Interview
«Die Zwangsstörung ist sehr schambelastet»

Zwischen 1 bis 3 Prozent der Bevölkerung leiden im Laufe ihres Lebens unter einer Zwangsstörung, die man auch «verheimlichte Krankheit» nennt. Ein Gespräch mit Dr. med. Kerstin Gabriel Felleiter, Chefärztin Ambulante Dienste der Luzerner Psychiatrie.

Interview: Susanne Holz
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Kerstin Gabriel Felleiter, Chefärztin Ambulante Dienste der Luzerner Psychiatrie.

Kerstin Gabriel Felleiter, Chefärztin Ambulante Dienste der Luzerner Psychiatrie.

Warum bekommen Menschen Zwangsstörungen?

Kerstin Gabriel Felleiter: Eine einfache Erklärung gibt es nicht. Die meisten psychischen Erkrankungen haben verschiedene Auslöser: Biologische, genetische, psychische und soziale Faktoren sind beeinflussend.

Zwänge treten familiär gehäuft auf, das bedeutet aber nicht, dass ein Familienmitglied sicher erkranken wird.

Infektionen oder belastende Lebensereignisse können Auslöser für das Auftreten von Zwangssymptomen sein.

Gibt es Unterschiede in der Anfälligkeit für Zwangsstörungen?

Zwangsstörungen kommen in allen Kulturen vor und betreffen Männer und Frauen gleich häufig. Die Erkrankung tritt oft in Kindheit oder Jugend auf, kann aber auch erst später einsetzen.

Oft benötigt es viele Jahre, bis die Krankheit diagnostiziert wird.

Wie viele Menschen sind in der Schweiz betroffen?

Zwischen 1 und 3 Prozent der Bevölkerung leiden im Laufe ihres Lebens unter einer Zwangsstörung. Das sind in der Schweiz ca. 100 000 bis 200 000 Betroffene. Die Zwangsstörung nennt man auch «verheimlichte Krankheit». Sie ist sehr schambelastet. Nur etwa ein Drittel der Betroffenen ringt sich durch, professionelle Hilfe zu suchen.

Nimmt die Störung im Alter zu?

Unbehandelt kommt es oft zu einem chronischen Verlauf der Zwangsstörung. Zwänge nehmen aber nicht automatisch mit dem Alter zu. Kritische Lebensereignisse können die Ängste verstärken.

Was für Zwangsstörungen gibt es?

Zwangsstörungen sind individuell sehr unterschiedlich, sowohl die Qualität als auch die Quantität. Sie reichen von plötzlich einschiessenden Zwangsimpulsen bis hin zu festen, zum Teil Stunden andauernden Ritualen (Wasch- und Putzrituale im Badezimmer).

Sie zeigen sich in Form von Zwangsgedanken und Zwangshandlungen.

Von Zwangshandlungen sind ca. ⅔ der Patienten betroffen, Zwangsgedanken und -handlungen treten aber auch gemeinsam auf.

Was ist am häufigsten? Der Laie denkt an Putz- und Waschzwang …

Zwangsgedanken treten oft in Zusammenhang mit Themen der Kontamination, der Religion, der Sexualität, der Symmetrie und der Ordnung auf. Zwangshandlungen oft als Kontrollzwang, Putz- und Waschzwang.

Wann wird es bedenklich? Den Herd kontrollieren vermutlich die meisten, bevor sie das Haus verlassen ...

Rituale und Kontrollmechanismen kennen alle, sie gehören zum Alltag. Treten die Gedanken und Rituale sehr oft auf und behindern sie den Alltag, das berufliche und soziale Leben, schränken sie ein und lassen die Betroffenen leiden, dann spricht man von einer Zwangsstörung. Dazu kommt, dass Betroffene gar nicht mehr anders handeln können. Sie verlieren ihre Flexibilität. Um die Diagnose zu stellen, müssen die Symptome mindestens zwei Wochen bestehen.

Im konkreten Fall, den der Artikel beschreibt, setzt die Zwangsstörung ein, nachdem die Betroffene über Jahre ihre Rückenprobleme im Spital behandeln lassen muss.

Vorneweg: Ich kann nur rein hypothetische und allgemeine Aussagen zu der Betroffenen machen, da ich nur wenige Details von ihr kenne und sie selbst nicht gesehen und untersucht habe.

Aber in der Biografie vieler Zwangspatienten kommen körperliche Erkrankungen, Verletzungen und traumatische Erfahrungen vor.

Das Bedürfnis nach Kontrolle und Orientierung ist für alle Menschen sehr wichtig, und Spitalaufenthalte über viele Jahre können verhindern, dass wir uns sicher fühlen, uns auf uns und den Körper verlassen können. Bei bestimmter genetischer Veranlagung und weiteren lebensgeschichtlichen Ereignissen kann sich eine Zwangsstörung entwickeln. Zwangsrituale können kurzfristig ein Gefühl der Kontrolle und der Sicherheit geben.

Warum hat diese Betroffene gerade die Angst, anderen zu schaden? Ist sie ein besonders sozialer Mensch?

Viele Zwangspatienten sind sehr verantwortungsvoll, neigen zum Perfektionismus und bemühen sich stark, Fehler zu vermeiden, vor allem auch negative Gefühle wie Schuldgefühle oder Unsicherheit. Zwangsgedanken beziehen sich meistens auf die, die uns wichtig sind, so können Mütter Angst haben, ihren Säuglingen etwas anzutun.

Wieso gerade die Angst zu vergiften?

Die Angst zu vergiften tritt häufig bei Zwangspatienten auf, es handelt sich dann oft nicht um Gift im engeren Sinne, sondern allgemein um Chemikalien.

Es kann die Angst sein, dass zu viel Waschmittel in der Maschine und in der Kleidung ist oder Schmutz an den Händen und dadurch andere Schaden nehmen.

Hat eine Einschränkung des Körpers Einfluss auf die Stärke der Psyche?

Körper und Psyche bilden eine Einheit und beeinflussen sich stark gegenseitig. Seelisches Leiden kann der körperlichen Gesundheit schaden (Magengeschwüre etc.), und der Körper hat Einfluss auf unsere Gefühle und unsere Psyche.

Welche Behandlungen kennt man?

Die Leitlinien zur Behandlung von Zwangsstörungen sind seit Jahren eindeutig: Als Therapie der ersten Wahl gilt die Kognitive Verhaltenstherapie, verbunden mit Konfrontationsübungen, bei denen das Zwangsritual reduziert wird. Hier werden bei Bedarf auch familientherapeutische Sitzungen integriert. Unterstützend setzt man Psychopharmaka, in erster Linie Antidepressiva, ein.

Wie steht es um eine Heilung?

Spontanheilungen sind die Ausnahme, ohne Behandlung ist der Verlauf oft chronisch oder zunehmend. Zwangsstörungen können behandelt werden.

Setzt man alle Behandlungsverfahren ein, sind die Prognosen für Zwangserkrankte insgesamt gut.

Studien zeigen: Eine vollständige Heilung ist zwar selten, aber bei 70 Prozent der Betroffenen stellt sich eine deutliche Besserung ein.

Diese Betroffene hat schon etliche stationäre Aufenthalte hinter sich – was bleibt da noch?

Die Idee und Motivation, eine Selbsthilfegruppe aufzubauen, kann auch ein Zeichen der Verbesserung sein. Traut sich die Betroffene zu, eine Gruppe zu leiten, an die Öffentlichkeit zu gehen, dann setzt sie sich bewusst mit ihrer Erkrankung auseinander und hilft, das Tabu um die Zwangsstörung zu reduzieren.