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Eine Frau kämpft sich zurück: «Ich habe alle Umarmungen nachgeholt»

Kinderheim, Hirnschlag, Ausweisung aus ihrem Lieblingsland: In ihrem Buch arbeitet SRF-Korrespondentin Cristina Karrer ihre Vergangenheit auf. Und auch die Beziehung zu ihrer Mutter.
Interview: Diana Hagmann-Bula
Für einmal unbeschwert trotz schwieriger Vergangenheit, Krankheit und Elend ringsherum: Cristina Karrer (2. v. l.) mit ihrer Mutter, der afrikanischen Pflegerin Susy und deren Tochter in Johannesburg. (Bild: pd)

Für einmal unbeschwert trotz schwieriger Vergangenheit, Krankheit und Elend ringsherum: Cristina Karrer (2. v. l.) mit ihrer Mutter, der afrikanischen Pflegerin Susy und deren Tochter in Johannesburg. (Bild: pd)

Normalerweise berichtet Cris­tina Karrer als Korrespondentin fürs Schweizer Fernsehen über Kriege, Präsidentenrücktritte und andere politische Wirren aus Afrika. In ihrem Buch konzentriert sich die 57-Jährige für einmal auf das Private: ihr eigenes Leben voller Tiefschläge und Neuanfänge. Und mit einer Mutter, die nicht da war, wenn die Tochter sie gebraucht hätte. Stoff genug für drei Bücher würde dieses Leben hergeben.

Karrer wird von der neuen Frau an der Seite ihres Vaters mit der Pistole bedroht, sie wächst in einem Kinderheim in St. Gallen auf, erleidet einen Hirnschlag, der sie halbseitig lähmt. Sie kämpft sich zurück. Bis an den Bildschirm. Jahre später versöhnt sie sich mit ihrer Mutter und überzeugt sie, zu ihr nach Süd­afrika zu ziehen. Doch trübt eine Diagnose das Glück der beiden Frauen: Alzheimer frisst Karrer die Mutter weg, schleichend, Stück für Stück, grausam. Statt den Mann heiraten zu können, auf den sie sich nach vielen Liebesversuchen und Partnern endlich richtig einlassen kann, weisen Beamte sie aus dem Land aus. Heute lebt Karrer deshalb in Zürich, und damit weit weg von ihrer 81-jährigen Mutter.

Cristina Karrer, wie oft haben Sie Ihre Mutter umarmt, bevor das Leben Sie vor einem Jahr wieder trennte?

Ich habe meine Mutter täglich gedrückt. Wir können uns wegen Alzheimer nicht mehr richtig unterhalten. Der Körperkontakt ist da wie eine andere Sprache. Ich glaube, ich habe alle Umarmungen nachgeholt, die mir gefehlt haben.

Nach der Scheidung Ihrer Eltern baute sich Ihre Mutter ohne Sie eine neue Existenz auf. Sie wuchsen in einem Kinderheim auf. Zum Geburtstag bekamen Sie schöne Kleider statt eine Umarmung geschenkt. Wie denken Sie heute über jene Zeit?

Es gibt viele Gedächtnislücken. Wegen des Hirnschlags, aber auch, weil ich als Kind hin- und hergeschoben worden bin. Kürzlich kam die damalige Assistentin aus dem Kinderheim zu einer meiner Lesungen. Ich konnte mich überhaupt nicht an sie erinnern. Meine Mutter nahm ich damals wie eine Lichtgestalt wahr, die mal auftauchte und wieder verschwand. Dabei hätte ich gerne bei ihr gelebt.

Eine Mutter, die sich nicht um Sie kümmerte und keine Liebe zeigen konnte: Was hat das mit Ihnen verursacht?

Das hat mich selbstständig, aber auch verschlossen und misstrauisch gemacht. Wenn man spürt, dass man geliebt wird, gibt das einem eine innere Sicherheit. Die hat mir lange gefehlt. Ich musste relativ alt werden, um bei mir anzukommen.

Wann haben Sie sich zum ersten Mal geliebt gefühlt?

Nach meinem Hirnschlag mit 28 Jahren. Die Ärzte eröffneten mir, dass ich halbseitig gelähmt sein werde für den Rest des Lebens. Ich dachte: Jetzt verlassen mich alle. Dabei strömten viele Menschen zu mir ins Spital.

Im vergangenen Jahr waren Sie erneut froh um gute Freunde. Weil Sie vor langer Zeit in Südafrika beim Kauf eines Gramms Kokain aufgeflogen sind, haben Beamte Sie des Landes verwiesen statt Ihre Hochzeit zu bewilligen.

2018 hat mir gezeigt, wie viele echte Freunde ich habe, die da sind für mich. Wirklich da. Bei ihnen hier in der Schweiz kann ich mich fallen lassen. In Süd­afrika musste ich immer stark sein. Dort herrschte um mich her­um viel Elend, und ich musste für alle sorgen. Für meine Haushälterin, für ihre Tochter, für meinen Partner, für meine Mutter, die ich nach der Alzheimer-Diagnose zu mir geholt habe.

Sie arbeiten als Korrespondentin fürs Schweizer Fernsehen und berichten über die Krisenherde in Afrika. Hilft Ihnen Ihr Beruf, Ihr Leben zu ertragen?

Ja, mein Beruf relativiert vieles. Ich habe letztes Jahr für eine Reportage in Uganda das grösste Flüchtlingslager Afrikas besucht. Ich habe mich damals elend ­gefühlt, weil ich nicht nach Südafrika zurück durfte. Und traf dann auf Frauen, die vergewaltigt worden waren, oder deren Mann erschossen worden war. Schon kurz nach der Ankunft dachte ich: Was sind dagegen schon meine Probleme?

Und trotzdem wären viele andere Menschen zusammengebrochen, wenn sie Ähnliches durchgemacht hätten wie Sie.

Letztes Jahr habe ich viel geweint. Und gezweifelt. Auch am Leben grundsätzlich. Mein Kampfgeist gegen die südafrikanische Behöre ist versiegt, mein Geld ebenfalls. Und trotzdem bin ich in mir drin wieder optimistisch. Ich weiss einfach nicht, wie zusammenbrechen aussieht, und suche lieber nach neuen Wegen.

Wie sieht denn dieser neue Weg aus?

Ich bin nach Botswana gereist und habe dort Freundschaft mit einer Deutschen geschlossen, die eine Pferdefarm unterhält. Dieser Ort ist zu einer temporären Heimat für mich geworden. Dort kann ich meinen Mann treffen, der noch immer in Südafrika lebt. Wir überlegen uns gerade, ob wir in Botswana eine Jazzbar eröffnen wollen.

Sie beschreiben Südafrika als Ihre Heimat. Wollen Sie denn nicht dorthin zurückkehren?

Auch wenn die zuständige Behörde doch noch den Gerichtsentscheid anerkennt und mich wieder ins Land lässt: Ich bin nicht sicher, ob ich zurückkehren will. Zu sehr habe ich gelitten. Unterdessen hat sich Zorn dazugesellt.

Sie und Ihre Mutter hatten lange ein sehr distanziertes Verhältnis. Wären sie sich auch ohne Krankheit wieder näher gekommen?

Die Krankheit half uns stark. Sie bewirkte, dass das Herz meiner Mutter hinter all den Konventionen hervorkam. Ich habe sie plötzlich anders erlebt. Sehr gelöst. Sie so unbeschwert zu sehen war wunderbar.

Alzheimer hat aber auch eine grausame Seite.

Besonders der Anfang war schwierig. Der Betroffene realisiert, was er nicht mehr realisiert. Ich war immer die Böse. Meine Mutter hatte das Gefühl, ich wisse alles besser. Ich hätte sie auf den Mond schiessen können. Gleichzeitig tat es mir leid, sie verwahrlosen zu sehen.

Mütter und Töchter, die nicht zueinanderfinden, sind ein Tabu. Wollten Sie mit Ihrem Buch auch darauf aufmerksam machen?

Die Mutter ist halt immer noch die heilige Person. Mein Onkel war nicht begeistert, dass ich dieses Buch über seine Schwester schreibe. In der Schweiz behält man Familiengeschichten lieber für sich. Ich finde nicht, dass das Privatsache ist. Man muss die Geschichte aber mit Respekt erzählen. Das tue ich als Journalistin täglich. Ich wollte meine Mutter nicht kritisieren, ich wollte Frieden mit ihr schliessen. Und ich wollte etwas herausfinden.

Was denn?

Dass ich mich gar nicht fest unterscheide von meiner Mutter. Vielleicht bin ich etwas politischer als sie, etwas besser ausgebildet. Das ist aber einfach Glück oder ein Zeitumstand. Wir sind beide begeisterungsfähig, halten aber nur mittelmässig durch. Wir sind beide auf eine Art direkt, die irritieren kann. Wir können beide nicht sparen. Auch diese Gemeinsamkeiten haben uns versöhnt.

Cristina Karrer: Meine Mutter, ihre Liebhaber und mein einsames Herz. Orell Füssli. 224 S., Fr. 27.-

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