Ein Mann, ein Sackmesser: Felix Immler  schnitzt immer weiter    

Felix Immler ist der «Mister Sackmesser» der Schweiz. Der Ostschweizer hat mit seinen Büchern einen Schnitzboom ausgelöst und lebt mittlerweile davon. Über seine Nachahmer regt er sich weniger auf als über fahrlässige Eltern und stumpfe Messer.

Katja Fischer De Santi
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Der gebürtige St. Galler Felix Immler hat soeben sein drittes Schnitzbuch veröffentlicht. (Bild: Benjamin Manser)

Der gebürtige St. Galler Felix Immler hat soeben sein drittes Schnitzbuch veröffentlicht. (Bild: Benjamin Manser)

Der Fotograf ist noch nicht fertig mit dem Knipsen, da streckt ihm Felix Immler schon eine kleine Flöte entgegen. Geschnitzt aus einem Schilfrohr, das hier am Weiher in Goldach am Boden lag. Keine zehn Minuten hat er dafür gebraucht. Ganz zufrieden damit ist er nicht – «sie klingt noch nicht richtig». Felix Immler ist ein Perfektionist. Schnitzen ist für nicht einfach ein nettes Hobby, sondern seine Profession.

Der McGyver der Schweiz

Der Natur- und Sozialpädagoge aus der Ostschweiz ist der «Mister Sackmesser der Schweiz». Es war nicht so, dass vor seinem ersten Buch im Jahr 2012 niemand geschnitzt hätte, aber mit der Veröffentlichung wurde der 45-Jährige von den Medien zum offiziellen «Schnitz-Meister» oder «der McGyver der Schweiz» gekürt.

Das hat auch der Schweizer Sackmesserhersteller Victorinox gemerkt und Felix Immler als ersten und einzigen Sackmesserpädagogen der Welt unter Vertrag genommen. Mit einem Bus voller Sackmesser und Holz, einem Kopf übervoll mit Ideen und ansteckender Leidenschaft kurvt er seither durch die Schweiz.

«Ich bin wählerisch geworden»

Unermüdlich erklärt er Journalisten, Lehrern, Eltern, Kindern und bald auch Pfadileitern, wie man ein Sackmesser richtig hält «in der geschlossenen Hand», wie man sich zum Schnitzen richtig hinsetzt «breitbeinig und das Messer vor und nicht zwischen den Beinen». Er hat «weil ich selber immer Blut geschwitzt habe, wenn die Kinder mit dem Messer herumfuchtelten» eine Sackmesser-Prüfung entwickelt und schon weit über 300 Kurse gegeben.

«Ich könnte noch viel mehr Kurse geben, aber ich bin wählerisch geworden.» Kurse nur mit Kindern findet er inzwischen wenig sinnvoll. «Sie vergessen zu schnell, brauchen viel Übung, und dafür brauchen sie Eltern, die schnitzen können.»Darum seien Eltern-Kind-Anlässe perfekt. Stolz erzählt Felix Immler, dass er mit seinem ersten Buch «Werken mit dem Taschenmesser» 2012 wohl der Auslöser für den anhaltenden Schnitzboom gewesen sei.

Sein Erfolg – über 137 000 verkaufte Bücher – hat aber auch Nachahmer gelockt. Viele Verlage haben seither Schnitz-Anleitungen in ihr Programm aufgenommen, inklusive Immlers Ideen. «Die meisten Menschen kennen allerhöchstens fünf Schnitzklassiker, ich kenne mehr als 100 Projekte.» Dass er kopiert werde, könne er nur schwer verhindern. Was ihn viel mehr aufregt: Viele Bücher tragen Titel wie «Schnitzen leichtgemacht». Das sei irreführend und gefährlich.

«Schnitzen ist nicht kinderleicht.»

Es brauche Aufsicht, Regeln und sehr, sehr viel Übung. Sich mit den Kindern zu beschäftigen, darum gehe es doch, redet sich Immler auf dem Spielplatz in Goldach ins Feuer. Kinder alleine mit einem Buch und einem Messer nach draussen zu schicken, sei zumindest in der Anfangsphase unverantwortlich. Man hört den ausgebildeten Sozialpädagogen reden, wenn er erklärt, dass das Schnitzen die Kinder beruhige und fokussiere. Selten habe er Jugendliche, gerade auch zappelige, mehr bei sich gesehen, als beim Schnitzen.

"Das scharfe Messer in der Hand erlaubt keine Unachtsamkeit, keine Blödeleien. Und wenn doch, dann fliesse auch mal etwas Blut. Das Messer ist wie das Feuer ein sehr direkter Mentor.»

Der gebürtige St. Galler mit der praktischen Frisur und dem festen Händedruck ist keiner, der halbe Sachen macht. «Wenn mich eine Idee packt, dann verbeisse ich mich darin.» Seine Frau kann von seiner Schnitz-Wut ein Klagelied singen. Er bleibt nächtelang wach, um den perfekten Pfeil zu konstruieren, bricht den Familienspaziergang abrupt ab, wenn er glaubt zu wissen, wie er das Wasserrad besser zum Laufen bringt. Aufhalten kann man ihn dann nicht.

Mit elf Jahren eine Geige selber gebaut

Das musste schon sein Vater einsehen, als er als Elfjähriger beschloss, selbst eine Geige zu bauen. Geige spielen kann er bis heute nicht. Die Geige mit einem Griffbrett aus echtem Ebenholz hat er zusammen mit seinem Vater aber gebaut. Für sein zweites Buch «Outdoor mit dem Taschenmesser» hat er sich mehrere Wochen in einem Wald-stück ausgesetzt, und ausgerüstet nur mit einem Sackmesser, ein ganzes Waldcamp – Kanu, Hängematte und Drehgrill inklu- sive – gebaut. «So ein bisschen wahnsinnig bin ich schon», sagt er selbst.

Schnitzprojekte für Profis und sehr Geduldige

Kürzlich erschien sein drittes Sackmesserbuch: «Schnitz It Yourself». «Mein letztes, ich musste es meiner Frau versprechen, wenigstens bis die Kinder grösser sind», sagt Immler. Die Anleitungen darin gehen meist über mehrere Seiten, und einfach ist daran gar nichts. «Das war auch nicht meine Absicht.» Er wolle zeigen, wie viel mit einem Sackmesser «die eierlegende Wollmilchsau unter den Werkzeugen» möglich ist. Und das gelingt ihm: Wer hätte gedacht, dass man mit dem Taschenmesser eine Armbrust oder ein Ballon-Saxofon bauen kann?

Ein grosses Plus des Buches: Zu jedem Projekt gibt es per QR-Code eine Videoanleitung und ein PDF zum Runterladen. Zwar plädiert Immler nimmermüde für mehr webfreie Kinderfreizeit, doch er ist nicht von gestern. Auf Youtube betreibt er einen eigenen Kanal. Seine englischsprachigen Videos werden 10000-fach angeklickt. «Heute nimmt doch niemand ein dickes Buch mit in den Wald, das Smartphone haben aber alle dabei.»

Alles nur wegen eines Sackemessers

Mag er sich an sein erstes Sackmesser noch erinnern? Immler muss kurz überlegen. Sein Gotti habe ihm eines zur Erstkommunion geschenkt. «Ich habe es einige Male verloren, aber weil mein Name eingraviert ist, kam es immer wieder zu mir zurück. Sagt’s und lässt einen gerade eben geschnitzten Holzkreisel über den Tisch sausen. «Wer hätte gedacht, dass ich, der nicht gerne schreibt, mal über 137 000 Bücher verkaufe, Wahnsinn oder?» Und das alles nur wegen eines Sackmessers.