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Der Kampf gegen den Trinkhalm

140 Millionen Tonnen Plastik schwimmen in den Weltmeeren. Was tun? Plastikröhrli zu verbieten, finden viele Staatschefs gerade eine gute Idee. Wie ein Wegwerfprodukt zum Symbol und rettenden Strohhalm wurde.
Katja Fischer De Santi
Allein in den USA werden jeden Tag 500 Millionen Trinkröhrchen verwendet - und danach in den Abfall geworfen oder noch schlimmer einfach ins Grüne. (Bild: Getty)

Allein in den USA werden jeden Tag 500 Millionen Trinkröhrchen verwendet - und danach in den Abfall geworfen oder noch schlimmer einfach ins Grüne. (Bild: Getty)

Glaubt man der aktuellen Berichterstattung und der EU-Politik, ist Plastikabfall das grösste Übel unserer Zeit. Über Plastikgabel- und Trinkröhrliverbote wird debattiert, als ob die Menschheit demnächst daran ­zugrunde gehen würde. Sich mit einem Raschelsäckli blicken zu lassen, ist bald rufschädigender, als mit einem Offroader durch die Innenstadt zu brausen. Und über in Plastik geschweisste Salatgurken wird zurzeit emotionaler diskutiert als über die Asylpolitik.

Alle paar Monate gibt es neue Daten zu den riesigen Müll­teppichen, die im Meer treiben. 140 Millionen Tonnen Plastik schwimmen bereits in den Weltmeeren. Plastikabfall breitet sich immer mehr in alle Winkel der Welt und auch bis in letzte unberührte Regionen aus. Erschreckend, aber keine wirklich neue Entwicklung. Meeresforscher warnen seit zwanzig Jahren vor der Vermüllung unserer Meere. Doch noch 1997 sang sich die Band Aqua mit der Songzeile «Life in plastic, it’s fantastic» unbekümmert in die Charts.

Plastik am Traumstrand und im Walmagen

Die Songzeile findet heute keiner mehr witzig, wenn er versucht, im Mittelmeer zwischen Plastikteilchen zu schnorcheln. Vielen kommen die Tränen, wenn sie Bilder von verendeten Walen mit tonnenweise Plastik im Bauch sehen. Kunststoffabfall ist plötzlich keine abstrakte Zahl mehr, sondern macht betroffen, löst Emotionen und Schuldgefühle aus. Die denn auch gut bewirtschaftet werden. Laut WWF bedroht Plastikabfall weltweit etwa 700 Meerestierarten. Dass die Überfischung der Meere das ungleich grössere Problem darstellt, davon spricht gerade keiner mehr. Riesige Plastikstrudel im Atlantik sind auch einfacher zu verstehen als die ungleich bedrohlichere Klimaerwärmung.

Die Konsumenten sind besorgt, die Politik muss etwas tun. Das erste Opfer: das gemeine Trinkröhrli. Es muss weg. Nicht nur aus der Nasenöffnung einer verletzten Schildkröte (das Video dazu wurde schon 26 Millionen Mal angeschaut), sondern aus unserem Leben. Ein Strohhalm, an den sich Politiker weltweit gerade klammern, um Handlungsfähigkeit vorzutäuschen. In den letzten Wochen und Monaten ging es Schlag auf Schlag: Zuerst gab Grossbritannien bekannt, Trinkhalme, Wattestäbchen und andere Einwegprodukte aus Plastik auf eigene Faust verbieten zu wollen. Frankreich hat bereits vergangenen Jahres beschlossen, ab 2020 Röhrli, Teller, Becher und Besteck aus Plastik zu verbieten. Die Europäische Union debattiert seit Wochen über Trinkhalme und Ballonstäbchen. Und in der Schweiz? Da tut sich die Stadt Neuenburg als einsame Kämpferin gegen Plastikröhrli hervor. Schon ab 2019 werden Restaurants in Neuenburg Sirups, Frappés und Cocktails mit abwaschbaren oder kompostierbaren Röhrchen servieren. Derweil kippen Länder wie die Türkei, Italien oder Ägypten tonnenweise Plastikabfall ins Meer.

Die meisten Menschen sind fähig, aus Bechern zu trinken

Mit Röhrliverboten gegen 60 Millionen Tonnen Plastik, welche allein in Europa jährlich produziert werden, vorzugehen, ist lächerlich. Ernstnehmen kann und muss man die Röhrlidebatte, aber als Metapher. Das kleine hohle Plastikstäbchen ist zu einem Symbol unserer Wegwerfgesellschaft geworden. Die allermeisten Menschen sind fähig, Getränke aus Gläsern und Bechern zu trinken. Trotzdem haben sich Trinkhalme zu einem allgegenwärtigen und einem der überflüssigsten Produkte der Erde entwickelt. Es gibt keine globalen Zahlen, aber allein US-Amerikaner benutzen laut dem National Park Service täglich 500 Millionen Strohhalme. Einmal daran gesogen, landen sie im Abfall – oder daneben, am Strand, auf der Wiese, in der Badi.

«Jetzt bestellt man sich ein verdammtes Glas Wasser, und sie packen dir einen Trinkhalm rein»

«Vor zehn Jahren waren Trinkröhrli noch nicht überall. Jetzt bestellt man sich ein verdammtes Glas Wasser, und sie packen dir einen Trinkhalm rein», sagt Douglas Woodring, Gründer der Ocean Recovery Alliance. Woodring ist seit Jahren auf dem ganzen Globus unterwegs, um Mitkämpfer für seinen «Straw Wars» zu rekrutieren (Straw ist das englische Wort für Strohhalm). Der Umweltschützer weiss, dass mit einem Röhrliverbot allein noch nichts gewonnen ist. Aber es sei der erste Dominostein, an dessen Ende weniger Plastikkonsum und eine höhere Recyclingquote in allen Ländern stünden. «Oft sind die Menschen einfach überwältigt von der Grösse des Problems und geben auf. Wir brauchen etwas, das jeder normale Mensch im täglichen Leben erreichen kann.» Zumal so ein Röhrliverbot niemanden wirklich weh tut.

Die saubere Schweiz saugt weiter am Röhrli

In der Schweiz bleibt man beim Thema Plastikröhrli zurückhaltend. Der Bund will von einem Wegwerfplastikverbot analog zur EU nichts wissen. Plastikabfälle würden in der Schweiz in der Regel in der Kehrichtverbrennung – und nicht in Flüssen oder im Meer landen. In der Regel ja. Doch unser Plastikkonsum steht symbolisch für einen unverantwortlich hohen Ressourcenverbrauch. Wir verschwenden von allem viel zu viel – rund viermal mehr als in weniger entwickelten Ländern. Es wird künftig nicht ausreichen, Plastik zu verbrennen und die Schlacke irgendwo zu verbuddeln. Es wird auch für uns Zeit, nach echten Strohhalmen zu greifen. Mit denen schmecken Cocktails auch.

Der formbare und unkaputtbare Stoff, der Träume ermöglichte

Der formbare und unkaputtbare Stoff, der Träume ermöglichte
Plastik, das war einmal ein Versprechen, eine Verheissung. In den 50er-Jahren hätten sich die Menschen am liebsten selbst in Plastik einschweissen lassen, so cool fanden sie den neuen, günstigen Werkstoff. Ganze Häuser wurden aus Kunststoff gefertigt. Selbst die Mode wurde eine Zeit lang von Kunststoffen dominiert. Nylon war 1941 der Stoff der Stunde. Vinyl brachte die Musikindustrie auf Touren. Ohne Zelluloid gäbe es kein Kino.


Als Erfinder des ersten Kunststoffes gilt Leo Hendrik Baekeland. Der Belgier, der in die USA emi­griert war, meldete 1907 ein Patent für das nach ihm benannte Bakelit an. Einen vollsynthetischen Kunststoff aus Phenol und For­maldehyd. Im Gegensatz zu manchen Vorläufern war Bakelit elektrisch isolierend und relativ hit­zebeständig, was für manche Industriezweige von grossem Vorteil war: Der Kunststoff wurde viel für Radiogehäuse, Steckdosen und Schalter verwendet.


Schnell kamen Dutzende, bald Hunderte neuer Kunststoffe auf den Markt. Der grösste Vorteil von Kunststoffen ist, dass sie so formbar und wandlungsfähig sind. Oft genügen schon kleinste Änderungen in der Rezeptur, und Kunststoffe ändern ihre Eigenschaften radikal. Ein bisschen mehr Hitze hier, ein anderes Lösungsmittel da – schon wird aus ähnlichen Rohstoffen keine durchsichtige Plastikflasche, sondern eine kugelsichere Weste. Bald schon nutzte man als Oberbegriff für Kunststoffe das Wort Plastik, vom lateinischen Ausdruck für «formbar». Plastik machte viele Produkte wie Uhren, Möbel, Haushaltsgeräte und Verpackungen erst in Massen produzierbar und erschwinglich. Die Rohstoffe dafür stammen vor allem aus Erdöl. Dass sich das «unkaputtbare Material» einmal in der Welt, kaum mehr daraus entfernen lässt und bei der Verbrennung giftige Gase freisetzt, interessierte über 100 Jahre lang niemanden. (kaf)

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