mich noch daran erinnern, wie ein Abfallsack für Schlagzeilen sorgte, der aus einem der oberen Stockwerke eines Hochhauses auf die Strasse fiel. Damals wurde auch kritisiert, dass Mütter ihre Kinder nicht mehr aus dem Fenster hereinrufen können oder den Kleinen die Stockwerknummer auf die Hand schreiben mussten.»

Annette Gigon

Annette Gigon

Die Wohnhochhäuser als Symbole für Gettoisierung und Verwahrlosung. Die Bürohochhäuser als Zeichen der Zubetonierung der Schweiz. In den letzten zwei Jahrzehnten beobachtete Gigon aber erneut ein Umdenken.

«Die Stadt wurde als Lebensraum wieder attraktiv, die Menschen kehrten vom Land zurück. Durch das In-die-Höhe-Bauen erhofft man sich nun mehr Freiraum am Boden.»

Eine Volksinitiative mit dem Titel «40 Meter sind genug» wurde in Zürich deutlich abgelehnt. Das zeigt für Gigon: «Viele Menschen möchten urban leben. Nicht nur das Niederdorf wird geschätzt, man wünscht sich auch ein grossstädtisches Zürich.»

Auf der Führung im höchsten Gebäude der Schweiz ist man sich einig. Oben «Ahs» und «Ohs», zurück am Boden Applaus. Ein aus Süddeutschland angereister Rentner ist genauso begeistert wie die Baslerin, die im Quartier aufgewachsen ist.

Es sind nicht nur die repräsentativen Hochhäuser wie der Roche- oder der Prime-Tower, die eine Renaissance ­erleben. Auch als Wohnraum sind sie wieder beliebt. Zwar erreicht die Zahl der neu eröffneten Wohntürme noch nicht die Boomzahl der 1960er- und 1970er-Jahre, aber es geht in diese Richtung. Die Gründe liegen in der neuen Attraktivität der Städte und sozialen Veränderungen: Die Menschen leben öfters alleine, beanspruchen mehr Platz und finden ihn in Wohntürmen.

«Gigantische Arroganz der Bauherren»

Die Hochhäuser stossen auch auf Kritik. «Die Botschaft des neuen Roche-­Turms zeugt von einer gigantischen Arroganz des Bauherren», schrieb der Architekt und ehemalige Kantonsbaumeister von Basel, Carl Fingerhuth. Er stört sich daran, dass der Bau zu wenig in das Stadtbild passe und dass er nicht öffentlich sei. Die Führungen am Wochenende sind eine der wenigen Gelegenheiten, das höchste Gebäude der Schweiz zu begehen.

Im Erdgeschoss des Roche-Turms verabschieden sich die Tourguides von den Teilnehmern. Manche gehen direkt, andere verweilen noch in einer Lounge mit digitalen 3D-Brillen. Durch sie sieht man in die Zukunft. Dort steht schon ein zweiter Roche-Turm, der gleich vis-à-vis gebaut wird. Er wird 205 Meter hoch und damit das höchste Haus der Schweiz.

Für die Schweiz bedeutet dies ein zweiter Rekord. Weltweit gesehen ist das Format geradezu bescheiden. In Dubai etwa bauen sie bereits an einem neuen Turm. Er soll rund 1300 Meter hoch werden.