100 Jahre Circus Knie: Ein Blick in die Geschichte einer Artistenfamilie

Der «Schweizer National-Circus Knie» ist vor hundert Jahren gegründet worden, hat Höhen und Tiefen erlebt - und überlebt. Anlass, die Artistenfamilie etwas genauer zu betrachten.

Rolf App
Drucken
Teilen
Um 1900: Mitglieder der Familie Knie des Circus Knie in einer historischen Aufnahme. (Bild: ullstein/Getty)
23 Bilder
1919: Grosser Besucherandrang vor dem Circus Knie im Gründungsjahr. (Bild: Keystone)
1925: Werbeplakat des Circus Knie.
1954: Fredy Knie jun. reitet während den Proben des Circus Knie stehend auf zwei Welsh-Ponies. (Bild: Keystone)
1961: Ein Nummerngirl im Einsatz bei einer Vorstellung in Rapperswil. (Bild: Keystone)
1967: Saisonstart des Circus Knie in Rapperswil. Der Dompteur Gerd Siemoneit mit einem Loewenmännchen in Aktion. (Bild: Keystone)
1986: Fredy Knie jun. zeigt während der Saison 1968 erstmals eine Dressurnummer mit dem Breitmaulnashorn Ceyla. (Bild: Keystone)
1970: Clown Dimitri spielt auf seinen Blas-Instrumenten während einer Vorstellung in Zürich. (Bild: Keystone)
1974: In einem Zirkuswagen findet der Unterricht für Kinder von Artisten statt.
1974:Presseanlass im Zelt des Circus Knie statt. Rolf Knie junior unterhält sich in der Manege mit einem sitzenden Pferd, namens Rebell.  (Bild: Keystone)
1982: Das Motto der diesjährigen Saison heisst "Circus-Luft". Präsentiert wird eine Dressurnummer mit der Tigerin "Sher", die auf einem Nashorn reitet. (Bild: Keystone)
1983: Rolf Knie senior (links) und Bruder Fredy Knie. 1941 übernahm Rolf zusammen mit seinem Bruder Fredy Knie den Zirkus von den Eltern. Fredy Knie leitete die artistische und technische Direktion, Rolf Knie die kaufmännische und administrative Abteilung. (Bild: Keystone)
1989: Miss Jana tritt mit Riesenschlagen und Mississippi-Alligatoren auf. Vier Assistenten tragen eine Riesenschlange durch die Manege. (Bild: Keystone)
1991: Clown Pic bläst als Pierrot Lunaire Riesenseifenblasen.  (Bild: Walter Bieri/Keystone)
1993: Fredy Knie jun. mit Grant-Zebras. (Bild: Keystone)
1999: Die Elefanten des Circus Knie präsentieren sich vor dem Bundeshaus in Bern. (Bild: Edi Engeler/Keystone)
2008: Der junge Chris Rui Knie in der Manege während der Vorstellung in Frauenfeld. (BIld: Nana do Carmo)
2014: Chanel Marie Knie an der Generalprobe des Circus Knie in Rapperswil. (Bild: Walter Bieri/Keystone)
2012: Linna Knie in einer Dressurnummer mit Elefanten. 2015 gab es die letzte Vorstellung mit den Elefanten. (Bild: Walter Bieri/Keystone)
2015: Aufbau des Zeltes und Interieurs. Etwa 230 Mitarbeidende aus 16 Ländern sind im Einsatz, wenn die Saison näherrückt.
2018: Ivan Frederic Knie mit seiner Pferdenummer. Auf ihrer 100. Tournee mit dem Namen "Formidable" trat die Familie Knie zusammen mit 38 Artisten aus zehn verschiedenen Nationen auf. (Bild: Melanie Duchene/Keystone)
2019: Blick auf das neue Zelt des Circus Knie in Rapperswil. Der Circus feiert dieses Jahr sein 100-jähriges Bestehen. Die neue Zeltblache wurde über Crowdfunding finanziert. (Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone)
2019: Die Familie Knie. (Bild: Nicole Boekhaus)

Um 1900: Mitglieder der Familie Knie des Circus Knie in einer historischen Aufnahme. (Bild: ullstein/Getty)

Unseren Gesprächstermin haben wir verschieben müssen. Am Montag hatte Chanel ihren achten Geburtstag, da waren alle Artisten da. Und der Grossvater durfte nicht fehlen. Denn Grossvater ist Fredy Knie von ganzem Herzen. Man spürt es, wenn er über Chanel spricht, und über Ivan, ihren älteren Bruder. Fredy Knie schaut mit grossem Wohlgefallen auf seine Enkel, denen er jetzt beibringt, was er über Pferde weiss.

«Andernfalls wäre ich dafür gewesen aufzuhören»

Denn von der nächsten und übernächsten Generation hängt die Zukunft abhängt. «Hätte ich gesehen, dass niemand an einer Nachfolge interessiert ist, hätte ich gesagt: Wir hören jetzt auf – auf dem Höhepunkt, wie sich das für die Knies gehört. Denn schon als unsere Vorfahren noch mit der offenen Arena durch Deutschland, Österreich und die Schweiz gezogen sind, waren sie bekannt für ihre hervorragenden Darbietungen.»

So aber kann es weitergehen mit dieser Familie, die einzigartig ist für die Schweiz, glamourös in der Manege, aber bodenständig im Alltag. Was sich am humorvoll-nüchternen Fredy Knie gut zeigen lässt – an dessen Namen man eigentlich jedes Mal ein «jun.» anhängen müsste, weil die Knies über acht Generationen eine ausgeprägte Vorliebe für einzelne Vornamen entwickelt haben.

So hat sich jener Friedrich Knie, der sich 1803 in die Kunstreiterin Wilma verliebte und die Dynastie begründete, namensmässig zu jenem Friedrich Knie fortgesetzt, der mit seinen Brüdern Rudolf, Karl und Eugen 1919 den heutigen «Schweizer National-Circus» begründet hat. Und der zwei Söhne hatte: Fredy, senior genannt, und Rolf.

Alle Rechnungen müssen bezahlt sein

Keineswegs unterschlagen darf man die Frauen. Womit nicht nur gemeint ist, dass heute mit Géraldine, Franco jun. und Doris Knie eine Frauenmehrheit den Zirkus leitet. Sondern dass schon 1860 mit Anastasia Maria Knie-Staudinger eine Frau nach dem überraschend frühen Tod ihres Mannes übernehmen musste.

Sie «leitete das Unternehmen mit fester Hand», heisst es in der Familienchronik, und fand eine Generation später in Margrit Knie-Lippuner, Fredys Grossmutter, eine würdige Nachfolgerin. Fredy Knie erinnert sich gut an diese bemerkenswerte Frau, deren Devise war, dass der Zirkus alle Rechnungen bezahlt haben musste, wenn er einen Ort verliess. «So hat sie zusammen mit meinem Vater und mit meinem Onkel den Zirkus durch den Krieg gebracht.» Auch den Kontakt zu den Behörden hat sie gepflegt. «Oft hat sie bis spät in die Nacht Gäste bewirtet.»

Warum Marie Knie-Heim sich ihren Söhnen verweigert

Vieles, was den Knie gross gemacht und am Leben erhalten hat, tritt bei dieser Margrit Knie-Lippuner zutage. Vor allem ist es jene unbeugsame Pflichterfüllung, die noch den 72-jährigen Fredy jeden Tag in den Pferdestall treibt, auch wenn er vor zwei Jahren spasseshalber erklärt hat, er tue ja fast nichts mehr und komme sich eigentlich vor «wie Alfred Hitchcock, der in seinen Filmen nur mal über die Strasse geht». Der Betrieb muss laufen, vor allem aber: «Man darf das Publikum nicht enttäuschen», fasst er das Familien-Credo in Worte.

Wenn dieses Publikum mal nicht kommt, dann ist rasch Feuer im Dach. Als 1870/71 der Deutsch-Französische Krieg tobt, muss die Familie Knie ihre Arena auflösen, mit harter Arbeit und eisernem Sparen bringen ihn Ludwig und Marie Knie-Heim wieder hoch. Diese Erfahrung ist es auch, die Marie Knie-Heim dazu treibt, sich jenem kühnen Plan entgegen zu stellen, den nach dem Ende des Ersten Weltkriegs ihre vier Söhne haben. Sie wollen jetzt mit einem Zelt auf Tournee gehen.

Das Zelt der Knies ist in Bern der Aufreger

Weil ihre Mutter die Unterstützung verweigert, brechen Friedrich, Rudolf, Karl und Eugen Knie mit einer eisernen Familienregel: Nichts zu kaufen, was man nicht bar bezahlen kann. So erwerben sie das Zelt auf Pump, mit umwerfendem Erfolg. Bei der Eröffnungsvorstellung am 14.Juni 1919 in Bern sitzen die beiden frisch gebackenen Frauen von Rudolf und Friedrich in den Kassenhäuschen, doch die aufgeregten Menschen schieben die Häuschen beiseite. Und das Geld für das Zelt kommt rasch wieder herein.

Das Kassenhäuschen ist übrigens der Ort, an dem die Knies ihre angeheirateten Frauen ganz gern unterbringen. Es sei denn, jemand entwickle so viel Ehrgeiz wie Mary-José Knie, Fredys Ehefrau seit 47 Jahren. Er lernt sie aus Zufall kennen, als sie gerade als Mannequin in Zürich ist, und will nicht unbedingt, dass sie reiten lernt. Aber sie tut es. Und als sie die Ungarische Post einstudieren will, meint Fredys Vater, das sei nichts für Frauen. Doch sie setzt sich durch.

Konflikte säumen die Familiengeschichte

Ehrgeiz muss haben, wer sich in der Zirkuswelt behaupten will, ein Schuss Dickköpfigkeit ist auch nicht schlecht. Auch das Konflikthafte gehört zur Familien-DNA, und manchmal muss man sich trennen, friedlich oder auch nicht. 1959 scheidet Eugens Tochter Eliane aus dem Unternehmen aus, 1983 geht Fredys Bruder Rolf als Kunstmaler seiner Wege. 1993 verlässt Cousin Louis nach heftigem Streit den Zirkus und beklagt sich bitterlich. «Wir haben nie darüber in den Medien geredet, nur er», sagt Fredy Knie, seine Stimme bekommt einen ärgerlichen Unterton. «Aber schauen Sie sich die Zeit danach an: Louis ist drei Mal Pleite gegangen.»

Dass vieles sich öffentlich abspielt und man auch privat im Schaufenster steht, bekommen die Knies immer wieder zu spüren - auch im Sommer 2000, als die Liebe zwischen Franco Knie sen. und der monegassischen Prinzessin Stéphanie Horden von Reportern anlockt. Allerdings erlebt punkto Liebe auch Zirkusbegründer Friedrich einiges. Seine Kunstreiterin lässt ihn schon bald sitzen, aber 1807 lernt er in Innsbruck Antonie Stauffer kennen, bildschöne Tochter aus gutem Hause. Ihre Eltern sind entsetzt. Sie wollen keinen Artisten als Schwiegersohn, der sich in diesen kriegerischen Zeiten mehr schlecht als recht durchschlägt. So stecken sie Antonie ins Kloster, aus dem Friedrich sie aber entführt - und dann in zähen Verhandlungen das Ja ihrer Eltern erwirkt.

Der Circus Knie in Zahlen

 Rückt die Saison näher, dann verwandelt sich der Circus Knie in ein Unternehmen von beachtlicher Grösse. Dann stehen etwa 230 Mitarbeitende aus 16 Ländern in seinen Diensten, vom Sattler über die Kassierinnen und die – auch im Winter beschäftigten – Pferdepfleger bis zu den 37 Artistinnen und Artisten, die vom 21. März an mitreisen auf einer Tournee, die an 33 Gastspielorte führt. 2500 Kilometer werden dabei per Zug, etwa 3600 Kilometer auf der Strasse zurückgelegt. 329 Vorstellungen werden gespielt in zwei unterschiedlich grossen Zelten: Das grössere fasst 2340 Personen, das kleinere 2144. (R. A.)

Blut, Schweiss, Gelächter – die gezähmte Antike

Zirkus leitet sich nicht zufällig vom lateinischen circus für Kreis und Rennbahn ab. Sie finden sich auch im heutigen Zirkus – genauso wie Pferd, Löwen und populäres Massenspektakel.
Hansruedi Kugler