HTC

Schweizer Smartphone-Designer: «Es ehrt mich, dass Apple uns kopiert hat»

Der Schweizer Claude Zellweger erfand für HTC in San Francisco das erste Smartphone mit Aluminiumgehäuse. Jetzt feilt er an noch dünneren Handys – und einer Brille.

Raffael Schuppisser
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Claude Zellweger

Claude Zellweger

Lea Hepp

Claude Zellweger, Smartphones sind flach und haben ein grosses Display. Viel Spielraum bleibt da nicht für Sie als Designer. Haben Sie einen langweiligen Job?

Claude Zellweger: Nein ganz und gar nicht. Als Designer reizte mich immer die Beschränkung. Kreativität ist umso mehr gefragt, wenn die Grenzen eng gesetzt sind. Genau das ist bei Smartphones der Fall.

Was macht das Smartphone sonst noch speziell?

Es ist ein Massenprodukt und dennoch ein sehr persönliches Objekt. Zu keinem anderen Gegenstand hat der Mensch eine so innige Beziehung. Man hat es immer dabei, es unterstützt einen in jeder Situation, es sind sehr persönliche Daten darauf gespeichert – und um es zu bedienen, streichelt man es.

Was macht ein gut designtes Smartphone aus?

Man kann nicht einfach eine schöne Form entwerfen. Es muss sich auch gut in der Hand anfühlen. Ich stehe auf Schlichtheit, alles muss eine Funktion habe. Bei HTC haben wir immer grossen Wert auf Hochwertigkeit gelegt. Wir waren die ersten, die Smartphones mit einem Aluminiumgehäuse gefertigt haben. Nun sind uns Apple und auch andere Hersteller gefolgt.

Zur Person: Claude Zellweger

Der Industriedesigner ist in der Schweiz aufgewachsen, studierte in Los Angeles Designe und arbeitete danach für das Studio One & Co in San Francisco. 2008 kaufte HTC die Firma auf und Claude Zellweger begann für den taiwanesischen Konzern elektronische Geräte zu designen. Heute ist der 44-Jährige Designe-Chef von HTC und hat unter anderem das mehrfach preisgekrönte Smartphone HTC One kreiert. In den letzten zwei Jahren hat er sich hauptsächlich mit der Entwicklung der Virtual-Reality-Brille Vive beschäftigt, die diesen Frühling auf den Markt kommt.

Nervt das, wenn man von anderen kopiert wird?

Nein, es ehrt mich. Wenn man kopiert wird, heisst das, dass man den richtigen Weg schneller gefunden hat als andere.

Es bedeutet aber auch, dass sich Handys immer mehr gleichen.

Umso wichtiger ist es, dass man sich durch eine unverwechselbare Form von anderen abgrenzt. Mit dem HTC One haben wir das geschafft. Seit her machen wir es wie Porsche mit dem 911-Modell. Wir verbessern das Gerät kontinuierlich, passen die Form minim an, ändern sie aber nicht mehr grundlegend. So schaffen wir einen Widererkennungswert.

Und wie schaffen Sie es, das Gerät dennoch Jahr für Jahr so weiterzuentwickeln, dass der Kunde immer das neuste haben will?

Wichtig ist, dass man jedes Jahr wieder von vorne beginnt. Auch wenn man nichts Grundlegendes verändert, muss man sich zuerst von allem lösen. Nur so kann man das Gerät wieder frisch erscheinen lassen. Ausserdem darf man die Inspiration nie in der Branche suchen, sonst wird man langweilig.

Wo dann?

Überall. Zum Beispiel in der Architektur oder der Natur.

Wie werden sich Handys in den nächsten Jahren entwickeln?

Sie werden wohl noch etwas schmaler werden. Der Akku setzte allerdings Grenzen – viel dünner geht nicht mehr. Nachdem sich die Handys einander angeglichen haben, wird es nun wieder zu einer Diversifizierung kommen. Die Hersteller werden versuchen, durch Alleinstellungsmerkmale aus der Masse herauszuragen. Dafür werden verschiedene Materialien eingesetzt werden.

HTC wird für das Design seiner Geräte gelobt. Dennoch hat der Konzern viel Marktanteil verloren. Warum?

Wir sind in einer Industrie tätig, in der es derzeit sehr schwierig ist, sich zu bestätigen. Die technischen Entwicklungen gehen nicht mehr so rasant voran. Da wird das Marketing umso wichtiger. Und hier haben andere grössere finanzielle Möglichkeiten. Doch ich bin überzeugt, dass wir uns als eine Art Boutique-Marke etablieren können.

Boutique klingt nach Mode. Wird Technologie immer mehr zu Fashion?

Auf jeden Fall. Wearables, also Technik zum Anziehen wie Smartwatches oder smarte Brillen, sind immer auch Accessoires. Niemand will sich eine hässliche Brille aufsetzen. Man soll den Dingen ihr smartes Innenleben am besten gar nicht ansehen. Mein Ziel ist es, dass die Minicomputer, die wir derzeit bei und auf uns tragen, gar nicht mehr sichtbar sind und der Mensch direkt mit Informationen beliefert wird.

Auf was muss man beim Design von Wearables sonst noch achten?

Man muss sie einfach bedienen können. Manchmal sind Knöpfe die richtige Option dafür, manchmal aber auch Gesten. Es ist entscheidend, dass man die Hauptfunktionen in den Vordergrund rückt, dass man schnell auf die wichtigsten Informationen zugreifen kann. Industriedesign ist eng verknüpft mit dem Design des Interfaces.

Gilt das auch für die Virtual-Reality-Brille Vive, die Sie designt haben und die dieses Jahr auf den Markt kommt?

Natürlich. Wir haben für jede Hand einen sehr ergonomischen Controller entwickelt, um sich in der virtuellen Realität bewegen zu kann. Das war eine grosse Herausforderung. Doch auch das Design der Brille selber brachte Schwierigkeiten mit sich. Es gibt unglaublich viele verschiedene Kopfgrössen und Kopfformen. Und auf alle soll die Brille passen.

Alle in der Technikbranche setzen derzeit auf Virtual Reality. Doch sind die Leute wirklich bereit dafür?

2016 ist definitiv das Jahr der virtuellen Realität. Endlich ist die Technik genug weit, für dieses wunderbare Konzept. Nun geht es darum, dass die Menschen jene Inhalte bekommen, die sie interessieren. Das können Games oder Filme sein, aber auch ganze andere Anwendungen werden möglich werden.

Bei der Entwicklung der Brillen stehen wir noch ganz am Anfang. Wie werden sie sich verändern?

Die Auflösung der Displays wird besser werden, die Elektronik kleiner, und die Brillen selber schmaler. Man wird sie dann überall hin mitnehmen können.

Samsung hat bereits eine mobile VR-Brille auf dem Markt, die man zusammen mit einem Smartphone nutzen kann.

Das ist super. Es hilft, die grosse Masse für VR zu begeistern. Ich sehe das als ein Einsteigermodell. Und wir bieten das Highend-Modell.

Bei der HTC Vive braucht man einen leistungsstarken Computer und am besten einen leeren Raum, um die ganze Freiheit zu nutzen, die einem die Brille bietet. Entwickelt HTC da nicht am Massenmarkt vorbei?

Man braucht nicht unbedingt einen leeren Raum, man kann auch bloss auf dem Sofa sitzen und in die virtuelle Realität eintauchen. Aber Sie haben recht, anders als die Konkurrenz bieten wir auch Bewegungsfreiheit. Unser Ziel ist es, das beste Produkt auf den Markt zu bringen, das es gibt. Die virtuelle Realität soll so intensiv erlebt werden können, wie mit keiner anderen Brille.