Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Eine Reise an die Ostsee, an einen wundersamen Flecken Erde

Die Kurische Nehrung in Litauen gehört zu den eindrucksvollsten und sonderbarsten Landschaften Europas. Eingebettet in eine schmale Landzunge zwischen Haff und Ostsee, beheimatet die Halbinsel riesige Sanddünen und dichte Wälder, in denen sogar Elche leben.
Text und Bilder: Thomas Bassen
Sommertraum an der Ostsee: Die Kurische Nehrung gilt als Perle unter den Ostseestränden des Baltikums.
Auf dem Hexenberg: Die typischen Holzwimpel schmückten einst die Mastspitze der Segelkähne auf dem Haff.
Auf grosse Hotelanlagen wird auf der «Neringa» verzichtet, um das sensible Ökosystem nicht zu gefährden.
Düne bei Nida: Die Wanderdünen haben im Laufe der Jahrhunderte schon manches Dorf unter sich begraben.
4 Bilder

Traum an der Ostsee

Mitten im dichten Grün bückt sich Jolanda nach einer Plastikverpackung. Ihre beiden Hunde Audra und Mėta wollen spielen, versuchen, ihr das Plastik aus der Hand zu stehlen. Mit einem Lachen scheucht Jolanda sie weg: «Wie gut wir es hier haben, zeigt sich auch daran, dass ein Stück Plastikabfall im Wald für die Hunde etwas Aufregendes und nicht Alltägliches ist.» Hier, das ist die Kurische Nehrung, eine knapp 100 Kilometer lange Halbinsel, die seit 1945 jeweils zur Hälfte zu Litauen und zum russischen Oblast Kaliningrad gehört und das Kurische Haff von der Ostsee trennt. Obwohl nicht mehr als ein schmaler Landstreifen, umgeben von Wasser – in einer halben Stunde ist der Weg vom Haff zum Meer beschritten –, ist die Kurische Nehrung seit jeher ein Ort, der bewegt. Das verdankt sie vor allem ihrer rauen Natur, die Besucher wie Einheimische gleichermassen fasziniert. Es ist eine unvergleichliche Sandlandschaft, die ständig vom Wind neu geformt wird.

«Nirgends in Europa war ich je so weit fort von Europa», fasste Klaus Mann 1931 seine Eindrücke zusammen, die zwei Sommer auf der Kurischen Nehrung bei ihm hinterlassen hatten. Auch seinen Vater, Literaturnobelpreisträger Thomas Mann, veranlasste die seltsame und einzigartige Landschaft zu regelrechten Begeisterungsstürmen. Die Manns kamen 1929 zum ersten Mal auf die Kurische Nehrung und waren von dem wundersamen Flecken Erde so begeistert, dass sie sich ein hölzernes Sommerhäuschen in der Tradition der örtlichen Fischerhäuser hier bauen liessen. Die Aussicht, die Thomas Mann von seinem Mansarden-Arbeitszimmer hatte, nannte er liebevoll «meinen Italienblick».

Hartes Leben in der Bilderbuchidylle

Jolanda kann die Begeisterung für die Nehrung nur allzu gut verstehen: «Die Natur hier ist so schön und so abwechslungsreich, dass es unmöglich ist, sie nicht jeden Tag aufs Neue zu bestaunen.» Doch dass das Leben auf der Nehrung nicht nur Bilderbuchidylle ist, weiss niemand besser als Jolanda. Sie hat ihr ganzes Leben hier verbracht und betreibt eine kleine Pension samt Souvenir­geschäft im Zentrum von Nida, dem mit rund 3000 Einwohnern grössten Ort der Halbinsel. Das ist harte Saisonarbeit. Denn Touristen kommen fast nur im Sommer. «Während der Saison arbeiten ich und meine Familie rund um die Uhr, sieben Tage die Woche», sagt sie. «Erst im Spätherbst wird es dann wieder ruhiger, und ich habe Zeit, die Natur in aller Ruhe zu geniessen.»

Alle Bewohner der Nehrung kennen diesen zweigeteilten Jahresrhythmus, leben direkt oder indirekt vom Tourismus. Das birgt Unsicherheiten und Abhängigkeiten. Dennoch ist das Leben heute wesentlich einfacher als zu Zeiten ihrer Vorfahren. Diese lebten bis vor 80 Jahren noch hauptsächlich als Fischer. Das Leben war karg und geprägt von der Natur, die so gutmütig wie unbarmherzig sein konnte.

Dünen begruben mehrere Dörfer

Die Nehrung gehört seit jeher mehr der Natur als den Menschen. Sie sind hier lediglich ein Teil von ihr. Nur ein einziges Mal vergassen die Menschen dies. Sie rodeten den ursprünglichen Wald fast vollständig und verkauften das Holz an den Schiffsbau. In der Folge begannen die grossen Dünen zu wandern und begruben dabei mehrere Dörfer – einige von ihnen sogar wiederholt – unter ihren Sandmassen. Die Kiefern, die hier heute wieder dicht an dicht stehen, sind Einwanderer aus Dänemark. Sie wurden ab 1850 massiv angepflanzt, um die Wanderung der Dünen einzudämmen und das natürliche Gleichgewicht wiederherzustellen. Das Ergebnis ist eine bizarre und geradezu mystische Landschaft, die der Philosoph Jean Paul Sartre bei seinem Besuch der Kurischen Nehrung gar als «Eingang zum Paradies» bezeichnete. Ein Friedensangebot der Menschen an die Natur, das bis heute die fragile Grundlage für das Leben der Menschen auf der Nehrung bildet und beide vor grösseren Bausünden und Massentourismus bewahrt.

...damit einem nicht ein wunderschönes Bild in der Seele fehle

Plötzlich weckt ein Knistern im Eingangsbereich des Paradieses die Neugier der beiden Hunde. Drei Rehe kreuzen den Weg und verschwinden mit graziösen Sprüngen wieder zwischen den Bäumen. Später taucht ein Fuchs aus der Abenddämmerung auf, dreht kurz den Kopf und zieht weiter seines Weges. Nur ein Elch lässt sich heute nicht blicken. Etwa 60 von ihnen leben auf der Nehrung, dank ausgedehntem Naturschutz nimmt ihre Anzahl beständig zu. Obwohl die Tiere für gewöhnlich sehr scheu sind, bekommt man sie bei Waldspaziergängen mitunter zu Gesicht.

Aber selbst ohne Elch ist ein Besuch der Kurischen Nehrung ein Erlebnis, das einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Als «Sahara des Nordens» wird die Hohe Düne bei Nida gerne von Touristikern angepriesen, da man sich ob ihrer Weitläufigkeit an die grösste Wüste der Welt erinnert fühle. Doch der Vergleich hinkt. Das beständige Rauschen der allgegenwärtigen Ostsee ist zu präsent, die übergrünen Wälder zu nah, um einer anderen Landschaft nachzueifern. Als einer der ersten verstand der preussische Gelehrte Wilhelm von Humboldt, dass die Kurische Nehrung nicht verglichen, sondern bewundert werden will. Er beschrieb sie als «so merkwürdig, dass man sie gesehen haben muss, wenn einem nicht ein wunderschönes Bild in der Seele fehlen soll».

Jolanda nimmt die Plastikverpackung aus dem Wald, wirft sie in einen Papierkorb und deutet nach Westen. Dort taucht die Sonne gerade in die Ostsee und verwandelt den Himmel über der Nehrung in ein einziges Feuer aus Farben. Spätestens jetzt ist jeder Vergleich unmöglich.

Auf den Hexenberg und ins Memeldelta

Beste Reisezeit

Die Kurische Nehrung ist zwar ganzjährig ein einzigartiges Erlebnis, allerdings findet man im Winter beinahe keine touristische Infrastruktur vor, sodass die beste Reisezeit von Juni bis Anfang September ist. Die meisten Besucher verzeichnet die Kurische Nehrung im Juli und August.

Anreise  

Der nächstgelegene Flughafen ist auf dem litauischen Festland in Palanga. Dieser wird unter anderem von SAS und Air Baltic angeflogen. Einige der Unterkünfte können einen Flughafentransfer auf die Nehrung organisieren. Ansonsten kann man mit dem Bus vom Flughafen in Palanga zum Busbahnhof in Klaipėda fahren, sich ein Taxi nehmen oder einen Leihwagen mieten. Alternativ besteht eine Fährverbindung zwischen Kiel und Klaipėda, die besonders bei Reisenden mit eigenem PKW sehr beliebt ist.
Von Klaipėda fahren zwei Fähren auf die Nehrung (die Fahrt dauert keine 5 Minuten), von denen nur diejenige, die am neuen Fährterminal ablegt, auch Autos transportiert. Es gibt tägliche Busverbindungen zwischen Nida und Smiltynė, wo die Fähre nach Klaipėda anlegt.

Spezielles

Die Kurische Nehrung ist Naturschutzgebiet. Es wird eine Maut von Besuchern mit PKW erhoben.
Übernachtung  Nida ist das kulturelle und touristische Zentrum der Kurischen Nehrung und eignet sich gut als Ausgangspunkt, um die Halbinsel zu ent­decken. Es gibt eine Vielzahl an Übernachtungsmöglichkeiten, vom Drei-Sterne-Hotel bis zum Campingplatz. Am authentischsten ist die Übernachtung in einer der vielen Privatpensionen, z. B. in jener von Jolanda (http://nidosrojus.lt/en/; ab Fr. 70.–/Nacht).

Aktivitäten vor Ort  

Die Freizeitaktivitäten auf Neringa sind vielfältig. Besonders schön ist eine Velotour über die Nehrung nach Klaipėda. Alternativ gibt es auch eine Bootsverbindung zwischen Nida, den anderen Orten der Nehrung und Klaipėda. Unbedingt ins Programm gehören auch der Hexenberg in Juodkrantė und eine Bootsfahrt in das wunderschöne Memeldelta. Im Sommer finden eine Vielzahl kultureller Events auf der Kurischen Nehrung, speziell in Nida, statt.
Weitere Informationen für Touristen unter: visitneringa.com/willkommen

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.