Chris Jaeger und «Roasting Beans»: Ein Rhythmus für 16 Stücke

«Roasting Beans» ist ein visuelles Musikalbum, das der Schlagzeuger Chris Jaeger im Kino Bourbaki vorstellt. Man kann es hören, sehen und eine Live-Performance erleben.

Pirmin Bossart
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Weniger Hektik – mehr Ruhe: Chris Jaeger hat seine Musik und sein Leben darauf ausgerichtet.

Weniger Hektik – mehr Ruhe: Chris Jaeger hat seine Musik und sein Leben darauf ausgerichtet.

Bild: PD

Am Anfang war ein Rhythmus, oder vielmehr ein Unbehagen: «Während eines Atelier-Aufenthaltes 2015 in New York hetzte ich über die Manhattan Brücke und spürte, was für einer Überladung an Eindrücken und Geräuschen ich ständig ausgesetzt war, die eigentlich mein ganzes Leben bestimmte. Mir wurde klar, dass ich etwas ändern, dass ich herunterkommen musste.» Der Schweizer Drummer Chris Jaeger hatte, aufgeputscht von Musik, Rausch und Ekstase, jahrelang ein intensives Leben geführt, was er heute als seine «naive Forrest-Gump-Lebensphilosophie» nennt.

Auf der Brücke hielt er inne und begann mit den Händen einen langsamen Rhythmus zu schlagen, ein Grundmuster, das er später wiederholte und schliesslich aufnahm. Jaeger hat den Rhythmus auf seine Reisen mitgenommen und ihn zusammen mit Musikerinnen und Musikern gespielt. Zu ihnen gehörte der Trompeter Peter Schärli, mit dem Jaeger mit der Federlos-Band in Haiti gespielt hatte. «Schärli spielt auf dieser Aufnahme teilweise ohne Mundstück und ist hier stark von der Rara Musik Haitis beeinflusst.»

Die Kraft der Wiederholung

Über die Jahre entstand ein Repertoire an Improvisationen und Jams mit diesem Rhythmuspattern: in den USA, in Mexico, in Berlin, in Zürich, in Senegal. «In Senegal habe ich mit diesem Rhythmus mehrere Kompositionen geschrieben, aufgenommen und sie in das Projekt integriert.» Inspirierend sei auch die Begegnung mit Bassist Carlos Bica gewesen, der mit dem bekannten US-Jazzdrummer Jim Black spielt, und den er zufällig in Berlin getroffen habe. «Auch er hat mitgemacht.»

Der Rhythmus floss in einen Zyklus von 16 Stücken, die etwas von Jaegers neu gewonnener Lebensphilosophie erzählen. Seine Spielweise habe sich verändert. Das Ruhige und Repetitive seien neue Ausdrucksweisen geworden, auch das stärkere Dranbleiben an einer Sache. «Es müssen nicht immer verrückte Variationen sein. In der Wiederholung liegt die Kraft.» Das hat er nicht zuletzt in den Gesprächen mit dem Schlagzeuger Pierre Favre gelernt.

In solchen Überlegungen hat Jaeger für sein Projekt einen passenden Namen gefunden: «Roasting Beans». So nennt er auch sein Rhythmus-Pattern. Kafferösten? «Es ist eine Metapher», sagt Jaeger. In New York hatte er die Kaffeeröstereien erkundet und war angetan von der Gelassenheit und Konzentration, welche diese Arbeit erfordert.

Kaffee-Rösten als Philosophie

Später hat er in Berlin die Kafferösterei «Kaffee pur» des Luzerner Altpunkers Angelo Stäldi entdeckt und mit ihm philosophiert. Dort hat er die ersten Tonaufnahmen des Kaffeeröstens gemacht, die ebenfalls im Soundtrack auftauchen. Das Rösten ist für Jager exemplarisch für sein Leben und seine Musik geworden. «Verbrenne dich nicht im Leben, sonst wirst du bitter und ungeniessbar.» Oder: «Was du auch machst – röste gut, lasse dir Zeit und beende, wenn es genug ist.»

Für «Roasting Beans» hat Jaeger auf einer zweiten Ebene seine Aufnahmen 70 Menschen quer durch Alter und Nationen vorgespielt, sie beim Hören gefilmt und sie mit zusätzlichen Bildspuren ergänzt. Jetzt macht Jaeger eine Tour durch verschiedene Schweizer Kinos, zeigt den Film und schliesst jeweils nahtlos eine Live-Performance an.

Dazu gibt’s eine Publikation mit starken Texten von Jaeger und verschiedenen Autoren, mit deren Erwerb man den Code erhält, den Film auf dem Internet anzuschauen. Aber man kann sich auch nur den Soundtrack auf Soundcloud anhören. Damit steht das visuelle Musikalbum «Roasting Beans» auch für eine neue und ganzheitliche Art, Musik unter die Leute zu bringen.

Der Film wird am Sonntag, 9. Februar, 11.30 Uhr, Kino Bourbaki gezeigt. Mit Live-Performance von Peter Schärli, Hans-Peter Pfammmatter, Markus Lauterburg und Chris Jaeger.