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Papi, bitte lies mir was vor: Was Vorlesen unseren Kinder bringt

Kinder, denen täglich vorgelesen wird, haben einen grösseren Wortschatz und lernen leichter lesen und schreiben. Viele Eltern beginnen aber zu spät mit Vorlesen und hören zu früh auf. Am 23. Mai findet der erste Schweizer Vorlesetag statt.
Bruno Knellwolf
Das Vorlesen einer Geschichte ist ein grossartiges Ereignis für Vater und Kind. Bild: Getty

Das Vorlesen einer Geschichte ist ein grossartiges Ereignis für Vater und Kind. Bild: Getty

Wer schenkt, macht sich auch selbst eine Freude. Und Vorlesen ist ein Geschenk. Das weiss, wer schon im Kinderbett gelegen ist und der Tochter oder dem Sohn eine Geschichte vorgelesen hat. Das wirkt auf den Vorleser so beruhigend, dass ihn vielleicht bald der Schlaf holt. Und den kleinen Zuhörer dazu veranlasst, Papi oder Mami einen leichten Puff zu versetzen – die Geschichte muss schliesslich zu Ende erzählt werden, auch wenn sie der Kleine schon gefühlte Tausendmal gehört hat.

Beim Vorlesen entsteht eine enge Beziehung zwischen Leser und Zuhörer. «Zwei Menschen nehmen sich Zeit füreinander, und so hat das Vorlesen einer Geschichte positive Effekte für beide», sagt Barbara Jakob vom Schweizerischen Institut für Kinder- und Jugendmedien (SIKJM). Am allermeisten aber natürlich für das Kind. «Vorlesen ist eine Investition in die gesunde Entwicklung unserer Kinder», sagt Oskar Jenni, Kinderarzt und Leiter der Abteilung Entwicklungspädiatrie des Kinderspitals Zürich.

Vorlesen mit Zwiegespräch

Oft beginnt das elterliche Vorlesen mit Bilderbüchern mit wenig Text. Der Vater erfindet dazu oft eine eigene Geschichte, welche das Kind fasziniert und Fragen stellen lässt. «Beim Vorlesen entsteht im Idealfall ein Dialog zwischen Leser und Zuhörer», sagt Barbara Jakob. «Das Kind taucht in die Welt des Buches ein und verknüpft das mit der eigenen.» Gemäss einer Studie der Stiftung Lesen wissen über 90 Prozent der Eltern von der grossen Bedeutung des Vorlesens, 30 Prozent wissen aber nicht, wann sie damit beginnen sollen. Oft hätten diese den Schulbeginn im Auge, doch das sei eigentlich zu spät. «Es gilt: So früh wie möglich und so lange wie möglich», sagt Jakob, beim SIKJM für die Leseförderung zuständig. Unterschieden wird zwischen dialogischem und klassischem Vorlesen. Das dialogische Lesen, bei dem die Beteiligten aufeinander eingehen, ist vor allem für kleine Kinder sehr wichtig und sprachfördernd. Wertvoll ist auch das klassische Vorlesen, vor allem wenn die Kinder älter werden. Es ermöglicht eine Begegnung mit einer Art von Sprache, nämlich der literarischen, die nicht alltäglich ist und damit den ­Horizont des Kindes erweitert.

Der erste Schweizer Vorlesetag

In einem echten Schloss aufregenden Schlossgeschichten lauschen oder von einem richtigen Polizisten eine spannende Polizeigeschichte erzählt bekommen – möglich ist das am ersten Schweizer Vorlesetag. Nächsten Mittwoch finden in der ganzen Schweiz Vorlesungen statt. Nicht-Prominente und viele Prominente wie Bundesrat Alain Berset, Franz Hohler oder Beni Thurnheer treten am 23. Mai als Botschafter und Vorleser auf. Die Veranstaltungen können auf der Webseite des Veranstalters gesucht und angeklickt werden. Zum Beispiel im Saxli-Leseclub in Frauenfeld oder in der Villa YoYo ­
St. Gallen und in vielen Bibliotheken der Ostschweiz. (Kn.)

www. schweizervorlesetag.ch

«Es gibt auch Kinder, die einfach nur zuhören wollen. Und wenn Mami fünf Mal in der Geschichte von einem Eimer gesprochen hat und der Vater beim sechsten Mal von einem Kübel, sofort aufbegehren», sagt Jakob. So gelte es, zusammen den besten Weg fürs Vorlesen zu finden. «Wichtig ist, dass man vorliest, was man gerne liest. Die Kinder bemerken das sonst sofort.» Beim Vorlesen erweitern die Kinder ihren Erfahrungshorizont, das fördert die Erzählfähigkeit und das Vorstellungsvermögen, weil beim Vorlesen laufend innere Bilder entstehen. «Dieses Hin und Her zwischen der literarischen und der eigenen Welt vergrössert den Wortschatz, lässt die Kinder Satz- und Erzählstrukturen kennen lernen, bevor sie selber lesen können», sagt Jakob. «Kinder greifen auf die Wurzeln der ersten Sprache zurück.» Deshalb macht es Sinn, in der Muttersprache vorzulesen. Lesen die Eltern den Kindern in der eigenen Sprache vor, geben sie ihm eine sichere Grund­lage für das Lernen weiterer Sprachen.

Schweizer Eltern stellt sich aber die Frage, ob sie in Schriftdeutsch lesen oder – für viele mühsam - in Schweizerdeutsch übersetzen sollten. Das spielt nach Jakob keine Rolle. «Wichtig ist die Absprache ist dem Kind. Das weiss nämlich, was es braucht.» Lockersein heisse die Devise, wichtiger sei das Vorlesen an sich. Wenig erstaunlich ist, dass sich das Vorlesen auch positiv auf die Schulleistungen auswirken kann. «Unser Plädoyer ist, auch nach Schulbeginn weiter vorzulesen», sagt Jakob. Die Umwandlung von abstrakten Symbolen, was Buchstaben nun mal sind, bleibt für einen Erstklässler anstrengend. Bekommt er weiterhin Geschichten vorgelesen, ist das für einen jungen Primarschüler entspannend und fördert die Lesebereitschaft. «Das Vorlesen bleibt ein Geschenk. Leider wird damit aber oft aufgehört, sobald die Kinder selber lesen können.» Eine deutsche Studie der Forscher Belgrad, Knapp und Lindel zeigt, dass, wenn Kindern täglich vorgelesen wurde, 87 Prozent später mindestens einmal in der Woche in einem Buch lesen. Bei Jugendlichen, denen nicht vorgelesen wurde, sind es nur 64 Prozent. Vom Vorlesen in der Schule profitieren gemäss der Studie alle Schüler, vom lesestärksten bis zum schwächsten. Alle konnten ihre Lesefertigkeit steigern.

Kinder erleben oft zwei Mal ­einen Leseknick. Den ersten etwa mit neun Jahren, wenn die zu lesenden Texte in der dritten Klasse länger und komplizierter werden. Es gibt Kinder, die erstarren ob der Bleiwüste und legen die Bücher weg. «Genau dann ist das Vorlesen wichtig, um über diese anstrengende Phase hinwegzukommen», sagt Jakob. Der zweite Leseknick kommt mit der Pubertät in der Oberstufe mit der Zuwendung zu Freunden und Freundinnen und der Absetzung von den Eltern. «War ein Kind bis dahin ein solider Leser, kann es für eine Zeit kurz abhängen, den zweiten Knick überwinden und danach die Lesefreude wieder entdecken.»

Nicht in allen Familien wird vorgelesen

Das Vorlesen ist also nachhaltig, wird aber in bildungsfernen Familien und solchen mit Migrationshintergrund weniger gemacht. Jakob hält auch deswegen die Bibliotheken in den Gemeinden für enorm wichtige Institutionen, die es allen Kindern, ob reich oder arm, erlaubten, zu Büchern zu gelangen. Sei es zum Vorlesen oder Selberlesen. Allerdings erhalten auch Kinder in gebildeteren Familien nicht unbedingt das Geschenk des Vorlesens. Arbeiten beide Eltern, sind sie Abends vielleicht zu müde und delegieren das Vorlesen an die Kita.

Auch ein Smartphone könnte ein möglicher Vorlesekiller sein. Vor allem, wenn digitale Geräte dazu benutzt werden, das Kind ruhigzustellen. Das sei allerdings schon mit dem Fernsehapparat möglich gewesen, wendet Jakob ein. Ob jemand Geschichten vorliest, habe oft mit der eigenen Lesebiografie zu tun. Wer selbst gute Erfahrungen mit den vorgelesenen Geschichten gemacht hat, wird diese auch eher seinen Kindern schenken. Und diesen damit auch erlebbar machen, dass es nicht das Gleiche ist, ob man von einem Bildschirm liest oder von einem fassbaren Papier.

  • Vorlesetipps
  • 1. Nehmen Sie sich Zeit und Ruhe.
    2. Wählen Sie Bücher zusammen mit Ihrem Kind aus.
    3. Lesen Sie lebendig vor.
    4. Beziehen Sie Ihr Kind ins Vorlesen ein.
    5. Lesen Sie in Ihrer eigenen Sprache vor.
    6. Lesen Sie regelmässig vor.
    7. Hören Sie nicht mit Vorlesen auf, es gibt keine Altersbeschränkung. (Kn.)

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