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Negative klinische Studien wandern zu oft in die Schublade

Fast jede fünfte klinische Studie in der Schweiz landet in der Schublade, anstatt dass sie in einem Fachmagazin publiziert wird. Doch auch negative Studienresultate sind für die Wissenschaft interessant.
Michael Baumann
Negative Forschungsergebnisse finden keinen Platz in den Buchreihen. (Bild: Susan Yin / Unsplash)

Negative Forschungsergebnisse finden keinen Platz in den Buchreihen. (Bild: Susan Yin / Unsplash)

«Unterschlagenes Wissen schadet», titelte die Sendung «Puls» im Schweizer Fernsehen SRF diese Woche. Die Recherche des Magazins hatte ergeben, dass jede fünfte klinische Studie, die an Schweizer Universitätsspitälern durchgeführt wird, unveröffentlicht in der Schublade landet. Warum schaffen es Forschungsergebnisse – und damit wertvolles Wissen über Wirkungen und Nebenwirkungen von Medikamenten und Therapien – nicht auf die Bildfläche der Medizin?

Ein Hauptgrund liegt in einem Problem des gesamten Wissenschaftssystems: Der Scheu vor negativen Ergebnissen. Sobald ein Medikament keine Wirkung zeigt oder ein Versuch nicht klappt, sinkt das Interesse am Projekt rapide. «Alle haben lieber positive Resultate», sagt Martin Schwab, Hirnforscher an der ETH und Universität Zürich. «Denn auf positive Resultate kann man aufbauen, auf negative nicht.» So wenden sich die Forscher lieber dem nächsten vielversprechenden Projekt zu. Die Herausgeber von Fachzeitschriften wollen wissen, warum etwas nicht funktioniert hat, bevor sie es für die Publikation in Betracht ziehen. Doch zur Klärung dieser Frage müssten Forschungsförderer und Industriepartner weiteres Geld einschiessen. Wollen sie das bei einem Projekt, das negativ zu enden scheint? Viel lieber investieren sie in erfolgsversprechendere Projekte.

Wissenschaft spricht von Publikationsverzerrung

Das Problem, dass negative Forschungsergebnisse nicht publiziert werden, ist längst bekannt und hat einen Namen: Publication Bias, zu Deutsch etwa Publikationsverzerrung. Und die Wissenschaft wäre nicht die Wissenschaft, wenn sie den Effekt nicht auch wissenschaftlich untersucht hätte und ihn präzise beziffern könnte. Jeden Tag werden weltweit 5000 Studien publiziert. Die meisten davon sind Erfolgsmeldungen – und die Flut dieser Erfolgsmeldungen wird immer mächtiger. So waren im Jahr 1990 knapp 70 Prozent aller wissenschaftlichen Publikationen Berichte über positive Ergebnisse. Im Jahr 2007 waren es bereits über 85 Prozent.

Dies nicht, weil die Forschung immer besser würde, sondern weil immer weniger Negatives den Weg in die Fachzeitschriften schafft. Einige der Publikationsorgane versuchen zwar, ihren Teil zur Lösung des Problems beizutragen. So gibt es mehrere Zeitschriften, die negative Resultate explizit erlauben, oder die sich sogar exklusiv den wissenschaftlichen Misserfolgen widmen. Die Online-Fachzeitschrift «Plos One» verzeichnet in seiner 2015 gestarteten Sammlung «Missing Pieces» – also «fehlende Teile» – aber gerade mal 36 Publikationen mit negativen Ergebnissen. Im selben Zeitraum veröffentlichte das Magazin über hunderttausend Papers mit positiven Resultaten.

Eingeständnis des eigenen Versagens

«Wissenschaftliche Zeitschriften werden das Problem des Publication Bias nicht lösen können», sagt Christiane Pauli-Magnus, Leiterin des Departements für klinische Forschung des Universitätsspitals Basel und Präsidentin der Swiss Clinical Trial Organization SCTO. Im Wissenschaftsbetrieb herrsche eine klare Kultur vor: «Für die Forscher ist die Publikation in einem Journal of Negative Results ein Eingeständnis des eigenen Versagens», sagt sie. «Um zu überprüfen, ob Daten aus klinischen Versuchen veröffentlicht werden, müssen wir zuerst wissen, welche Studien überhaupt laufen», sagt Pauli-Magnus.

Dazu müssten die Versuche bei Beginn in speziellen Registern erfasst und anschliessend nachverfolgt werden. Um die Forschenden dabei zu unterstützen, finanziert das Universitätsspital Basel seit Anfang 2018 zwei Mitarbeiter am Departement für klinische Forschung. Diese unterstützen die Forscher des Spitals bei der Planung, Registrierung und späteren Publikation der Versuche. Die Massnahme zeigte Wirkung: Die Registrierungsrate des Unispitals Basel hat sich seither verdoppelt. «Das hat uns selbst erstaunt», sagt Pauli-Magnus. Ihre Motivation ist klar: «Wir spüren eine Verantwortung unseren Patienten gegenüber und wollen ihnen die bestmögliche Behandlung ermöglichen», sagt die Ärztin. «Dafür sind negative Daten genauso wertvoll wie positive.»

Pharmafirmen sind vorbildlich

In der Schweiz ist die Erfassung von klinischen Versuchen seit mehreren Jahren durch das Humanforschungsgesetz HFG vorgeschrieben. Die Europäische Union EU geht bereits einen Schritt weiter. Sie hat im Jahr 2016 ein Gesetz verabschiedet, das alle Forscher dazu verpflichtet, die Ergebnisse klinischer Versuche nach Abschluss innert Jahresfrist in ein Register einzutragen. Alle grossen Pharmafirmen halten sich daran: Roche hat die Resultate von 88 Prozent aller Projekte innert der vorgeschriebenen Frist veröffentlicht, Novartis von 96 Prozent. Bayer, Sanofi Pasteur MFD und CSL Behring schaffen sogar 100 Prozent. Weit abgeschlagen hingegen liegen die Universitäten und Universitätsspitäler. Die meisten haben ihre Ergebnisse in dieser EU-Datenbank gar nicht eingetragen.

Wie können Forscher dazu gebracht werden, die Ergebnisse ihrer Arbeit zu publizieren? Die Präsidentin der Swiss Clinical Trial Organisation Pauli-Magnus sieht die Verantwortung auch bei den Geldgebern. «Der Schweizerische Nationalfonds SNF und grosse Stiftungen könnten bei der Vergabe von Forschungsgeldern mitberücksichtigen, ob Forscher die Ergebnisse ihrer früheren Versuche publiziert oder in ein Register eingetragen haben». Bestrafungen funktionieren hingegen schlecht, sagt Pauli-Magnus. «Die Forschenden müssen einen Vorteil haben, wenn sie all ihre Ergebnisse veröffentlichen.»

Dieser Artikel wurde unterstützt von der Gebert Rüf Stiftung

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