Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Ein verstecktes Zuchtverbot

In der Ernährungs-Initiative steckt auch ein Technologieverbot. Nicht mehr erlaubt wäre die weltweit angewandte Gen-Schere. Im Vergleich mit anderen Zuchtverfahren ist diese schneller und zielgerichteter.
Bruno Knellwolf
Tomaten wurden so lange gekreuzt, bis sie zwar gross, aber beinahe geschmacklos waren. (Bild: Getty)

Tomaten wurden so lange gekreuzt, bis sie zwar gross, aber beinahe geschmacklos waren. (Bild: Getty)

Eine Annahme der Ernährungs-Initiative am 23. September würde die Schweizer Landwirtschaft durchschütteln. Im gleichen Aufwisch würde gleich auch noch ein Verbot moderner Züchtungsmethoden für die Landwirtschaft durchgesetzt. Molekulare Methoden wie die Gen-Schere Crispr-Cas könnten in der Schweiz nicht mehr genutzt werden.

Deswegen schüttelt Wilhelm Gruissem, Professor für Pflanzenbiotechnologie an der ETH Zürich in seinem ETH-Büro den Kopf. In seinem Labor werden Nährstoffe und Virusresistenz bei Reis und Maniok verbessert. Denn dank den neusten molekularen Methoden wie der Gen-Schere könnten heute Sorten punktgenau gezüchtet werden, die gegen Schädlinge und Trockenheit resistenter sind. Das bedeutet, dass zum einen in der Landwirtschaft weniger Pestizide eingesetzt werden müssten und zum anderen, dass es Pflanzen gibt, die Klimawandel und vermehrter Dürre trotzen und zur Welternährung beitragen.

Zucht beginnt mit der Sesshaftigkeit

Da drängt sich ein Vergleich der verschiedenen Züchtungsmethoden auf, denn Menschen züchten schon lange Pflanzen. Angefangen habe das eigentlich schon vor 12000 bis 15000 Jahren, erklärt Gruissem. Damals ist der Mensch sesshaft geworden und hat mit Landwirtschaft begonnen. «Die Menschen bemerkten, dass man die Samen der Wildsorten essen kann. Deshalb begann man, aus Wildpflanzen durch Selektion Kulturpflanzen zu entwickeln.» Entscheidend für die Landwirtschaft war dabei der Weizen, ein Ährengras, das zu den ältesten Kulturpflanzen der Menschheit gehört und wie die Gerste wesentlich zur Entwicklung der nun Sesshaften beitrug.

Die Wildweizensorten verlieren natürlicherweise ihre Samen. Für die Ernährung interessant waren aber jene Pflanzen, die ihre Samen auf der Ähre behalten und somit geerntet werden konnten. Dass der Weizen plötzlich seine Samen auf der Ähre belassen hat, ist durch eine Mutation im Erbgut möglich geworden. Diese mutierten Pflanzen hat der Steinzeit-Bauer beim Gang durchs Feld schliesslich ausgewählt und weiter angebaut. Ein mutiertes Gen, das man heute bestens kennt, hat somit «zu einem Riesendurchbruch in der Landwirtschaft geführt», sagt Gruissem.

Von Mutationen in der DNA, aus denen neue Sorten entstehen, haben unsere Vorfahren während Jahrtausenden zwar noch nichts gewusst. Trotzdem hat man durch gezielte Auswahl solcher mutierter Pflanzen, Ertrag und Grösse der Kultursorten verbessert. Durch Kreuzung und menschliche Selektion wurden aus Wildpflanzen über die letzten 11000 Jahre Nahrungspflanzen wie wir sie heute kennen.

So richtig los mit einer gezielteren Pflanzenzucht ging es aber erst ab den 1960er Jahren. Die Forschung erkannte, dass man mit Chemikalien und Radioaktivität Mutationen im Erbgut einer Pflanze auslösen kann. Mit diesen Mutagenese-Methoden wurden neue Kultur-Sorten gezüchtet. «Weltweit sind rund 4000 Sorten aus solchen Züchtungsprogrammen entstanden», sagt Gruissem.

Anfangs unbekannte Mutagenesen

Doch solche Verfahren mit Chemikalien und Radioaktivität seien nicht zielgerichtet. Sie lösten Brüche in DNA und Chromosomen aus, welche die Mutationen auslösten, ohne dass man genau wisse, was im Erbgut entstehe. «Die Züchter hatten von Beginn an keine Idee davon, was das für Mutationen waren», sagt Gruissem. Bei Zuchtverfahren mit Chemikalien und Radioaktivität sei es grundsätzlich schwierig vorauszusagen, was bei dieser Mutagenese am Schluss erzeugt werde.

Züchtung fokussiert sich auf hohen Ertrag

«Generell haben diese Methoden aber gut funktioniert. Es haben sich aus der Zucht viele gute Sorten entwickelt.» Doch der ETH-Professor nennt auch die Nachteile dieser Zuchtverfahren. Die Züchtung fokussiert sich primär auf hohen Ertrag. Deshalb gingen in den letzten Jahrzehnten viele andere Pflanzeneigenschaften verloren, die heute wichtig wären, denen aber keine Beachtung geschenkt worden ist. «Man kennt das von der Tomate. Die Züchter haben auf Ertrag gezüchtet. Je grösser, desto besser. Dabei ging aber der Geschmack verloren», sagt Gruissem. Verloren gingen auch Resistenzen im Erbgut gegen Krankheitserreger. Die Vielfalt an Eigenschaften und Sorten ging verlustig. Bevor zum Beispiel in Indien die modernen ertragreichen Reissorten auf den Markt kamen, gab es 100000 verschiedene Sorten. Innerhalb von zwanzig Jahren waren über 90 Prozent dieser Sorten vom Markt verschwunden.

Oft sind es nun Wildpflanzen, die sich gegen Krankheitserreger zur Wehr setzen und auch Wetterextreme aushalten, jedoch keinen grossen Ertrag liefern. Deshalb müssen Züchter mit Molekularbiologen und Genetikern zusammenarbeiten, um interessante Gene zu finden, die in ertragreichen Leistungssorten verändert werden könnten.

Punktgenau die DNA verändert

Möglich wird das zum Beispiel mit der Gen-Schere Crispr-Cas, die nach den Initianten verboten werden soll. Diese schneidet DNA mithilfe einer Sonde gezielt und löst so Mutationen aus. Als Resultat macht die Gen-Schere eigentlich nichts anderes als die herkömmlichen Mutationsverfahren. Aber die Gen-Schere wirkt punktgenau, ohne Mutationen im Rest des Genoms auszulösen. Mit Chemikalien oder Radioaktivität wird dagegen das ganze Genom in Mitleidenschaft gezogen.

Dank der Gen-Schere konnte beispielsweise eine Weizensorte entwickelt werden, die resistent gegen Mehltau ist. Oder in China eine genetisch veränderte Weizensorte, die weniger Stickstoffdünger im Boden benötigt, was das Trinkwasser schont.

Wenig verwunderlich versteht der Biotechnologie-Professor Gruissem nicht, warum die Ernährungsinitiative diese moderne Methode verbieten will. Mit dieser werde am Schluss das gleiche erreicht wie mit Chemikalien oder Radioaktivität, aber dank der Gen-Schere viel kontrollierter. Aus wissenschaftlicher Sicht habe die Gen-Schere keine Nachteile. «Neue Methoden werden weltweit angewandt, wird das in der Schweiz verboten, leidet der Forschungsplatz.» Viele Menschen ängstigen sich aus Prinzip vor neuen, für den Laien schwer durchschaubaren Technologien, auch wenn sie später davon profitieren. Gentech-Gegner befürchten, diese Pflanzen seien, einmal in der Umwelt, nicht mehr kontrollierbar. «Das ist aber, wenn überhaupt, keine Frage der Art des Zuchtverfahrens. Entscheidend ist, wie Unternehmer und Bauern mit den neuen Sorten umgehen», sagt der Pflanzen-Biotechnologe.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.