Die Smartphone-Revolution: Wie ein Gerät ein Jahrzehnt geprägt hat

Das Smartphone ist angetreten mit dem Versprechen, unser Leben einfacher zu machen. Doch stattdessen wurde alles komplizierter. Allmählich dämmert uns, dass nicht die smarten Gadgets, sondern wir das Problem sind.

Raffael Schuppisser
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2010 hatten 350 Millionen Menschen ein Smartphone - jetzt 3,5 Milliarden

2010 hatten 350 Millionen Menschen ein Smartphone -
jetzt 3,5 Milliarden

An diesem Morgen nach der Party ist das Smartphone nicht mehr da. Weder in der Tasche, noch in der Jacke, noch in der Jeans. Es ist einfach weg. Panik! Dann macht sich allmählich ein Gefühl von Ohnmacht in Kristina breit. Sie möchte ihre Freunde um Hilfe bitten: auf Facebook, Whatsapp, Instagram und Snapchat. Aber wie ohne Smartphone?

Als das Gerät auch nach drei Tagen nicht ausfindig gemacht werden kann, beschliesst die 20-Jährige nicht etwa ein neues zu kaufen, sondern sich auf ein Experiment einzulassen. Auf ein Leben ohne Smartphone. Plötzlich wird ihr bewusst, wie abhängig sie eigentlich von diesem Ding war, das sie stets bei sich trug. Ihm hat der letzte Blick am Abend gegolten und der erste am Morgen. Die unzähligen Likes auf all den Kanälen haben sie durch den Tag getragen. Nun ist da: nichts.

Es zeigen sich Entzugssymptome. Sie glaubt, ein Vibrieren in der Tasche zu spüren, hat Angst, etwas Wichtiges auf den sozialen Medien zu verpassen, fühlt sich allein. Doch als all das überwunden ist, zeigt sich plötzlich ein neues Gefühl. «Ich war befreit», sagt sie heute. Man realisiere erst, wie sehr einen das Smartphone kontrolliert, wenn man keines mehr hat.

Das waren die Meilensteine:

2010 – Instagram: Die Fotoplattform geht an den Start und prägt unser ästhetisches Ideal. Fotos müssen «instagrammable» sein.
10 Bilder
2011 – Arabischer Frühling: Von Tunesien schwappen die Proteste auf Nachbarländer über. Das Werkzeug der Demonstranten: das Smartphone.
2012 – Tinder: Die Dating-App Tinder veränderte, wie sich Menschen kennen lernen, verlieben und wie sie zu Sex kommen.
2013 – 1 Million Apps: Tools für jede Lebenslage: Im App-Store von Apple wird die Schallmauer von 1 Million Apps durchbrochen.
2014 – Uber startet durch: Der umstrittene Fahrdienst Uber wird in der Schweiz populär. Es kommt zu Protesten von Taxifahrern.
2015 – Huawei erobert die Welt: Mit dem P8 beginnt der Aufstieg von Huawei als Handyhersteller. Es folgen Spionagevorwürfe und Blockaden.
2016 – Pokémon Go: Millionen von Spielern begeben sich mit Pokémon Go auf Monsterjagd. Die Hersteller nahmen damit über 2 Mrd. Dollar ein.
2017 – Donald Trump: Der neue US-Präsident macht über Twitter Politik. Staatschefs werden per Tweet beleidigt und eigene Minister gefeuert.
2018 – Cambridge Analytica: Der grösste Datenskandal wird publik: 87 Millionen Nutzerdaten von Facebook wurden unrechtmässig verwendet.
2019 – 5G: Die neue Generation des mobilen Internets soll die Vernetzung weiter vorantreiben. Doch sie stösst auf Kritik.

2010 – Instagram: Die Fotoplattform geht an den Start und prägt unser ästhetisches Ideal. Fotos müssen «instagrammable» sein.

Keystone

Auch Populisten und Terroristen haben Smartphones

So wie Kristina geht es heute vielen, auch wenn sich die wenigsten entschliessen, ohne Smartphone zu leben. Die Party ist vorbei, die Katerstimmung macht sich breit. Das Smartphone hat nicht gehalten, was es versprochen hat.

Das Selfie und Instagram haben die ästhetischen Ideale des Jahrzehnts geprägt.

Das Selfie und Instagram haben die ästhetischen Ideale des Jahrzehnts geprägt.

Getty

Wie euphorisch wir doch mit unseren smarten Geräten in den Händen in dieses Jahrzehnt gestartet sind! Tausende Apps, jeden Tag gab es etwas Neues zu entdecken, das ganze Internet in der Tasche. Und diejenigen, die noch keines hatten, liessen sich bald überzeugen, dass auch sie ein iPhone brauchten. Android-Handys gab es damals noch kaum. Samsung formierte sich erst gerade zum Angriff auf Apple – und die Chinesen waren noch fern.

In Tunesien gingen im Dezember 2010 die Menschen auf die Strasse und protestierten gegen das autokratische Regime von Ben Ali. Die Demonstrierenden organisierten sich mit ihren Smartphones; in den sozialen Medien gingen die Bilder um die Welt. Die Protestbewegung weitete sich auf andere Länder wie Ägypten aus. Es begann der Arabische Frühling. Und viele glaubten, dass das Smartphone nicht nur unser Leben einfacher machen, sondern auch der Demokratie auf der ganzen Welt zum Durchbruch verhelfen würde.

Schliesslich sind Information und Partizipation wesentlich für die Demokratie. Und für beides sorgt das Smartphone, das sich weltweit viral verbreitete. Für viele Menschen wurde erst dank des Smartphones der Zugang zum Internet möglich. Sie hatten nie einen Computer, sondern gleich dieses schlaue Gerät in ihren Taschen. Alle Informationen sind innerhalb eines Klicks erreichbar. Jeder kann – zumindest theoretisch – die ganze Welt mit einer Nachricht erreichen.

Proteste auf dem Tahrir-Platz in Ägypten im Jahr 2011:

Proteste auf dem Tahrir-Platz in Ägypten im Jahr 2011:

Keystone

Nun, knapp zehn Jahre später, zeigt sich Ernüchterung. Die Demokratie hat sich nicht global ausgebreitet, sondern steht auf wackligen Beinen. In den USA ist 2016 ein Populist zum Präsidenten gewählt worden, der mit dem Volk über Twitter kommuniziert, um die Medien auszuschalten und «alternative Fakten» zu verbreiten. Vielleicht ist er nur an die Macht gekommen, weil die dubiose Firma Cambridge Analytica Daten von 87 Millionen Facebook-Nutzern abgezweigt hat, um manipulierend auf die Wahl einzuwirken. 2017 brachte sich in der Schweiz ein Mädchen um, weil sie in den sozialen Medien gemobbt worden war. In Neuseeland tötete dieses Jahr ein Terrorist 51 Menschen und übertrug die Abscheulichkeit live im Internet. Es haben eben nicht nur die Guten ein Smartphone.

Es gibt Widerstand gegen die Techkonzerne

Vor allem aber sind wir selber oft überfordert in unserem Alltag. Klar, es ist viel einfacher geworden, ein Zug-
ticket zu lösen, ein Taxi – oder meistens ein Uber – zu bestellen oder eine Cocktailbar mit Ambiente in einer fremden Stadt zu finden. Aber was hilft das, wenn es so verdammt schwierig geworden ist, sich mit zwei Freunden zu verabreden, weil einer immer spontan mit einer Whatsapp absagt? Wenn uns die Dating-App Tinder zwar Hunderte potenzielle Partner vorschlägt, jeder sich aber die Option vorbehält, doch noch was Besseres zu finden? Wenn wir uns über Facebook zwar über unsere Freunde und die Welt informieren wollen, uns aber eine geballte Ladung Hass-Posts entgegenschlägt?

"Zwischen die Menschen hat sich ein Gerät geschoben", sagt der Soziologe Dirk Helbing.

"Zwischen die Menschen hat sich ein Gerät geschoben", sagt der Soziologe Dirk Helbing.

Getty

Das Smartphone ist mit dem Versprechen angetreten, unser Leben einfacher zu machen. Stattdessen hat es dieses komplizierter gemacht. Über das schlaue Handy können wir in Sekundenschnelle jeden Freund erreichen, ja sogar alle zusammen. Doch wirklich näher gebracht hat uns das nicht. «Zwischen die Menschen wurde ein Gerät geschoben», sagt Dirk Helbing, Professor für computergestützte Soziologe an der ETH Zürich. Allzu oft sitzt eine Gruppe von Menschen nebeneinander und jeder starrt für sich auf einen Bildschirm. Helbing sagt:

«Wir berühren unser Smartphone sehr viel öfters als unseren Partner», sagt Helbing.

 Klar ist, die Welt ist eine andere geworden, aber nicht unbedingt eine bessere. «Kaum eine Frage bleibt unbeantwortet dank des Smartphones», sagt der Internetsoziologe Stephan Humer von der Hochschule Fresenius in Berlin. Aber auch:

«Uns fehlt fast immer ein vernünftiger Umgang mit der Technik: Wann welche App testen oder wieder löschen, worauf verzichten, wann mal abschalten? Das Smartphone wirft schneller Fragen auf, als dass sie die meisten Menschen beantworten können.»

Die negativen Folgen der Technik sind gegen Ende dieses Jahrzehnts zum wichtigsten Technik-Thema geworden. Es gibt sogar ein eigenes Wort dafür: den «Techlash». Eine Zusammensetzung aus «Technologie» und «Backlash», ein Rückschlag der Technik-Branche also.

All das muss uns zu denken geben. Und es ist verständlich, dass in vielen der Wunsch aufkommt, das Gerät einfach los zu werden – wie Kristina nach der Party. Sich von den technologischen Fortschritten zu befreien, weil man deren negativen Folgen noch nicht in den Griff bekommen hat, ist aber ziemlich kurzfristig gedacht. Statt der Technologie die Schuld zu geben, wäre es besser, an sich selber zu arbeiten. Die Menschen werden im nächsten Jahrzehnt lernen müssen, mit dem Smartphone und der Digitalität umzugehen. Die Politik beschliesst gerade Regeln, um die Tech-Konzerne zu kontrollieren. Uber etwa muss sein Geschäftsmodell anpassen, weil es in vielen Ländern auf zu viel Widerstand gestossen ist. Instagram denkt darüber nach, die Likes nicht mehr anzuzeigen, weil die Nutzer dabei zu sehr unter Druck gesetzt werden.

Auch für Flichtlinge ist das Smartphone zum wichtigsten Werkzeug geworden

Auch für Flichtlinge ist das Smartphone zum wichtigsten Werkzeug geworden

Keystone

Für den Soziologen Dirk Helbing ist das ein Anfang, aber noch nicht genug. «Es braucht ein neues Grundrecht. Die informationelle Selbstbestimmung soll den Nutzern die Kontrolle über ihre Daten geben.» Nicht die Firmen und Staaten sollen bestimmen, welche Daten wer bekommt, sondern die Nutzer. Passiere das nicht, drohen wir in den Totalitarismus abzugleiten, warnt Helbing.

Politiker sind vorsichtiger geworden mit Nackt-Selfies

Doch auch die Menschen lernen dazu; sie nutzen die neuen Möglichkeiten vorsichtiger. Wann etwa wurden einem Politiker zuletzt Nackt-Selfies zum Problem? Wann haben Sie zum letzten Mal auf der öffentlichen Facebook-Timeline peinliche Liebesgrüsse eines Bekannten an seine Freundin gelesen? Das war mal in den 2010er-Jahren. Die Welt dreht weiter.

Auch für die Protestbewegung in Hongkong ist das Smartphone wichtig.

Auch für die Protestbewegung in Hongkong ist das Smartphone wichtig.

Mark Schiefelbein, AP

Man muss dem Smartphone nicht gänzlich abschwören, um seine negativen Seiten loszuwerden. Das hat auch Kristina erkannt. Seit kurzem hat sie wieder ein Handy. Doch sie nutzt es nun anders, bewusster. Nur noch wenige Apps hat sie installiert. Auf einer Zugfahrt nimmt sie das Gerät öfters gar nicht in die Hand. Es ist auf stumm geschaltet in ihrer Tasche. Und sie schaut aus dem Fenster.

Auf Facebook und Instagram – für viele die grössten Zeitfresser – möchte sie nicht verzichten. Sie schätzt die politischen Diskussionen. Und, dass man hier viele Menschen erreichen kann. Kürzlich hat die sozial engagierte junge Frau eine Kleidersammelaktion für Albanien durchgeführt. Am Schluss waren so viele Taschen mit Kleidern bei ihr, dass sie kaum mehr in den VW-Bus gepasst hatten, um sie weiter zu transportieren. «Wie wäre das möglich gewesen», fragt Kristina «wenn die Menschen kein Smartphone hätten?»

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