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Eine Reise an den Ursprung des Bauhauses

Vor 100 Jahren gründete Walter Gropius in Weimar das Bauhaus. Wenig später verschob es sich nach Dessau und bald darauf in die ganze Welt. Eine Reise an die Geburtsstätten der Moderne.
Ingrid Schindler, Text und Bilder
Meisterhäuser in Dessau, 1926 von Gropius für die Bauhausmeister erbaut.
Direktionszimmer von Walter Gropius im Bauhaus Dessau.
Bauhaus Dessau: Schlüsselwerk der modernen Architektur, 1926 von Gropius erbaut. (Bild: T. Franzen)
Treppenhaus Bauhaus Weimar, Malereien von Oskar Schlemmer, 1923.
Deutsche Volkskundemotive statt entarteter Kunst unter den Nazis.
Schlemmers Triadisches Ballett, Figurine aus der Gelben Reihe.
Treppenhaus Bauhaus Weimar, Malereien von Herbert Bayer, 1923.
7 Bilder

Ein Festjahr fürs Bauhaus

Die Goldenen Zwanziger: Lebensgier, Rausch, Tanz auf dem Vulkan im Würgegriff der Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Das Ende des 1. Weltkriegs, Weimarer Republik, Inflation, Weltwirtschaftskrise, Hitlers Machtergreifung. Das ist die Zeit des Bauhauses. Am 12. April 1919 in Weimar gegründet, 1925 vertrieben, 1926 in Dessau wiedereröffnet, 1932 erneut vertrieben, nach Berlin umgesiedelt, 1933 aufgelöst und in alle Welt verstreut.

14 Jahre, drei Direktoren, drei Standorte und 1250 Schüler aus 29 Ländern: Genug, um das Experiment des neuen Bauens in die Welt zu tragen und zum einflussreichsten deutschen Kultur­export des 20. Jahrhunderts zu machen. Weil es mehr ist als Architektur und Design: Ein lebensreformerisches Gesamtkunstwerk, erst elitär, dann massentauglich, das Mensch und Maschine, Kunst und Technik vereint. Mies van der Rohe:

«Nur eine Idee hat die Kraft, sich so weit zu verbreiten.»

Ausgerechnet Weimar!

Synonym für deutsche Klassik, «Schönheit des Geistes» und Avantgarde: Weimar, Kulturmagnet in Mitteldeutschland, den Wieland, Goethe, Herder, Schiller, Bach, Liszt, Nietzsche und andere Grössen zum Strahlen brachten. Wo das Goethe-Nationalmuseum, das Deutsche Nationaltheater und die Anna-Amalia-Bibliothek die Hauptattraktionen sind. 1901 wurde der belgische ­«Alleskünstler» Henry van de Velde herberufen, um der thüringischen Kreisstadt erneut zu Kultur und Glanz zu verhelfen. Van der Velde gründete und baute in der Folge neue Schulen für Malerei, Bildhauerei und Kunstgewerbe, aus denen das Bauhaus hervorging. Gropius war 1918 dem Ruf nach Weimar gefolgt, legte 1919 das Bauhaus-Manifest vor und vereinte van der Veldes Kunstgewerbe- und Kunsthochschule zum Staatlichen Bauhaus.

Walter Gropius

Walter Gropius

«Wider die geistige Vereinseitigung»

Der Berliner Architekt begriff modernes Bauen als Einheit von Architektur, Bildhauerei, Malerei und Handwerk analog mittelalterlichen Bauhütten beim Kathedralenbau. Mit seiner Doktrin, Kreativität auf unterschiedlichste Arten auszuloten und nicht auf bestehenden Traditionen aufzubauen, wurde das Bauhaus zum Labor der Moderne. Es zog Studenten, Freigeister und Künstler in Scharen an, wie Feininger, Kandinsky, Schlemmer, Moholy-Nagy, Muche, Albers oder, aus der Schweiz, Itten, Klee, Meyer und Schawinski. «Man lernt wieder wie ein Kind zu spielen, Eigenschaften aus einem Stoff herauszuholen, die man bisher noch nicht kannte», schrieb Hans Kessler 1931 über die ­gestalterische Elementarlehre, die alle Schüler «wider die geistige Vereinseitigung» durchliefen.

Gropius’ Direktionszimmer ist eines der Highlights auf dem Rundgang durch das Weimarer Bauhaus. Ein funktioneller Kubus ohne Schnickschnack und Ornat, Farben verweisen auf die Funktion.

Gelb steht für Kommunikation, Blau für Arbeit, Rot für Denken – und der Schreibtisch des Chefs im Schnittpunkt.

Daneben der klotzige, gelbe Gropius-Sessel F51 für Besucher, der, wie viele Bauhaus-Entwürfe, zu einer Designikone geworden ist.

Gropius-Sessel

Gropius-Sessel

Feste «gegen bürgerliche Herzverstocktheit»

Einer der faszinierendsten «Totalkünstler», die der Direktor an Bord holte, war der Maler, Bildhauer, Fotograf, Bühnen-, Kostümbildner, Dichter und Tänzer Oskar Schlemmer. Als Werkstattleiter für Wandbilder und Bildhauerei war er für die Ausgestaltung der Wände zuständig. Als die Nationalsozialisten in Thüringen die Oberhand bekamen und die Bauhäusler 1925 aus Weimar vertrieben, ­zerstörten sie dessen Wandreliefs als entartete Kunst und ersetzten sie durch Folkloremotive aus dem ländlichen Deutschland um 1800. Nur was zuvor übertüncht worden war, überdauerte.

Bevor die Nazis aufmarschierten, zogen die «Verrückten» oft tanzend in Theaterkostümen durch Weimar.

Exzessive, offene Feste waren Ausdruck ihres «Protests gegen bürgerliche Herzverstocktheit, Gemütsduselei und Scheinleben» und fixer Bestandteil des Studiums. Legendären Ruf besassen das Sonnwend-, Drachen- und Laternenfest (Gropius’ Geburtstag) und Mottofeste wie «Das weisse Fest, 2/3 weiss, 1/3 gedippelt, gewerfelt, gestreift», «Neue Sachlichkeit» und «Das Metallische». Die Highlights: Klees Puppenspiele, Sketche, «halbbarbarische Negermusik» (Jazz), Schlemmers Bauhaustänze und «triadische» Kostüme. Zum Glück hatte Letzterer einige der Kostüme vor dem 2. Weltkrieg an das Museum of Modern Art in New York geschickt; es sind die einzigen, die die Nazizeit überlebten und der Rekonstruktion des Triadischen Balletts dienten. Anlässlich des Bauhaus­jubiläums wird es wieder aufgeführt.

Die Bauhäusler kamen im bürgerlichen Weimar nicht gut an. Die Bevölkerung stand ihnen feindselig gegenüber, den Nazis waren sie verhasst. «Wenn ein Kind nicht gehorchte, hiess es: ‹Sei brav oder du musst ins Bauhaus!›», erzählt Student Jakob Wolters, der Besucher durchs Weimarer Bauhaus führt. Als die Rechten erreichten, dass sich Gropius & Co. nach einem neuen Standort um­sahen, fiel die Wahl auf Dessau, eine ­vibrierende, liberale, aufstrebende Industriestadt in Sachsen-Anhalt.

Die Meisterhäuser von Dessau und das Bauhaus fürs Volk

In Dessau gelangte das Bauhaus zur vollen Blüte. Hier wurde die angestrebte Einheit von Kunst und Technik umgesetzt. Für sich und die Meister Feininger, Klee, Kandinsky, Moholy-Nagy, Muche und Schlemmer konzipierte Gropius technisch hochmoderne Meisterhäuser, die berühmtesten Künstlerhäuser ihrer Zeit; in Dessau-Törten entwarf er eine riesige Reihenhaussiedlung für den kleinen Mann. Die Feste setzten sich fort. Doch auch hier wehte Gropius bald ein scharfer Wind entgegen, so dass er 1928 die Leitung dem Schweizer Architekten Hannes Meyer übergab.

Der neue Direktor erreichte Gropius’ Bekanntheitsgrad nicht, obwohl er das Bauhaus ebenfalls entscheidend prägte. Nach einer Karriere in Deutschland, England und der Schweiz wurde der Basler 1927 zunächst als Leiter der neuen Architekturabteilung ans Bauhaus berufen. Als gelernter Maurer-Steinmetz verkörperte er den idealen Formmeister. Eigene Akzente setzte er durch die Politisierung des Bauhauses und Reform der Lehre: Er orientierte die experimentelle Werkstattarbeit an Vorgaben der Industrie, zielte auf Massenproduktion und brachte das Bauhaus zum Volk.

«Volksbedarf statt Luxusbedarf» lautete seine Parole.

Das Neue Bauen sollte für alle erschwinglich und nutzerfreundlich sein. 1930 wurde Meyer auf Gropius’ Betreiben wegen «kommunistischer Machenschaften» entlassen. Ludwig Mies van der Rohe trat die Nachfolge an. Meyer emigrierte in die Sowjetunion und später nach Mexiko, bevor er 1949 in die Schweiz zurückkehrte.

Neues Bauhaus-Museum in Weimar

Nach der Machtergreifung Hitlers 1933 gingen im Bauhaus definitiv die Lichter aus. Viele Bauhäusler emigrierten: Gropius, Albers und Breuer in die USA, Kandinsky nach Frankreich, Klee und Itten in die Schweiz. Viele jüdische Bauhauslehrer und -schüler wanderten nach Palästina aus, wo sie den Staat Israel nach Bauhaus-Prinzipien entwarfen und Tel Aviv zur grössten Bauhaus-Siedlung der Welt machten.

Nach 1945 befanden sich Dessau und Weimar im russischen Sektor, das Bauhaus wurde erst nach Stalins Tod rehabilitiert. 1996 wurden die Gebäude ­originalgetreu rekonstruiert und beide Bauhäuser sowie die Meisterhäuser ins Unesco-Weltkulturerbe aufgenommen. Das Bauhaus in Dessau gilt als bedeutendster Bauhausbau der Welt. In Weimar benannte man die Kunstgewerbe- und Kunsthochschule 1996 in Bauhaus-Universität um. Heute studieren hier 4000 Studenten aus 70 Ländern Architektur, Bauingenieurswesen, Gestaltung und Medien. 15 Minuten Fussmarsch durch das Weimar Goethes und Schillers von der Uni entfernt laufen die Arbeiten am neuen Bauhaus-Museum auf Hochtouren. Eröffnung ist im April 2019. Auch dieser Standort strotzt vor Geschichte. Das Museum befindet sich auf dem ­ehemaligen Gauforum, dem Aufmarsch- und Versammlungsplatz der Nazis, und empfängt in Bälde Gäste aus aller Welt.

Festjahr für das Bauhaus

Die Grand Tour der Moderne bietet einen Streifzug durch 100 Jahre Architekturgeschichte in Deutschland. Tour 1 «Bauhaus entdecken» führt in 5 Tagen an Orte des Bauhauses in Thüringen, Sachsen-Anhalt, Berlin und Brandenburg. Die Stationen: Bauhaus-Universität, Haus am Horn, Haus Hohe Pappeln, Bauhaus-Museum in Weimar, Haus Auerbach in Jena, Bauhaus-Keramikwerkstatt in Dornburg, Haus Schulenburg in Gera, Haus des Volkes in Probstzella, Lyonel-Feininger-Galerie in Quedlinburg, Lyonel Feininger in Halle (Saale), Stadthalle, Gartenstadt-Kolonie Reform, Beims-Siedlung in Magdeburg, Diakonissen-Mutterhaus in Elbingerode, Piesteritzer Werkssiedlung in Lutherstadt Wittenberg, Bauhaus, Meisterhäuser, Arbeitsamt, Kornhaus in Dessau-Rosslau, Reihenhaussiedlung, Laubenganghäuser in Dessau-Törten, Hufeisensiedlung, Siemensstadt, Bauhausarchiv u.a. in Berlin, Observatorium im Einsteinturm in Potsdam, Einsteins Sommerhaus in Caputh, Bundesschule Bernau.
Tipps: Führungen, Ausstellungen, Veranstaltungen im Rahmen des Bauhaus-Jubiläums: www.bauhaus100.de. Reisen zum Bauhaus: www.grandtourdermorderne.de. Reiseführer: «Bauhaus Reisebuch. Weimar – Dessau – Berlin», Bauhaus Kooperation (Hrsg.), Prestel 2017.

In ein paar der Schüler- und Jungmeisterstudios im Ateliergebäude in Dessau kann man übernachten. Das Haus des Volkes in Probstzella ist ein empfehlenswertes Hotel, das Kornhaus an der Elbe bei Dessau ein Ausflugsrestaurant, www.bauhaus-dessau.de. Geführte Touren an der Bauhaus-Universität Weimar: www.uni-weimar.de/bauhausspaziergang (is)

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