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Dieser Schweizer ruft zum Essen von Ungeziefer auf: «Der Ekel hält sich hier hartnäckig»

Daniel Ambühl ruft zum Verzehr von männlichen Honigbienen auf. Und präsentiert in seinem neusten Buch eine Maikäfersuppe. Wer ist der Mann, der uns dazu bringen will, Krabbeltiere zu essen?
Ursula Burgherr

Er ging im Norden Thailands mit Einheimischen auf Jagd nach Weberameisen. Er sammelte auf den Märkten in Vietnam und Kambodscha Insekten. Er lebte monatelang in kleinen Hütten in der Demokratischen Republik Kongo und baute ein Projekt zur Zucht essbarer Raupen auf. Daniel Ambühl, 61 Jahre alt, eigentlich wohnhaft in Unterterzen am Walensee, hat sein Leben den Insekten verschrieben. Dabei ist er kein studierter Insektenforscher.

Aber er sagt: «Ich war schon immer ein Kind des Waldes und hatte mein Zimmer voll mit Aquarien und Tieren, die ich im Wald und in Tümpeln fand: Gottesanbeterinnen, Raupen, Krebse, Fische, Kammmolche…» Seine Mutter betrat sein Zimmer nicht mehr.

Umschwirrt in der Nacht: Daniel Ambühl auf einer seiner Insektenforschungsreisen in Vietnam. (Bild: zvg)

Umschwirrt in der Nacht: Daniel Ambühl auf einer seiner Insektenforschungsreisen in Vietnam. (Bild: zvg)

Das Pädagogik- und Publizistikstudium und seine erste Stelle beim Radiopiraten-Team von Roger Schawinski waren nur eine Pause von seinen Lieblingstieren. Als Filmemacher des Schweizer Fernsehens rief er 1989 die Sendung «Eins zu Eins» ins Leben, in der Männer und Frauen in freier Natur überleben mussten. Heute ist er selber dort unterwegs und sammelt Getier rund um den Globus.

Insekten sind teurer als Hühnerfleisch

Entstanden ist daraus «Skyfood». Ein Buch über das, was «am Himmel wächst». Er gibt Einblicke in den Alltag von Menschen, bei denen essbare Insekten so selbstverständlich sind wie Fleisch, Fisch oder Käse bei uns. Nicht etwa aus Armut: «Raupen gelten in vielen Regionen Afrikas und Asiens als Delikatesse und sind teurer als Hühnerfleisch», erzählt Daniel Ambühl.

Als Künstler arbeitet Ambühl übrigens auch immer wieder, in Berlin beispielsweise. Ist er ein kunstbegabter Wissenschaftler? Oder ein wissender Künstler? Jedenfalls ist er ein Macher mit vielen Ideen.

Heute findet er mehr Sinn in seiner Arbeit im Kongo: «In der Demokratischen Republik Kongo wird mein Know-how benötigt und deshalb macht es Sinn, dass ich da meine Zeit und Energie investiere», sagt Ambühl.

«Bienen sind die qualitativ besten essbaren Insekten»

Das Grundwissen hat er sich aber in der Schweiz angeeignet. 2011 gründete er den «Schweizer Verein Hirschkäfer» zur Zucht von einheimischen und exotischen Käfern. 2016 erschien «beezza», das weltweit einzige Bienenkochbuch. Die Tatsache, dass in der Schweiz zur Bekämpfung der Varroamilbe, die Bienenstöcke schädigt, jährlich rund hundert Tonnen Drohnenbrut ausgeschnitten und in den Abfall geworfen werden, ärgert in masslos. «Nur weil es der Bund verpasst hat, diese qualitativ besten einheimischen essbaren Insekten ins Lebensmittelgesetz aufzunehmen, müssen sie weiterhin in den Müll gekippt werden. Ein kompletter Unsinn.» Zur Aufklärung schrieb er das Buch.

Er sah sich in seinen Aktivitäten bestätigt, als die Welternährungsorganisation FAO 2013 forderte: Esst mehr Insekten! Die Menschen nehmen der Erde bereits jetzt mehr, als sie geben kann und die Erdbevölkerung wird bis 2050 voraussichtlich von derzeit 7,7 auf 9 Milliarden heranwachsen. Insekten enthalten viel hochwertiges, tierisches Eiweiss und könnten in grossen Mengen ressourcenschonend gezüchtet werden.

«Nachdem ich den FAO-Report gelesen hatte, wollte ich mit meinem Know-how über Insektenzucht einen Beitrag zur Verbesserung der weltweiten Ernährungssicherheit leisten», erzählt der Buchautor. Sein Youtube-Channel «beetle breeding» über Insektenzucht hat rund 15 000 Abonnenten. Die meisten stammen aus Asien, Afrika und Südamerika. «Ein Drittel der Menschheit isst regelmässig Insekten», sagt der Forscher.

Niemand sonst isst Mehlwürmer

Bei uns nicht: Die Auswahl an Schweizer Speiseinsekten sei kulturlos und stümperhaft, meint er auf die Frage zum Insektenfood, das seit 2018 angeboten wird. «Die weltweit meistgegessenen Insekten wurden ignoriert: Puppen der Seidenspinner, Raupen afrikanischer Nachtfalter, Ameisen, Termiten, Bienenbrut, Wespen, Hornissen.» Mehlwürmer hingegen, die Bestandteile der neuen Insekten-Burger auf dem Schweizer Markt sind, würden sonst nirgendwo auf der Welt verspeist.

«Der Ekel vor Krabbeltieren hält sich hier hartnäckig», sagt Ambühl. Aber ganz so gross war die Abneigung in unserem Kulturkreis nicht immer. Im Buch ist ein Originalrezept aus einem Kochbuch von Bertha Heyden für eine Maikäfer-Suppe abgebildet, die unsere Urgrossmütter noch kochten. Sie ernteten die Tiere, denen später mit der Chemiekeule der Garaus gemacht wurde. Maikäfersuppe galt als besonders gesund:

Für «schwächliche Personen»: Rezept für eine Maikäfersuppe aus dem Kochbuch von Bertha Heyden. (Bild: zvg)

Für «schwächliche Personen»: Rezept für eine Maikäfersuppe aus dem Kochbuch von Bertha Heyden. (Bild: zvg)

Gekostet hat er sie alle selbst

Zurzeit ist Ambühl an Forschungsprojekten der ZHAW und der ETH Zürich über essbare Insekten beteiligt. Im Areal des Linthparks in Linthal GL wird untersucht, wie Holzabfälle zur Produktion von Pilzen und Speiseinsekten verwendet werden können. Die Kompostierung soll in einem cleveren Prozess zur Nahrungsproduktion genutzt werden. Und auch das nächste Buch «Mbinzo» über Ambühls Raupenzucht im Kongo ist bereits fertig. «Diese Themen müssen einfach aus mir raus», sagt er und lacht. «Die natürliche Bremse gibt es erst dann, wenn ich kein Geld mehr habe.» Übrigens: Er verkostet alle Insekten, über die er schreibt, selber. Und sagt: «Ich habe noch nie etwas gegessen, das mir nicht geschmeckt hat.»

Daniel Ambühl, Skyfood - Essbare Insekten - Vom Wildfang zur Landwirtschaft, 2019, 49 Fr. www.skyfood.ch

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