Carl Lutz: Ein Gerechter unter den Völkern

Dass einem Schweizer die grösste Juden-Rettungsaktion des Zweiten Weltkriegs gelang, ist noch immer nicht so bekannt, wie es eigentlich sein sollte: Der Geburtstag von Carl Lutz (1895-1975) jährt sich zum 125. Mal.

Andreas Faessler
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Carl Lutz (1895-1975). Zigtausende ungarische Juden verdankten dem Schweizer ihr Leben.

Carl Lutz (1895-1975). Zigtausende ungarische Juden verdankten dem Schweizer ihr Leben.

Bild: Getty

Die Ehrungs- und Würdigungskultur in der Schweiz scheint grundsätzlich weniger ausgeprägt zu sein als andernorts. Es scheint zuweilen, als täte man sich schwer, die Verdienste mutiger Landsleute der jüngeren Vergangenheit gebührend ins Licht zu rücken. Allein mit Blick auf den Zweiten Weltkrieg nämlich sind mehrere Personen zu nennen, denen viele ihr Leben verdanken. So etwa Louis Häfliger, welcher in zwei Aussenlagern von Mauthausen eine Massentötung von Tausenden Häftlingen verhinderte. Oder Paul Grüninger, der als Schweizer Grenzbeamter Hunderten Juden mittels manipulierter Dokumente die Flucht in die Schweiz ermöglichte und sie so vor dem sicheren Tod bewahrte.

Ein weiterer in diesem Bunde selbstloser Schweizer heisst Carl Lutz, 1895 geboren im appenzellischen Walzenhausen und gläubiger Methodist, dessen Geburtstag sich am 30. März zum 125. Mal gejährt hat. Sein innigster Berufswunsch wäre Pfarrer gewesen, doch führte ihn sein Weg schliesslich über diverse Anstellungen bei Gesandtschaften und Konsulaten zur Diplomatie. Als Schweizer Vizekonsul in Ungarn während des Zweiten Weltkrieges gelang es ihm nach der Besetzung durch die Nazis, gemäss Aufzeichnungen über 60000 Juden vor der Deportation und folglich vor der Vernichtung zu bewahren. Das war gut die Hälfte der Budapester Juden, die den Krieg überlebt haben. Als Leiter der Abteilung für fremde Interessen verfügte Lutz über hohe Kompetenzen. Dank seines Verhandlungsgeschickes und mit einem Trick erhielt er von Obersturmbannführer Adolf Eichmann ein Kontingent von 7800 Schutzbriefen zugesprochen, welche Juden ermöglichten, nach dem heutigen Israel auszuwandern. Systematisch und von den Nazis unbemerkt, vervielfachte Lutz das ihm zur Verfügung stehende Kontingent, indem er die Schutzbriefe nicht wie vorgeschrieben nur an einzelne Personen, sondern an ganze Familien vergab, was die Zahl Geretteter exponentiell erhöhte. Mit dieser grössten Rettungsaktion für die jüdische Bevölkerung im Zweiten Weltkrieg riskierte der Schweizer freilich sein Leben.

Ernüchterung nach der Rückkehr

Als Carl Lutz nach Kriegsende in sein Heimatland zurückkehrte, schlug ihm alles andere als Anerkennung für seine beispiellose Zivilcourage entgegen. Vielmehr wurde ihm – wenn auch informell – vorgeworfen, er hätte in Budapest eigenmächtig seine Kompetenzen überschritten. Dass er für das Überleben zigtausender Menschen verantwortlich zeichnet, schien in seinem Vaterland keinen zu interessieren. Einzig in seinem Geburtsort Walzenhausen setzte man 1963 ein kleines Zeichen der Wertschätzung, indem die Gemeinde ihm das Ehrenbürgerrecht verlieh. Zeitlebens hoffte Lutz auf eine offizielle Anerkennung seiner Verdienste durchs Vaterland – vergebens. Vereinsamt und von dieser Zermürbung geprägt, starb Carl Lutz 1975 in Bern.

Das Gedenken wächst zaghaft

In Israel hingegen wurde der Schweizer bereits kurz nach Kriegsende für seine Leistungen für das jüdische Volk geehrt. Die 1953 gegründete Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem nahm Carl Lutz 1965 in die Ehren-Liste der «Gerechten unter den Völkern» auf. Dieses Prädikat zeichnet Nicht-Juden aus, die im Zweiten Weltkrieg ihr Leben aufs Spiel setzten, um dasjenige von Juden zu retten. Der Begriff «Gerechter unter den Völkern» ist dem Talmud entlehnt. Am See Genezareth existiert zudem ein Lutz-Memorial.

Eine grossflächigere Würdigung setzte erst in den 1990er-Jahren ein. In Budapest steht seit 1991 ein ihm gewidmetes Denkmal, 2004 wurde ebenda die Carl-Lutz-Stiftung gegründet. 1995 ist er von der Schweiz posthum immerhin «rehabilitiert» worden. Seit 2018 gibt es in Bern die Carl Lutz Gesellschaft. Eine treibende Kraft, ihn endlich der unverdienten Vergessenheit zu entreissen, ist seine Stieftochter Agnes Hirschi, deren jüdische Mutter Lutz kurz vor Kriegsende gerettet hatte. 1949 heiratete er sie und adoptierte deren Tochter Agnes. Diese ist bestrebt, das Andenken an ihren Stiefvater zu fördern, und verwaltet seinen Nachlass. Ende März 2019 enthüllte sie feierlich eine Gedenktafel an Carl Lutz’ Geburtshaus in Walzenhausen.