Ein letzter sprühender Funken

Das Vorarlberger Strassentheaterfestival Impuls kann dieser Tage sein 20. Jubiläum feiern – und sich doch kaum freuen: mangels öffentlicher Unterstützung wird es die letzte Ausgabe sein. Ehrensache aber, dass zum Abschluss nochmals Weltklasseakrobaten auftreten.

Peter Hummel
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Schnell vergängliches Spektakel: Zum Festivalende verzaubert der Feuerwerkskünstler Jean-Marie Chesnais alias Ephemere. (Bild: Impuls)

Schnell vergängliches Spektakel: Zum Festivalende verzaubert der Feuerwerkskünstler Jean-Marie Chesnais alias Ephemere. (Bild: Impuls)

Als Kulturveranstalter Willi Pramstaller 1988 Impuls ins Leben rief, bestand Vorarlbergs Sommerprogramm nur aus den klassischen Bregenzer Festspielen; der Name war Programm – er sollte Anstoss zu einer kulturellen Alternative sein, und zwar dank freiem Eintritt für jedermann. Nach dem Erfolg in Dornbirn machte 1991 erstmals Bregenz mit, und 1993 kamen Feldkirch und Bludenz hinzu. Damit war das Konzept von vier Städten erfüllt, das es erlaubte, auch aufwendigere Produktionen ins Ländle zu holen.

Erste Rückschläge

Aus finanziellen Gründen zogen sich die beiden letzten Orte aber schon nach wenigen Jahren wieder zurück, und weil Bregenz eine eigenständige Veranstaltung wollte, wurde dort 2001 Impuls in Seelax umgewandelt. Was den Charakter wesentlich änderte: Statt der Freiluftauftritte vor eindrücklicher Kulisse (Seepark, Kunsthaus) war nun das Freudenhaus, immerhin ein eigens errichtetes Spiegelzelt, die fixe Bühne (mit festen Eintrittspreisen).

Dass die Finanzen auch in Dornbirn zum Problem wurden, deutete die Zwangspause im Jahr 2003 an. Nichtsdestotrotz versuchte Pramstaller, mit neuen Örtlichkeiten dem Festival nochmals neue Impulse zu verleihen, etwa mit dem Kulturhauspark, der Rappenlochschlucht (die Illuminierung von Felsen und Wasserfällen durch die Compagnie Carabosse gehört zu den Höhepunkten der Festivalgeschichte) oder in den letzten beiden Jahren mit dem Stadtgarten, der gleich mehrere Schauplätze bot – wobei allerdings die fehlende Bereitschaft der Stadt, die für Kunstausstellungen genutzte alte Montagehalle als Lokal freizuhalten, ein Hinweis auf den nicht vorbehaltlosen Rückhalt war.

Einzigartige Piazza-Kultur

20 Jahre lang hat Impuls mit Kulturereignissen jenseits elitärer Kunstansprüche die Innenstadt Dornbirns in einen öffentlichen Theaterraum verzaubert und den Marktplatz in eine veritable südländische Piazza verwandelt. Impuls befand sich in diesen zwei Jahrzehnten nicht nur am Puls der internationalen innovativen Street-Art-Szene, sondern auch im Trend einer zukunftweisenden Politik von Kulturdemokratisierung und Stadtrevitalisierung. Das Festival suchte mit seiner unkommerziellen Ausrichtung und seinem spartenübergreifenden Spektrum von Cirque Nouveau über Performance und Tanz bis World Music weitherum seinesgleichen: das Gauklerfestival Feldkirch bietet nur einen Aspekt, das noch etwas ältere Kulturufer Friedrichshafen lebt vor allem von publikumsträchtigen Konzerten, und das Zeltfestival Konstanz baut sogar gänzlich darauf. Einzig das Uferlos Rorschach bot ab Ende der 80er-Jahre ein Jahrzehnt lang einen ähnlichen Strauss von Entdeckungen jenseits des Mainstreams.

Nach 20 Jahren, würde man meinen, hätte sich das Impuls mindestens in Dornbirn fest etablieren können, wäre es fester Bestandteil des Stadtmarketings geworden. Mitnichten: Die Stadt förderte in den letzten Jahren vor allem die bildende Kunst – derweil die Unterstützung für Impuls seit der Abspaltung von Seelax nicht mehr erhöht wurde.

Politisches Bekenntnis fehlte

«Seit der Einführung des Euros haben sich die Gagen und Infrastrukturkosten nahezu verdoppelt; statt der nötigen 150 000 Euro muss ich aber immer noch mit einem Budget von 80 000 Euro haushalten», sagt Willi Pramstaller. Als nun noch das österreichische Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur seine Subventionen kürzte, war der Entscheid zum Aufhören klar.

«Impuls hat vielen Menschen unterschiedlichsten sozialen Status aussergewöhnliche Ausdrucksformen von unbekannten Künstlern auf höchstem Niveau vermittelt; etwas, das bei einem kostenpflichtigen Festival nie funktionieren würde», meint Pramstaller und stellt resigniert fest: «Leider aber scheint diese sozial geprägte Form von kultureller Begegnung in Zeiten der VIP-Cards, Previews und Special Events, bei denen sich die Kulturschickeria am kalten Buffet zuprostet, nicht mehr en vogue zu sein.» Der Kulturinitiator ist letztlich Einzelkämpfer geblieben, die politischen Entscheidungsträger haben den kulturellen Wert der Kunstgattung Strassentheater nie nachhaltig zu würdigen gewusst.

Chance für St. Gallen?

Damit ist er mindestens im deutschsprachigen Raum nicht allein: im Gegensatz etwa zu Frankreich, Belgien und Holland hat es hier die Kulturpolitik versäumt, diese neuen Wege einer urbanen Kultur zu verankern: kommerzielle Pop-, Jazz-, Klassik- oder Was-auch-immer-Festivals finden sich zu Hunderten, doch hochstehende Strassenkunst-Ereignisse gibt's in Deutschland gerade mal eine Handvoll, in Österreich zwei – und in der Schweiz gar keines. – Vielleicht eine Chance fürs nahe gelegene St. Gallen, in die Impuls-Bresche zu springen?