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Die Mormonen haben einen neuen Bischof

Die Glaubensgemeinschaft Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage hat einen neues Oberhaupt. Ein Augenschein vor Ort.
Haymo Empl
Die alte Bischofschaft der Mormonen (von links): Roland Roffler (Ratgeber), Fredy Gantner (Bischof), Thomas Koch (Ratgeber). (Bild: PD)

Die alte Bischofschaft der Mormonen (von links): Roland Roffler (Ratgeber), Fredy Gantner (Bischof), Thomas Koch (Ratgeber). (Bild: PD)

Die Szenerie wirkt beinahe surreal an diesem milden Sonntagmorgen, der angekündigte Regen hat sich verzogen und macht der Sonne Platz. Vor der Kirche in Richterswil ZH – sie ist nicht leicht zu finden – treffen nach und nach gut gelaunte und bestens gekleidete Damen und Herren jeglichen Alters ein. Man kennt sich, begrüsst sich herzlich; derart ungespielte Freundlichkeit ist schon beinahe suspekt. Vorsicht ist also angebracht, denn so viel Friede, Freude, Eierkuchen kann doch gar nicht sein, oder?

Die Szenerie stammt nicht aus einem Film, sondern findet regelmässig bei den Mormonen statt, einer christlichen Glaubensgemeinschaft mit dem korrekten Namen Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage. An der Eingangstür der schmucken Kirche steht kein Unbekannter: Alfred «Fredy» Gantner, Selfmade-Milliardär aus Oberägeri. Der Mann, der mit beiden Beinen im Leben steht und im Alltag so gar nicht entrückt wirkt, begrüsst die Eintreffenden persönlich, herzlich und entspannt. Heute geht für ihn ein wichtiger Lebensabschnitt zu Ende: Er wird nach sechs Jahren als Bischof abgelöst werden.

Der Mann, der im «Forbes Magazin» als einer der 1000 reichsten Menschen der Welt gelistet ist, ein tiefreligiöser Mann Gottes? Ein Bischof gar?

An der Spitze ein Prophet

Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage ist christlich orientiert und – gemäss eigener Aussage – so organisiert, wie Christus seine Kirche zu Zeiten des Neuen Testaments errichtet habe. Die Kirche wurde 1830 von John Smith jr. in den USA gegründet, nachdem dieser sieben Jahre zuvor goldene Schrifttafeln mit Aufzeichnungen entdeckte, die primär die geistliche Geschichte und Prophezeiungen vergangener Zivilisationen im alten Amerika zwischen 2200 v. Chr. und 421 n. Chr. enthielten. Die Kirche versteht sich als eine von Jesus Christus veranlasste Wiederherstellung der christlichen Urkirche und hat weltweit über 16 Millionen Mitglieder, Tendenz steigend. In der Schweiz sind es gut 10000 Mitglieder. Eine örtliche Gemeinde wie diese in Richterswil wird von einem Bischof geleitet, dies war bis letzten Sonntag Fredy Gantner.

Die neue Bischofschaft von links): Didier Schluchter (Ratgeber), Henrik von Scheel (Bischof), Oliver Nedela (Ratgeber). (Bild: PD)

Die neue Bischofschaft von links): Didier Schluchter (Ratgeber), Henrik von Scheel (Bischof), Oliver Nedela (Ratgeber). (Bild: PD)

Nun steht also ein Wechsel an. Oliver Bassler ist für die Kommunikation der Region Ostschweiz zuständig und erklärt: «Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage versteht das Bischofsamt, wie es im Neuen Testament bekannt ist, nämlich als Leiter einer Gemeinde. Der Bischof kümmert sich sowohl geistig wie auch zeitlich um alle seiner Mitglieder.» Dazu berufe er aber auch andere Personen seiner Gemeinde zu verschiedenen Ämtern, um die Aufgaben teilen zu können, so Oliver Bassler weiter.

Bewegender Gottesdienst

Der Gottesdienst an diesem besonderen Tag gestaltet sich eindrücklich: Die Liturgie weicht etwas von der katholischen ab, zwar existiert ebenfalls ein Abendmahl, die Gemeindemitglieder bringen sich aber generell aktiver ein. In seiner kurzen Rede erklärte Fredy Gantner, dass ihn die Kirche zu einem besseren Menschen gemacht habe.

Auffallend die entspannte Atmosphäre, kleine Kinder spielen ruhig vor sich hin, es wird gelacht, gebetet, gesungen, die Anwesenden wirken aufgeräumt, aber dennoch emotional, jedoch nicht verklärt, obschon öfter geweint wird. Es ist den Mitgliedern der Kirche hoch anzurechnen, dass sie einfach so «einen Fremden» wie den Schreibenden dieses Artikels einladen und an dieser intimen Zeremonie des Bischofswechsels teilhaben lassen.

Glücklicher neuer Bischof

Für Fredy Gantner bedeutete sein Amt viel, auch er musste (oder durfte!) mehrmals in seiner Rede den Tränen freien Lauf lassen. «Tränen sind ein wichtiger Ausdruck der lebenden Seele. Gefühle und Emotionen zu leben, ist etwas vom Wichtigsten und Schönsten auf unserem irdischen Weg. Es war die Erleichterung, mein Amt abgegeben zu dürfen. Die Dankbarkeit für die wunderbaren Gemeindemitglieder, welche mir ihr Vertrauen geschenkt und mich so sehr unterstützt haben», erklärte er im Anschluss im Gespräch. «Vor allem aber die grosse bedingungslose Liebe meiner Frau und meiner fünf Kinder, welche alle an diesem Sonntag nach Richterswil gereist sind, um diesen speziellen Freudentag mit mir zu teilen, haben mich sehr gerührt.»

Bei der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage ist alle fünf bis sechs Jahre ein Bischofswechsel vorgesehen. «Somit ergeben sich keine fixen Hierarchien oder Karrieren in der Kirche», erklärte der abtretende Bischof weiter. Der «neue» heisst Henrik von Scheel, er war sichtlich gerührt über den Vertrauensbeweis seiner Gemeinde. «Meine Frau und ich wollten eigentlich im nächsten Jahr eine Weltumseglung in Angriff nehmen», erklärt der gebürtige Däne. «Für uns bedeutet das neue Amt nun, dass wir unsere Pläne und Aktivitäten umdisponieren werden, um der Verantwortung gerecht werden zu können. Wir freuen uns aber sehr darauf.»

Fredy Gantner habe als Bischof einen Rieseneinsatz als Seelsorger geleistet, so Henrik von Scheel weiter. «Er hat viel Zeit damit verbracht, jeder Person individuell zu helfen. Ich werde versuchen, seinem Exempel zu folgen, und werde dafür sorgen, dass unsere Türe immer offen ist. Es ist mein Wunsch. dass die Gemeinde Richterswil ein Licht ist und zeigt, wie man die christlichen Prinzipien auch in der heutigen Zeit leben kann.»

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