Mindestens ein Kleidungsstück muss wuchtig sein – die Modetrends aus Paris

Die Pariser Fashion Week ist mit Karl Lagerfelds letzter Kollektion für Chanel zu Ende gegangen. Überzeichnete Proportionen, eine dunkle Eleganz gemischt mit grellen Farben zeichnen die Mode des nächsten Herbstes aus.

Esther Elionore Haldimann, Paris
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Karl Lagerfelds letzte Chanel-Kollektion:  XL-Mantel in riesigem Hahnentritt-Muster, präsentiert von Model Cara Delevingne. (Bilder: EPA, Getty, AP)
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Schauspielerin Penelope Cruz als Chanel-"Schneeflocke" im Grand Palais in Paris.
Betonte Taille und schwingende Jupes zeigt Dior.
Noch eine Schneeflocke: Rechteck umgeben von Tüll, Minikleid von Nina Ricci.
Langbeinig, schmal, pariserisch - aus der Kollektion von Hedi Slimane für Celine.
Knallfarbig, weit, lang - Kleid von Lacoste.
Ein konisch geschnittener Mini von Balmain.
Wuchtig und bunt wird der Herbst 2019/2020 bei Louis Vuitton.

Karl Lagerfelds letzte Chanel-Kollektion:  XL-Mantel in riesigem Hahnentritt-Muster, präsentiert von Model Cara Delevingne. (Bilder: EPA, Getty, AP)

Noch einmal konnten die geladenen Gäste Karl Lagerfelds Modelle unter dem hohen Glasdach des Grand Palais bestaunen, in einer dieser grossartigen Inszenierungen, für die der Verstorbene das Flair hatte. Kunstschnee, Chalets und verschneite Berggipfel verwandelten diesmal den Grand Palais für seine letzte Kollektion «Chanel in the Snow» in eine märchenhafte Wintersport­station.

Schweigeminute und Tränen

Bevor es losging, hielten die Gäste bedrückt eine Schweigeminute. Dann erklang Karl Lagerfelds Stimme, die im typischen Zungenschlag erklärte, warum er vor 36 Jahren bei Chanel eingestiegen sei:

«Damals hauchte man Marken noch kein neues Leben ein. Für mich hatte Coco eine faszinierende Persönlichkeit.»

Ja, der Deutsche war so faszinierend wie Gabrielle Chanel alias Coco, die das Modehaus vor rund 100 Jahren eröffnet hatte. Dass er auch menschlich eine grosse Lücke reisst, bewiesen die Tränen seiner langjährigen Models, obwohl man ihnen hinter den Kulissen befohlen hatte, ihre emotionale Trauer in positive Energie umzuwandeln.

Das ist ganz im Sinne Lagerfelds. Der grosse Abwesende hat mit seinen XL-Mänteln in riesigem Hahnentrittmuster und extrem weiten, bodenlangen, bequemen Tweedhosen einmal mehr den Zeitgeist der übertriebenen Propor­tionen getroffen. Mit David Bowies ­«Heroes» endete die Präsentation. Gähnend leer blieb der Ausgang des Backstagebereichs während einiger Sekunden. Dort ist der Modeschöpfer jeweils in seinem steifen Gang erschienen. Diesmal grüsste seine Mitarbeiterin und Nachfolgerin Virginie Viard schliesslich nur kurz, bevor sie in Tränen ausbrach.

Cocos Sinn lebt weiter, nicht nur bei Chanel

Obwohl Karl Lagerfelds Ära nun abgeschlossen ist, lebt seine prägnante schwarz-weisse Silhouette und Cocos Sinn für den Tragkomfort weiter. Nicht nur bei Chanel. Viele fluide schwarz-weisse Modelle weisen in Balmains Kollektion auf genau diesen Stil hin, und Hedi Slimane zeigte für Celine mit Goldlitzen eingerahmte Tweedjacken, wie Coco sie einst getragen hatte. Überhaupt ist dem 50-jährigen Designer eine seiner besten Kollektionen gelungen. Diesmal entwarf der sonst so rockige Modemacher eine echt pariserische Kollektion mit langbeinigen Silhouetten dank engen Hosen und hohen Stiefeln, Hosenjupes und den legendären, wadenlangen, kleinkarierten Röcken,wie sie alle Frauen in den Seventies getragen hatten.

Auch Demna Gvasalia hat die vermeintliche Nonchalance der Parisienne inspiriert. Nach seiner Show bei Balenciaga, wo er hochgestellte Revers und dicke Jacken völlig disproportioniert hat, meinte er:

«Das sind die Bewohnerinnen, die ich auf der Strasse sehe.»

Denn er sieht nicht nur die elegante Dame in den schicken Stadtvierteln, sondern auch die urbane Jugend in den Banlieues, wo sich sein Atelier befindet.

Klar sind auf den Laufstegen solche Visionen der hochkarätigen Modedesigner immer etwas zu zugespitzt. Und dennoch fliesst der Haupttenor oder ein kleines Detail in den Mainstream: irgendein Kleidungsstück des nächsten Herbst- und Winterlooks muss deshalb über­dimensional und wuchtig sein. Dieses Spiel mit den Volumen treibt Comme des Garçons mit regelrechten Kugelröcken, Hosenbeinen so dick wie Schinken oder breiten Lederschulterpatten und riesigen Ohrlappen zu weit. Alles in Schwarz. Das ergibt kuriose Kreaturen zwischen Punk, Dschihad und Sexyness in Netzstrümpfen.

Königsblau, Knallrot und Lila führen aus der Dunkelheit

Nina Riccis neue Designer Rushemy Botter (33) und Lisi Herrebrugh (29) spielen ebenso mit den Volumen, möbeln das altbekannte Label aber mit einem schlichten Minimalismus auf. Die Minikleider der beiden Holländer, die auch privat ein Paar sind, bestehen nur aus einem Rechteck, das durch einen Tüllrausch verbreitert wird. Auch Lanvin, dem ältesten französischen Modehaus, muss der neueingestellte Chefdesigner Bruno Sialelli neues Leben einhauchen. Denn seit dem Ausstieg von Lanvins ehemaligem Stardesigner Alber Elbaz 2015 ist es keinem seiner Nachfolger gelungen, an dessen Erfolg anzuknüpfen. Sialelli liefert nun eine bequeme Tagesgarderobe in sehr fluiden, langen Silhouetten wie sie Jeanne Lanvin in den 1910er-Jahren verwirklicht hat. Denn es geht nicht nur um Opulenz, sondern um proportionale Kontraste:

Bei Lanvin werden die goldenen Maschenkleider und Pullis hauteng getragen; Christian Dior betont die Taille der schwingenden Röcke.

Hell- und Königsblau, Knallrot und Lila ergänzen die mehrheitlich sehr dunkel gehaltenen Kollektionen. Schwarz sowie erdige oder bläulich-grüne Wassertöne widerspiegeln unseren unheimlichen Zeitgeist. Doch dass man den Weg aus der verbalen Gewalt und den politischen Machtspielen finden muss, beweisen die Modedesigner mit ein paar ganz bunten Modellen. Vor allem Nicolas Guesquière führt bei Louis Vuitton aus der Dunkelheit ins Licht mit starken Farben und Mustern eines Piet Mondrians. Bei Saint Laurent leuchten die Kugelpelzmäntel und Stilettos in Neonfarben. Und Balenciagas Frau wirkt im hautengen Pinkpulli wie eine virtuelle Skulptur.