Reise in die kanadische Provinz:
Ein Geschenk am Lorenzstrom

Unmöglich, durch die Provinz Quebec zu reisen, ohne einen Abstecher in die Region Charlevoix. Einst schlug hier ein Meteorit ein und hinterliess einen riesigen Krater. Das Ergebnis dieser Naturkräfte ist eine besonders liebliche Landschaft. Die Region ist bekannt für ihre exquisite Küche und war Gastgeberin des G7-Gipfeltreffens.

Gerd Braune
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Hier sassen die G7-Staats- und Regierungschefs zusammen: Schlosshotel Fairmont Le Manoir Richelieu. Es liegt zwischen Meer und Bergen in La Malbaie in der Provinz Quebec. (Bild: Chris Sanchez)
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Wasserreiche Landschaften prägen die Region Charlevoix. (Bild: Gerd Braune)
Bei Quebec an der Ostküste Kanadas kann man hervorragend Wale beobachten. (Bild: Croisieres AML)

Hier sassen die G7-Staats- und Regierungschefs zusammen: Schlosshotel Fairmont Le Manoir Richelieu. Es liegt zwischen Meer und Bergen in La Malbaie in der Provinz Quebec. (Bild: Chris Sanchez)

Langsam schlängelt sich der Zug am ­St.-Lorenz-Strom entlang. Den Passagieren, die an den Wasserfällen «Chute Montmorency» in der Nähe der Stadt Quebec eingestiegen sind, bietet sich auf der Fahrt nach Baie-Saint-Paul auf der rechten Seite der Blick auf einen mächtigen Strom. Hier drangen vor 400 und 500 Jahren Entdecker und Forscher wie Jacques Cartier und Samuel de Champlain in das Innere des Kontinents vor. In den flachen Uferzonen stehen Scharen von Graureihern. Auf der linken Seite erhebt sich, nun schon nahe an Baie-Saint-Paul, das Massif de Charlevoix mit seinem Plateau, das 770 Meter über dem Fluss liegt.

Dieseltriebzüge der Deutschen Bahn

Dies ist das Charlevoix, eine kleine Region der kanadischen Provinz Quebec, die für ihre landschaftlichen Reize, ihre hervorragende Küche und die ­Gastfreundschaft der hier lebenden Menschen bekannt ist und die im Juni Schauplatz des G7-Gipfels der Staats- und Regierungschefs der westlichen Industriestaaten war. Auch der Zug trägt den Namen der Region. Der «Train de Charlevoix» fährt von den Chute de Montmorency nach Baie-Saint-Paul und dort können die Fahrgäste in den Anschlusszug nach La Malbaie umsteigen. Es ist eine Reise der Entschleunigung, insgesamt 125 Kilometer zwischen Fluss und Bergen, für die man etwa vier Stunden einplanen muss.

Die Züge haben eine interessante Geschichte: Gebaut wurden die beiden Dieseltriebzüge im Auftrag der Deutschen Bahn. Bis 2005 waren sie fast drei Jahrzehnte auf Strecken im Allgäu zwischen Augsburg, Kempten, Kaufbeuren und Füssen im Einsatz. «Dies ist eine unserer besonderen Attraktionen», sagen Francis Gougeon und Mario Audet, Manager von «Train de Charlevoix». 57 000 Passagiere wurden im vergangenen Jahr in der kurzen Sommersaison gezählt.

Eigentümerin des Zugs ist die ­«Groupe le Massif» mit ihrem Präsidenten Daniel Gauthier, der sich auch auf anderem Gebiet einen Namen machte: Baie-Saint-Paul mit seinen Strassenjongleuren und Stelzenläufern war in den 1970er-Jahren die Wiege des weltberühmten «Cirque du Soleil» und Gauthier einer der Gründer des Cirque.

Ein Meteorit schuf die einzigartige Landschaft

«Diese Landschaft hat uns der Himmel geschickt», meint David Mendel, Ko-Autor eines Büchleins über das Charlevoix, das die Tradition der Region als Feriengebiet mit seinen schmucken Landhäusern und Residenzen illustriert. Beim «Geschenk des Himmels» denkt Mendel an ein Ereignis, das 400 Millionen Jahre zurückliegt. Damals schlug ein ­Meteorit mit einem Durchmesser von 4,5 Kilometern, der vermutlich vom ­Asteroidengürtel zwischen Mars und ­Jupiter kam, auf der Erde ein – dort, wo heute das Dorf Les Éboulements liegt. Der Einschlag schuf einen 54 Kilometer weiten Krater mit dem Mont des Éboulements als Zentrum. Berge, Schluchten, Seen und Flüsse, Wälder und Wiesen kennzeichnen die Kraterlandschaft. Aber nur die Hälfte des Kraters liegt auf dem Land und bildet das Charlevoix. ­ Die andere Hälfte liegt unter Wasser im St.-Lorenz-Strom.

Eine Region der indianischen Völker

Seit Tausenden von Jahren leben indianische Völker in dieser Region. Im ­ 17. und 18. Jahrhundert kamen Siedler aus Europa. Der französische Historiker Pierre-Francois Xavier de Charlevoix ­bereiste die Region, die später nach ihm benannt werden sollte. 1759 hatten die Engländer Quebec erobert und im Frieden von Paris 1763 musste Frankreich seine nordamerikanischen Gebiete ­einschliesslich des heutigen Kanada an Grossbritannien abtreten. Bereits in diesen Jahren liessen sich schottische Adlige im Charlevoix nieder und nutzten es für Freunde und Angehörige in Europa als Ferien- und Fischfangregion. Mit der Dampfschifffahrt und den «weissen Booten», die Gäste aus Montreal, Quebec und den USA brachten, stieg in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Bedeutung des Charlevoix als Tourismusregion und begründete dessen Ruf als Wiege der Sommerfrische in Kanada, als «Berceau de Villégiature». «Sie liebten die frische Luft hier und sie wollten der Luftverschmutzung, aber auch den Krankheiten entfliehen, die in den Städten umgingen», erzählt Annie Breton, Direktorin des Museums in La Malbaie.

Von der Terrasse des Fairmont Le Manoir Richelieu im Städtchen La Malbaie geht der Blick über den St.-Lorenz-Strom. In diesem Luxushotel, das einem Schloss ähnelt, sassen die G7-Staats- und -Regierungschefs zusammen. Errichtet worden war es Ende des 19. Jahrhunderts in Holzbauweise als Ferienquartier für betuchte Kanadier aus den Städten. Auch Charlie Chaplin hat hier übernachtet. Am 12. September 1928 zerstörte ein Feuer die gesamte Anlage. Die Canada Steamship Line, damals Eigentümer des Hotels, beschloss, es so schnell wie möglich wieder aufzubauen – und diesmal aus Steinen. Bereits Mitte Juni 1929 wurde es mit Beginn der Sommersaison ­eröffnet, mit 350 Zimmern grösser als das alte Manoir.

Fleisch und Gemüse aus der Region

Im Restaurant «Chez Truchon» in La Malbaie kann der Gast durch eine grosse Glasscheibe den Eigentümer und Küchenchef Dominique Truchon beobachten, der mit Kochlöffel durch Pfannen und Töpfe wirbelt und die Speisen auf den Tellern anordnet. Seit fast 40 Jahren steht Truchon in der Küche, er stammt aus der Charlevoix-Region und verwendet vor allem lokale Produkte. Brot, Fleisch, Paté oder Gemüse, alles soll, wenn immer möglich, von Bauernhöfen der Region kommen. «Es erlaubte mir, frische Produkte von besserer Qualität zu verwenden», erinnert er sich an den Beginn dieser Reise, die schon vor mehr als 30 Jahren begann. «Wir tragen zum Erfolg der Erzeuger bei und das sichert im Gegenzug, dass lokale Qualitätsprodukte zur Verfügung stehen», erzählt er. Küchenchefs und Produzenten stehen im ständigen Dialog. «Wir vermitteln ­ihnen Einblick in unsere Arbeit, und die Produzenten können auf unsere Bedürfnisse reagieren.»

Kunst und Küche gehören zusammen

Wie sehr Bauern, Bäcker und Konditoren davon profitieren, sieht man in fast jeder Gemeinde. Einzelhandelsgeschäfte und Supermärkte führen lokale Erzeugnisse. In Baie-Saint-Paul bietet die Boutique der «Cidrerie Pednault» nicht nur den Cidre von der im St.-Lorenz-Strom liegenden Insel Isle-aux-Coudres, sondern auch Cassoulet von Ente, Rillettes vom Kaninchen, Champignons, Senf und verschiedene Gelees von örtlichen Produzenten, nicht zu vergessen Käse aus den Käsereien des Charlevoix, darunter den Migneron und den Hercule.

Beim Bummel durch das Städtchen fällt sofort die grosse Anzahl von Kunst- und Kunstgewerbegalerien auf. Mit mehr als 25 Kunstgalerien ist Baie-Saint-Paul die Stadt mit den meisten Galerien pro Kopf in Kanada. Im Mouton Noir in Baie-Saint-Paul fühlt sich der aus der Bretagne kommende Eigentümer und Küchenchef Thierry Ferré nicht nur der heimischen Küche und lokalen Erzeugnissen verpflichtet, sondern auch der Kunst der Region. Gemälde von Guy Paquet, der grossflächig den blauen Himmel über dem Charlevoix zur Geltung bringt, oder Jean Francois Racine, der seine Skier als Staffelei benutzt, schmücken die Wände seines Restaurants. Kunst und Küche, sie gehören in dieser Region am St.-Lorenz-Strom einfach ­zusammen.

Tourismus Charlevoix: www.tourisme-charlevoix.com
Baie Saint Paul: www.baiesaintpaul.com La Malbaie: www.tourisme- charlevoix.com/en/sectors/la-malbaie/ Walbeobachtung: www.croisieresaml.com