Ein traumhaftes Stück Aargau

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Schattengasse, Sonnengasse – und dazwischen eine Kirche: idyllisches Klingnau. (Bild: Beda Hanimann)

Schattengasse, Sonnengasse – und dazwischen eine Kirche: idyllisches Klingnau. (Bild: Beda Hanimann)

Wer irgendwo westlich von Winterthur in der Deutschschweiz ein Papierschiffchen in einen Bach setzt, der kann annehmen, dass es irgendwann Klingnau passiert, zumindest theoretisch. Klingnau liegt fast zuunterst am Aarelauf, zwischen der Vereinigung von Aare, Reuss und Limmat und der Mündung in den Rhein. Alles Flüssige drängt hierher, die Anreise von Süden her ist also naturgegeben. Ab der Bahnlinie Baden–Brugg sind es nur noch ein paar Kilometer.

Von Osten her aber gibt es eine reizvolle Alternative. Sie führt von Winterthur quer durchs Zürcher Unterland via Bülach nach Eglisau und dem Rhein entlang weiter nach Bad Zurzach. In Koblenz steige ich aus, da steht schon die S27 bereit, die mich in drei Minuten Fahrt aare-aufwärts nach Klingnau bringt.

Zwei Häuserreihen und ein Platz

Dort erwartet mich dieses kuriose Städtchen, ich habe es ja auf Google Earth gesehen, und das war›s, was mich gelockt hat: Die Stadt besteht aus zwei Häuserzeilen, die beim Schloss auseinanderstreben und nach einigen hundert Metern wieder zusammenfinden. So entstand ein ellipsenförmiger Platz, in dessen Mitte als einziges Gebäude die Stadtkirche steht, flankiert von einigen Baumreihen. Ein Brunnen plätschert, um halb fünf am Sonntagnachmittag verlassen die letzten Gäste des «Picone» mit Blumen und Geschenken das Familienfest drinnen im Säli.

Was für eine beschauliche Szenerie! Klingnau wurde zwar 1239 als Stadt angelegt auf einer kleinen Erhebung zwischen Aare und Hügelzug. Aber so richtig auf Touren kam es in seiner Entwicklung nicht, zu nahe waren die Städte Baden und Brugg und der international bedeutende Marktort Zurzach. Also blieb es im Wesentlichen bei den zwei Häuserzeilen, deren Ausrichtung die Strassennamen vorgab: Auf der einen Seite ist die Sonnengasse, auf der andern die Schattengasse.

Ein Stausee im Unterland

Ich spaziere in der Abendsonne die Sonnengasse herunter und die schattige Schattengasse wieder hoch. Ein paar Mal hin und zurück, das Plätzchen unter den Bäumen ist eine wunderbare Kleinstadtidylle mit südlichem Flair. Dann gehts hinaus, vorbei an der Propstei, einem mächtigen Bau aus der Mitte des 18. Jahrhunderts. Ein Stündchen spaziere ich auf dem Damm des 1935 angelegten Stausees, über den Baumkronen eines Waldes kann ich gerade noch knapp den Kühlturm des KKW Leibstadt erkennen. Immer wieder aber geht mein Blick westwärts zu den Hügeln ennet dem See: Da will ich anderntags hin, in diese Terra incognita zwischen Aare, Rhein und A3.

Unbekanntes Wanderparadies

«Hier findet man noch ein Stück ursprünglichen Aargau, etwas verschlafen, aber ungemein sympathisch. Ein Gebiet ohne künstliche Heimatabende für Touristen, ohne Hochseilgärten und ohne fragwürdige Anbiederung. Alles ist echt.» So hat es Martin Jenni in seinem Buch über authentische Beizen beschrieben.

Und so finde ich es vor, genau so. Stundenlang spaziere ich über Felder, durch Wälder und Rebberge. Wenn es vom Appenzellerland heisst, die Streusiedlungen seien entstanden, weil einem Riesen die Häuser aus dem kaputten Rucksack gepurzelt seien, dann ist das hier, als seien riesige grüne Leintücher geschüttelt worden, sodass sich an der tiefsten Stelle die Häuser zu Dörfern angesammelt hätten. Nach sechs Stunden erreiche ich über Mandach, Hottwil, Wil und Mettau den Rhein und das Städtchen Laufenburg. Grossartig. Unvergesslich.

Kurz und bündig

Die Route: Winterthur–Koblenz–Klingnau

Der Hoteltipp:Hotel Picone, Sonnengasse 18, 5313 Klingnau,
Tel. 056 245 15 10
www.hotel-picone.ch

Der Kulturtipp:Stadtkirche mit Fenstern und Relief des Rheintaler Künstlers Ferdinand Gehr

Der Wandertipp: Flösserweg von Mandach nach Laufenburg mit «Bären» in Hottwil für die Mittagsrast (Montag geöffnet!) www.floesserweg.ch; www.baeren-hottwil.ch

Bild: Karte oas

Bild: Karte oas

Text und Bild Beda Hanimann