Die Viren sind unsere letzten wirklichen Feinde – warum können diese so gefährlich sein für den Menschen?

Warum Viren für uns Menschen so gefährlich sind – und was das mit dem grossen Fressen und Gefressenwerden zu tun hat.

Christoph Bopp
Drucken
Teilen
Den Kampf gegen das Coronavirus mögen wir vielleicht gewinnen – doch die nächsten Viren warten schon in irgendeinem Tier auf uns.

Den Kampf gegen das Coronavirus mögen wir vielleicht gewinnen – doch die nächsten Viren warten schon in irgendeinem Tier auf uns.

Bild: Getty Images

Wenn wir wirklich verstehen wollen, was bei dieser Coronapandemie abläuft, müssen wir bereit sein, etwas zuzugeben, was an sich ganz klar und natürlich ist, andererseits aber auch völlig unmöglich: dass wir (die Species Homo sapiens) ein Tier sind wie jedes andere auch. Wir sind ganz normale Bestandteile der grossen Systeme der Natur. Wir sind nicht Angegriffene, die sich verteidigen. Wir stecken nicht in einem Kampf, den wir gewinnen müssen.

Eine der grundlegenden Beziehungen in diesen Ökosystemen ist Fressen und Gefressenwerden. Normal kommt uns vor, dass grosse Räuber wie Löwen kleine Beutetiere wie Schafe fressen. Gewöhnungsbedürftiger ist, dass auch ganz kleine Wesen wie Viren und Parasiten grosse Beutetiere wie zum Beispiel uns fressen. Sie tun es nur von innen.

Die nächste Erkenntnis ist dann leichter zu fassen: Auch Seuchen und ihre Erreger – neben den Viren gibt es noch Bakterien, Pilze, Protisten, Prionen (den BSE-Erreger) und Würmer – fallen nicht vom Himmel, sie kommen von irgendwoher.

Ich möchte mich ja nur schnell selbst kopieren

Viren sind von all denen die Komplexesten. Der Mensch hat nur wenige Möglichkeiten, sich gegen sie zu wehren. Antibiotika funktionieren nicht, weil Viren eigentlich nicht leben. Andere Medikamente zu entwickeln, ist schwer, weil Viren so wandlungsfähig sind. Sie sind molekularbiologisch gesehen sehr einfach und trotzdem schwer fassbar. Und sie können grausam wüten. Das Tollwutvirus tötet – unbehandelt – zu fast 100 Prozent.

Alles, was ein Virus will, ist, sich selbst zu kopieren. Aber das Virus kann das nicht allein. Es braucht den Vervielfältigungsapparat einer lebenden Zelle. Das könnte darauf hinweisen, dass beide evolutionsgeschichtlich miteinander entstanden sind. Viren sind wahrscheinlich deshalb so gefährlich, weil sie auf einer sehr elementaren Ebene mit dem Leben interagieren. Sie beteiligen sich einfach an biochemischen Prozessen. Wo und unter welchen Umständen die stattfinden, «interessiert» sie nicht. Wir unterstellen ihnen gerne Heimtücke und andere niedere Beweggründe. Das ist völlig falsch, aber völlig verständlich.

Hin und her pendeln zwischen Mensch und Tier

Etwa 60 Prozent der Infektionskrankheiten, vermutet die Wissenschaft, sind sogenannte Zoonosen. Das heisst, der Erreger stammt aus der Tierwelt und pendelt zwischen Tier und Mensch immer wieder hin und her. Auch das gegenwärtige Coronavirus ist eine Zoonose. Berühmte Ausnahmen sind die Pocken, Cholera, Masern oder das Poliovirus. Sie wandern nicht, sondern stecken nur uns an. Der Mensch ist ihr Hauptwirt. Deshalb konnte man die Pocken auch ausrotten. Weil sich das Virus nicht in einem anderen Tier verstecken und dort überleben konnte.

Hände weg von den Flughunden

Viele Viren haben einen sogenannten «Reservoirwirt». Das ist ein Tier, das den Erreger beherbergt, ohne dass es unter ihm leidet. So kann eine Virenepidemie einfach «verschwinden», obwohl der Erreger immer noch da ist. Ein Ausbruch entsteht dann, wenn der Erreger auf den Menschen überspringt.

Die Hauptverdächtigen als Reservoire für Viren sind Flug­hunde. Die kleinen Säugetiere beherbergen unter anderem das Ebola-, das Hendra-, das Nipah- und das Marburgvirus. Von allen möglichen Varianten des Tollwutvirus ganz zu schweigen. Und sie stehen auch im Verdacht, Coronaviren herumzuschleppen.

Den Grund dafür vermutet man in ihrem leistungsfähigen Immunsystem. Für das Fliegen brauchen sie viel Energie, ihr Stoffwechsel muss, damit das bei ihrem leichten Gewicht gewährleistet ist, sehr schnell ablaufen. Und das heisst auch, dass ihr Blut vom Immunsystem sehr gut überwacht und kontrolliert wird. Dazu sind sie sehr gesellige Tiere. Sie schlafen und leben in grossen Höhlen, voller Kot und Urin. Die Wissenschaft vermutet, dass sie die Viren sehr schnell untereinander weitergeben und deshalb auch kaum erkranken. Deshalb nützt es nicht viel, die Flughunde zu töten. Ganz abgesehen davon, dass sie in gewissen Gegenden gerne verspeist werden.

Menschen können auch Zwischenwirte sein

Für die allermeisten Viren ist der Mensch ein Dead-end-Wirt, eine Sackgasse. Sie bringen ihn einfach um. Der Worst Case tritt ein, wenn ein zoonotisches Virus es schafft, sich von Mensch zu Mensch weiterzuverbreiten. Die Grippe- oder Influenzaviren können das in der Regel gut. Ihr Reservoir sind Vögel, meist Gänse. Über Hühner und Schweine gelangen sie zu den Menschen.

Es geht auch umgekehrt: Die Nerze in Dänemark steckte der Mensch an. Ihre Verwandten, die Frettchen, haben ähnliche Atemzellen wie die Menschen und werden deshalb gerne in der Grippeforschung verwendet. Bei den Nerzen fand man eine Coronamutante. Das kostete Millionen von ihnen das Leben. Denn unter Zuchtbedingungen ist die Infektion nicht aufzuhalten.

Wir kennen dieses Problem nur allzu gut. David Quammen, dem Autor von «Spillover», einem sehr lesenswerten Buch über Zoonosen, ist deshalb unbedingt beizupflichten: «Es gibt nur diese eine Welt, und die Menschen sind ebenso ein Teil davon wie Ebola-, Influenza- und HI-Viren, wie Nipah, Hendra und Sars, wie Schimpansen und Fledertiere, wie Larven­roller und Streifengänse und wie das nächste mörderische Virus – das wir bisher noch nicht entdeckt haben.»