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Die Tierliebe, die Tiere leiden lässt

Manche Menschen horten krankhaft Tiere: Wie kann es sein, dass sie nicht sehen, dass die Geschöpfe leiden?
Nadine Zeller
Fälle wie dieser: 2017 wurden in den USA mehr als 170 Yorkshire Terrier und Mischlinge in einem Haus in San Diego entdeckt. (Bild: Keystone)

Fälle wie dieser: 2017 wurden in den USA mehr als 170 Yorkshire Terrier und Mischlinge in einem Haus in San Diego entdeckt. (Bild: Keystone)

113 Pudel aus Reihenhaus befreit, 2000 Wellensittiche in Mietwohnung gehalten – immer wieder dringen weltweit Fälle an die Öffentlichkeit, in denen Tierliebe in Quälerei endet. Im Kanton Luzern gibt es beispielsweise laut dem Kantonstierarzt jedes Jahr solche Fälle – aber nicht mehr als zehn.

Im Mai 2018 ereignete sich in Süddeutschland einer der grössten Fälle dieser Art. Mit einem Durchsuchungsbeschluss und unter Polizeibegleitung betraten die Mitarbeiter des Veterinäramts in Rottweil ein Wohnhaus und beschlagnahmten Schafe, Ziegen und mehr als 100 Katzen, die dort unter katastrophalen hygienischen Bedingungen hausten. Ein paar Tiere starben anschliessend im Tierheim.

Pathologisches Horten von Tieren nennt man das, wenn Menschen eine Menge Tiere in desolaten Verhältnissen halten. Zum Krankheitsbild gehört, dass die Tierhalter keinerlei Einsicht zeigen.

Tierhorter sind nicht zwangsgestört

Doch warum halten Menschen mehr Tiere, als für diese gut ist? Darüber waren sich die Forscher lange nicht einig. Viele sehen Parallelen zwischen dem exzessiven Horten von Tieren und dem Horten von Gegenständen, auch Messie-Syndrom genannt. Lange wurden beide Störungen als Zwangsstörungen betrachtet und im «Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders» – einem Forschungshandbuch für psychische Störungen – nicht gesondert beschrieben.

Seit 2013 gilt das pathologische Horten als eigene Störung. Denn Menschen mit Zwangsstörungen pflegen Besitztümer eher mit übertriebener Sorge. Zudem wirken Medikamente, die sich bei Zwängen helfen, bei exzessiven Hortern offenbar kaum. In einer Überblicksstudie aus dem Jahr 2019 schätzt ein britisch-schwedisches Forschungsteam, dass rund 2,5 Prozent der Bevölkerung vom krankhaften Horten betroffen ist.

Worin sich das Gegenständehorten vom Tierhorten unterscheidet, erkundeten die brasilianischen Psychologinnen Elisa Arrienti Ferreira und Tatiana Quarti Irigaray von der katholischen Privatuniversität in Porto Alegre in Gesprächen mit 33 Tierhortern. Wie die Forscherinnen im Fachmagazin «Psychiatry Research» 2017 berichten, verfügten drei Viertel der Betroffenen nur über ein geringes Einkommen, 90 Prozent waren nicht verheiratet. Die Befunde deckten sich weitgehend mit denen von Studien über Objekthorter, allerdings waren unter diesen etwa gleich viele Männer und Frauen, unter den Tierhortern hingegen knapp drei Viertel weiblich.

In Interviews fand Ferreira zudem heraus, dass das Tierhorten seinen Ursprung oft in einer Lebenskrise hat und zum Beispiel nach dem Tod eines Kindes oder dem Verlust des Arbeitsplatzes beginnt. Ferreira geht davon aus, dass die Tier- und Objekthorter von unterschiedlichen Motiven angetrieben sind.

Tiere bieten Nähe – und kritisieren die Halter nicht

Der US-Epidemiologe Gary Patronek sieht das ähnlich. Er befasst sich mit dem Phänomen seit den späten Achtzigerjahren. Patronek beobachtete, dass dem pathologischen Horten häufig der Verlust einer Beziehung und schwere gesundheitliche Probleme vorausgingen. Er glaubt, dass das Halten der Tiere für die Betroffenen identitätsstiftend ist und ihnen Selbstbewusstsein und ein Gefühl von Kontrolle vermittelt.

Andere Menschen hätten sie als wenig vertrauenswürdig erlebt. Tiere hingegen bieten ihnen Nähe, Akzeptanz und Sicherheit; im Gegensatz zu Menschen kritisieren sie niemanden, äussern sich nicht abwertend und erteilen keine unliebsamen Ratschläge. Das macht sie gerade für Menschen, die traumatisiert sind, zu vertrauenswürdigen Beziehungspartnern. Gleichzeitig blenden Tierhorter den elenden Zustand ihrer Schützlinge aus. Sie ignorieren, verharmlosen oder verleugnen die desolaten Verhältnisse selbst dann noch, wenn die Tiere sterben.

Tierhorter verdrängen die Qual ihrer Schützlinge

Laut Patronek könnte die fehlende Einsicht in traumatischen Erfahrungen gründen: Wenn Kinder von Bezugspersonen misshandelt werden, ist das für sie so unerträglich, dass viele von ihnen dieses Erleben aus dem Bewusstsein verdrängen – sie dissoziieren. Patronek hält es für plausibel, dass die Betroffenen die schreckliche Realität nicht in ihrem ganzen Ausmass wahrnehmen und deshalb keine Einsicht zeigen.

Tina Sperlin hat ihre Doktorarbeit dazu geschrieben und empfiehlt, den Tierhortern zu helfen, eine realistische Selbsteinschätzung zu erlangen. Denn wenn sie vor Gericht landen, wird ihnen oft die weitere Tierhaltung einfach verboten. Doch die Verbote erweisen sich als wenig nachhaltig, weil sie zum einen befristet sind und zum anderen die Gefahr besteht, dass sich das Horten auf eine andere Tierart verlagert.

Wirksam ist laut Sperlin das Prinzip der «zugewandten Konsequenz». Es zeigt Betroffenen die Konsequenzen ihres Verhaltens auf, etwa drohende Bussgelder. Aber für den Fall einer Verhaltensveränderung stellt es auch etwas Gutes in Aussicht: die Lieblingstiere behalten zu dürfen. Auch beim Kanton Luzern denkt der Veterinärdienst nicht nur ans Tier. Laut Kantonstierarzt Martin Brügger wird in solche Fällen auch die zuständige Behörde informiert, damit diese «allfällige geeignete Massnahmen für die Menschen» ergreifen.

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