Vatikan: Das Rätsel um Emanuela Orlandi

Der Papst-Attentäter von 1981 wendet sich hinsichtlich eines der populärsten Kriminalfälle Italiens an Franziskus.

Andreas Faessler
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Steckt der Vatikan hinter dem Verschwinden Emanuela Orlandis? Der ehemalige Attentäter Mehmet Ali Ağca fordert Papst Franziskus nun zum Handeln auf. (Bild: Andreas Faessler)

Steckt der Vatikan hinter dem Verschwinden Emanuela Orlandis? Der ehemalige Attentäter Mehmet Ali Ağca fordert Papst Franziskus nun zum Handeln auf. (Bild: Andreas Faessler)

Kaum ein Kriminalfall hat Italien in den vergangenen drei Jahrzehnten so beschäftigt wie das rätselhafte Verschwinden der 15-jährigen Emanuela Orlandi im Juni 1983. Als Tochter eines engen Bediensteten Papst Johannes Pauls II. war Emanuela vatikanische Staatsbürgerin. Eines Tages in besagtem Jahr kehrte das Mädchen nach dem Musikunterricht nicht nach Hause zurück. Die Suche nach Emanuela Orlandi und eine mögliche Verwicklung des Heiligen Stuhls in deren Verschwinden war in den folgenden Wochen medienbestimmend. Wilde Spekulationen und Verschwörungstheorien befeuerten den Kriminalfall.

Eine dieser Spekulationen war, dass eine Terrorgruppe die junge Frau festhält, um die Freilassung des Attentäters Mehmet Ali Ağca zu erwirken, der im Mai 1981 auf Papst Johannes Paul II. geschossen hatte. Der Pontifex hatte das Attentat nur knapp überlebt. Diese Theorie verlief bald im Sand. Neue Vermutungen geisterten durch die Medien. Orlandi soll sich in unterschiedlichen Ländern Europas auf­halten oder werde an einem geheimen Ort eingesperrt. Nichts davon hat sich je erhärtet.

Ermittlungen werden wieder aufgenommen

Dann war es fast 20 Jahre lang etwas ruhiger um den Fall Emanuela Orlandi, bis 2012 ein einflussreicher italienischer Geistlicher dem ungelösten Rätsel mit einer weiteren Mutmassung neuen Wind bescherte. Er behauptete, eine Gruppierung – darunter auch vatikanische Beamte – habe das Mädchen sexuell ausgebeutet, umgebracht und ihre Leiche heimlich bestattet. Ihre Überreste wurden in einer Kirche Roms in der Gruft eines Mafia-Bosses vermutet. In einer spektakulären Aktion wurde das Grab geöffnet – ohne die erhofften Ergebnisse.

Noch im selben Jahr behauptete Attentäter Ağca in einem Zeitungsinterview, die Frau sei am Leben. Sie sei damals in die Türkei entführt worden, um Ağcas Freilassung zu erwirken. Auf seine Aussagen folgte nichts, bis Papst Franziskus im März 2013 Orlandis Bruder Pietro eröffnete, Emanuela sei «im Himmel». Pietro Orlandi erhob schwere Vorwürfe gegen Franziskus’ Vorgänger Benedikt und Johannes Paul II., eine schwere Lüge verbreitet und aufrechterhalten zu haben. Seit Franziskus Aussage intensivierte sich die Suche nach Orlandis sterblichen Überresten, um endlich Gewissheit zu erlangen.

Vor kurzem – im Juli 2019 – wurden auf einem vatikanischen Friedhof die Gräber eines hohen Geistlichen und zweier adliger Frauen geöffnet, wo man Emanuelas Gebeine nach einem anonymen Hinweis suchte. Abermals ohne Resultat, die Gräber der deutschstämmigen adligen Frauen waren sogar komplett leer. Als man ermittelte, wohin deren Gebeine verbracht worden sein könnten, stiessen die Ermittler unter dem deutschen Priesterkolleg im Vatikan auf zwei geheime Gruften mit haufenweise Knochen. Mit dem Fund wurde das Ermittlungsverfahren im Fall Orlandi erneut aufgenommen. Die Reaktion des Vatikans machte die Ermittler wie auch die Öffentlichkeit stutzig: Nach deren Entdeckung hat er die beiden Gruften umgehend versiegeln lassen, und einem von der Familie Orlandi einberufenen Experten für die Untersuchung noch nicht begutachteter Gebeine wurde der Zugang zur Gruft verwehrt. Es bleibt die vieldiskutierte Frage: Welche Rolle spielt der Heilige Stuhl selbst beim mysteriösen Verschwinden von Emanuela Orlandi?

Dringender Appell an den Pontifex

Die aktuellste Entwicklung in diesem vieldokumentierten Kriminalfall hat nun erneut der Attentäter Ağca angestossen: Wie die Katholische Nachrichtenagentur (KNA) berichtet, hat sich der Türke in einem persönlichen Schreiben an Papst Franziskus gewendet. Darin bezeichnet er sich selbst als «geistigen Bruder Johannes Pauls II.» und behauptet erneut zu wissen, dass Emanuela Orlandi noch lebe – in einem geschlossenen Kloster, zu dessen Standort und Ordenszugehörigkeit er sich nicht näher äusserte. Ağca zeigt sich besorgt um das Ansehen der katholischen Kirche, denn – so schreibt er – solange es noch Vorwürfe gebe, dass sie an einer angeblichen Vergewaltigung und Ermordung der Vermissten mitverantwortlich sei, würde das «weltweite Ansehen der katholischen Kirche furchtbar beschmutzt». Deshalb habe der Vatikan die «moralische Pflicht», alles für die Rückkehr Orlandis zu ihrer Familie zu unternehmen. Damit appelliert Ağca an Franziskus: Nur er verfüge über die nötige Macht, die Freilassung Emanuela Orlandis anzuordnen. Ob und wie der Papst nun handeln wird, wird sich zeigen.

Bis dahin bleibt der mysteriöse Fall Emanuela Orlandi eines der grossen ungelösten Kriminalrätsel Italiens.