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50 Jahre Vitaparcours: Ein Hoch auf den Sport unter Bäumen

Eine Schweizer Erfindung feiert runden Geburtstag. Und wir feiern mit. Weil der beliebte Pfad durch den Wald uns fit hält, uns immer treu zur Verfügung steht und sogar noch unsere Fantasie auf Touren bringt.
Susanne Holz
Vor 50 Jahren ins Leben gerufen: Vitaparcours beim Zoo Zürich. (Bild: Str/Keystone (Zürich, 24. August 1968))

Vor 50 Jahren ins Leben gerufen: Vitaparcours beim Zoo Zürich. (Bild: Str/Keystone (Zürich, 24. August 1968))

Es ist nun schon ein paar Jahre her, dass meine Tochter aus der Primarschule heimkam und erzählte: «Mama, wir waren auf dem Vitaparcours.» Vitaparcours? Sport im Wald und gratis für alle? Ich wurde sofort hellhörig. Nach Jahren in überfüllten Zumba-Kursen, mit viel zu lauter Musik eines Stils, den ich sowieso nie mochte, war ich sofort Feuer und Flamme für die Idee, entspannt durch den Wald zu joggen, wann immer es mir passt, und dazu die verschiedensten Übungen an Posten aus Holz und Metall ausführen zu können. Sei es das Schwingen des Körpers an Ringen hängend oder das Hüpfen über dicke Stämme.

Das erste Mal erkundete ich den Vitaparcours meines Wohnorts zusammen mit den beiden Töchtern. Die Ältere stöhnte zusammen mit mir bei den ungewohnten Klimmzügen oder wenn es darum ging, eine Steigung hochzurennen. Die Kleine sprang uns einfach davon, so begeistert war sie spontan von der Bewegung im Wald. Wir nahmen uns vor – es war Herbst –, über den Winter jede Woche einmal den Parcours zu absolvieren – ausser bei ganz frostigen Temperaturen.

Zwei-, dreimal kamen die Töchter noch mit, dann rannte ich alleine weiter. Und bin seither immer wieder aufs Neue erstaunt, wie entspannt man sich nach einer Runde Vitaparcours fühlt. Die gute Waldluft, der weiche Boden, die Ruhe ringsum – schlussendlich ist dieses ganze Paket ein 45-Minuten-Wellnessprogramm. Zudem passiert es mir von Zeit zu Zeit, nach dem Vitaparcours richtig Muskelkater zu haben, nach anderen sportlichen Tätigkeiten wie Yoga, Gymnastik oder Velofahren habe ich das meist nicht. Was für die Effektivität des Sportelns im Wald zu sprechen scheint.

Sporteln an der frischen Waldluft. (Bild: KEYSTONE/Anthony Anex)

Sporteln an der frischen Waldluft. (Bild: KEYSTONE/Anthony Anex)

Personen vor Ort halten den Parcours instand

50 Jahre wurde er diesen Mai alt, der Vitaparcours – eine Schweizer Erfindung übrigens: Am 18. Mai 1968 wurde in Zürich Fluntern, am Zürichberg unweit des Zoos, der erste Vitaparcours eröffnet. 2,2 Kilometer war dieser lang. Über die Homepage von «Zurich Vitaparcours» (ZVP) findet man alle 499 Parcours, die es aktuell schweizweit gibt. Und Details zur Geschichte: Erster Sponsor war die Vita-Versicherung, die später von der Zurich-Versicherung übernommen wurde. Heute ist schweizweit die Stiftung Vita Parcours zuständig für alle Parcours. Die Leitung «Zurich Vitaparcours» kümmert sich in ihrem Auftrag um das Funktionieren sämtlicher Parcours, erbringt die dafür notwendigen Dienstleistungen und liefert das Posten- und Wegweisungsmaterial. Über den Vitaparcours meines Zentralschweizer Wohnorts erfahre ich auf der Homepage: Er trägt die Nummer 443, ist 2,7 Kilometer lang, bei 3,4 Leistungskilometern und einer Steigung von 70 Metern. Der Träger ist die Einwohnergemeinde.

Barbara Baumann, Leiterin «Zurich Vitaparcours», erklärt: «Jeder Parcours hat vor Ort eine lokal verantwortliche Trägerschaft. Diese ist für Bau, Unterhalt und Erneuerung zuständig. In 81 Prozent sind dies die Gemeinden, in 12 Prozent Vereine und in 7 Prozent Tourismusorganisationen.» Barbara Baumann gibt auch Auskunft darüber, wie oft die Parcours gewartet werden: «Jeden Frühling gibt es eine grosse Revision. Durchs Jahr finden Kontrollgänge statt. Zudem werden alle am Parcours anfallenden Arbeiten erledigt.»

Ein Standardsparcours hat 15 Stationen
mit 43 Übungen

15 Stationen mit insgesamt 43 Übungen haben die landesweit identischen Standardparcours. Ein Kurzparcours kommt auf mindestens 6 Stationen. Die Abstände zwischen den Posten sind allerdings nicht überall die gleichen: «Das differiert je nach Topografie und Platzverhältnissen», so Barbara Baumann. Überall gleich ist jedoch: Auf den blau-weiss grundierten Schildern an den einzelnen Posten machen die Farben Gelb, Rot und Blau die Art der Übung kenntlich: Gelb steht für Beweglichkeit und Geschicklichkeit, Rot für Kraft und Blau für Ausdauer. Seit 2008 nennen sich die Parcours «Zurich Vitaparcours» – mit dem Namenszusatz des Exklusivsponsors.

Über die Jahre wurde das Konzept mehrmals überarbeitet: mit erweiterten Nutzungsmöglichkeiten, neuen Übungen und zeitgemässer Tafelgestaltung. Gefragt, ob aktuell eine weitere Modernisierung anstehe, antwortet Baumann: «Momentan sind keine Änderungen vorgesehen. Die Übungen entsprechen den aktuellen sportwissenschaftlichen Kenntnissen. Übungen mit dem eigenen Körpergewicht sind im Trend.»

Einsam im Nebel, viel Gesellschaft im Sommer

Dass sich der Vitaparcours grosser Beliebtheit erfreut, dieser Eindruck vermittelt sich mir jetzt im Frühsommer auch auf «meinem» Vitaparcours, der Nummer 443. Kein Gedanke mehr an neblige Januartage alleine im Wald, an denen jedes Rascheln im Gebüsch einen etwas schneller rennen lässt und jeden einsamen Spaziergänger ein Hauch des Seltsamen umweht. Nein, jetzt geht es beinahe rund im Wald: Man trifft auf junge Athleten mit Musik im Ohr und Pulsmessern am Handgelenk, auf Eltern mit Kindern, die zusammen die Posten erobern, fitte Senioren, Velofahrer und natürlich Spaziergänger mit Hund.

Selbst chinesischen Touristen glaubt man zwischen hohen Bäumen und sportlichen Posten schon begegnet zu sein. Und kürzlich durchschritten gar zwei Punks mit farbenfroher Frisur und beschallt von strengen Rhythmen den Parcours. Die vermeintlichen Mafiosi allerdings, die man an einem kalten Wintertag in der Ferne zu sehen befürchtete, entpuppten sich bei näherer Betrachtung als redliche Schweizer Naturfreunde ohne düstere Absichten, nur gekleidet in tiefstes Schwarz, von Kopf bis Fuss. Laut einer Onlinebefragung des Bundesamts für Sport von 2014 nutzen 17 Prozent der Schweizer Bevölkerung mehrmals pro Jahr einen Vitaparcours – um Sport zu treiben. Ganz friedlich. Die Fantasie rennt im Wald aber immer mit.

«Waldboden schont die Gelenke»

Der Vitaparcours – entspannte Alternative zum überfüllten Fitnesscenter? Wir sprachen mit Robert Werder, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin, spezialisiert in Sportmedizin.

Robert Werder, wie gesund ist es, auf den Vitaparcours zu gehen?
Sehr gesund. Gerade für sportliche Anfänger oder Wiedereinsteiger im Breitensport ist der Vitaparcours eine tolle Sache. Man kann seine Ausdauer verbessern, man trainiert Kraft, Beweglichkeit und Geschicklichkeit. Man kann den Vitaparcours gemeinsam absolvieren – das bietet sich gerade für Familien an.

Die Vorteile des Vitaparcours, gerade im Vergleich mit Fitnesscentern?
Er ist jederzeit verfügbar, bei jedem Wetter, er hat keine Öffnungszeiten und ist gratis. Im Vergleich zum Fitnesscenter ist er nicht überfüllt. Auf dem Waldboden schont man seine Gelenke mehr als auf Asphalt – ein grosser Vorteil. Der Vitaparcours ist polysportiv und lässt mehr Flexibilität zu als ein Fitnesscenter. Er symbolisiert eine Art «back to the roots – zurück zu den Wurzeln».


Seine Nachteile?
Je nach Witterung mag es dem einen oder anderen schwerer fallen, ihn zu absolvieren. Ausserdem besteht durch die Waldbodenwurzeln ein leicht erhöhtes Restrisiko, mit dem Fuss umzuknicken.


Persönlich habe ich die Erfahrung gemacht, nach dem Vitaparcours die Muskeln zu spüren, nach einem Zumba-Kurs beispielsweise aber nicht. Ein Punkt für den Parcours?
Es kommt natürlich immer darauf an, wie intensiv man einen Sport betreibt und inwiefern ein Körper bereits an eine bestimmte Belastung gewohnt ist. Muskelkater ist nichts Gefährliches, sondern vielmehr ein Ausdruck von meist untrainierten Muskeln und Muskelgruppen.


Mit wie viel Pluspunkten schlagen Wald und frische Luft zu Buche?
Frische Luft ist immer gut. Und gerade nach den Herbst- und Wintermonaten weisen rund 50 Prozent der Bevölkerung einen Vitamin-D-Mangel auf. In unseren Breitengraden kann Vitamin D in den sonnenreichen Monaten mit Hilfe der Sonne über die Haut gebildet werden. Vitamin D stärkt das Immunsystem, senkt die allgemeine und kardiovaskuläre Sterblichkeit, kräftigt die Knochen wie auch die Muskulatur. Der Wald bietet zudem Ruhe, man kann mental entspannen und wird nicht abgelenkt.


Macht es rein sportlich Sinn, das Rennen für die einzelnen Posten zu unterbrechen?
Die Unterbrechungen sind ein grosser Vorteil für Anfänger und sportliche Wiedereinsteiger – man kann den Kreislauf an den Posten runterfahren und gewöhnt sich peu à peu an die Ausdauerbelastung. Wer vorwiegend die Ausdauerleistung trainieren will und schon fitter ist, der kann manche oder alle Posten auslassen.


Auf was ist im Winter zu achten?
Nicht zu warme Kleidung anziehen, gut ist Sportkleidung aus funktionalen Materialien. Auf eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr ist auch bei Kälte zu achten.


Sollte man die Posten nach 50 Jahren mal modernisieren?
Ein guter Input – aber ich denke, im Bereich des Breitensports sind die Übungen noch gut und ausreichend. Betätigt man sich sportlich nicht, nützt auch die modernste Vitaparcoursanlage nichts. (sh)

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