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Eine Nacht gefangen gehalten

In ein Hotel kann ja jeder. Wer den touristischen Nervenkitzel sucht, der übernachtet diesen Sommer in einem alten Gefängnis oder Zollhäuschen.
Katja Fischer De Santi
Das Pop-up Hotel der Stadt Baden in der ehemaligen Gefängnis Zelle im Stadtturm - mit Kaffeemaschine, aber ohne Dusche. (Bild: PD)

Das Pop-up Hotel der Stadt Baden in der ehemaligen Gefängnis Zelle im Stadtturm - mit Kaffeemaschine, aber ohne Dusche. (Bild: PD)

Die zahlreichen Kritzeleien an den Wänden und der klebrige Boden im winzigen WC bezeugen, dass im alten Stadtturm zu Baden schon viele genächtigt haben – unfreiwillig und unter widrigsten Bedingungen. Der über 500 Jahre alte Turm war von 1846 bis 1984 ein Gefängnis. Mit rudimentären Sanitäranlagen, ohne Heizung, sehr dicken Wänden und sehr wenig Tageslicht. Üble Haftbedingungen, deretwegen Baden in den 1980er-Jahren in die Schlagzeilen geriet. Der Slogan: «schlafen, wo noch niemand geschlafen hat», mit dem Schweiz Tourismus seine aktuelle Pop-up-Hotel-Aktion bewirbt, stimmt im Fall des alten Stadt- und Gefängnisturm in Baden also nicht ganz. Zumal der Turm aussen mittlerweile hübsch saniert wurde, im Inneren jedoch noch immer mittelalterliche Zustände herrschen.

Duftstäbchen gegen den Modergeschmack

Allein das teure Boxspringbett, der flauschige Teppich am Boden und die kleine Kaffeemaschine hindern uns daran, unsere zum Hotelzimmer hergerichtete Zelle sofort wieder zu verlassen. Zumal die Duftstäbchen nur wenig gegen den penetranten Modergeschmack ausrichten können. Die freundliche Dame von Baden Tourismus drückt uns einen Schlüssel in die Hand, erklärt, dass das Turmdach nicht ganz dicht sei, «vor einer Woche hat es ziemlich reingeregnet» und lässt uns alleine. Für Notfälle sei die Rezeption des Hotels Trafo erreichbar. Kleiner Schönheitsfehler: besagtes Hotel steht am anderen Ende der Stadt.

Wir wollten das besondere Erlebnis, jetzt haben wir es. Als wir mit dem ­bereitgestellten Weisswein darauf anstossen möchten, finden wir keinen ­Korkenzieher. Kurz überlegen wir, den Flaschenhals an der Zellentür aufzu­schlagen, besinnen uns dann aber, da der Turm unter Denkmalschutz steht. Also nichts wie raus aus der Zelle, hinein in die idyllische Badener Altstadt. Die Limmat ist nicht weit, das warme Thermalwasser soll uns die Dusche ersetzen. Dass die Nacht noch einige Unruhen für uns bereithalten wird, ahnen wir noch nicht. Was wir ganz sicher wissen, dass wir von den elf speziellen Übernachtungsmöglichkeiten, welche Schweiz Tourismus mit den lokalen Tourismusbüros diesen Sommer anbietet, die wohl rudimentärste gewählt haben. Wir hätten auch nach Luzern fahren können, um dort im privaten Bootshaus des Seehotel Kastanienbaum zu nächtigen. Per Schiff hätte man uns zu unserem Gemach befördert, der Kapitän hätte persönlich einen Apéro serviert. Am Morgen wäre uns das Frühstück direkt am Wasser auf der privaten Terrasse serviert worden. Wie romantisch. Eine Nacht im Bootshaus in Luzern kostet allerdings auch 750 Franken. Doch auch dieses ist sehr beliebt. Da ist der Turm in Baden mit 149 Franken ein Schnäppchen. Mal abgesehen davon, dass es in der Nacht ziemlich kalt werden kann und Kuscheln dann nicht die schlechteste Idee wäre, geht aber auch jegliche Romantik flöten.

Bootshaus in Luzern: Privatsphäre und Romantik am Vierwaldstättersee. (Bild: PD)

Bootshaus in Luzern: Privatsphäre und Romantik am Vierwaldstättersee. (Bild: PD)

Baden hingegen ist einen Besuch wert. Ein Wochenende lässt sich in diesem Städtchen aufs Beste verbringen. Abseits der kurzen Hauptpromenade finden sich in kleinen Gässchen nette Cafés (Frau Meise, Scandinavian Deli, beide Untere Halde, oder die UnvermeidBar an der Rathausgasse). An der Limmat wird flaniert, Glace geschleckt oder die Füsse in der Thermalbank in heisses Quellwasser gehalten. Mit dem Kindermuseum oder dem Elektromuseum, das die Geschichte der Schweizer Wasserkraftwerke nachzeichnet, kann auch die Jungmannschaft bei Laune gehalten werden. Und irgendwann in ferner Zeit wird aus der riesigen Baustelle im Norden der Stadt auch Mario Bottas visionäre neue Bäderlandschaft entstehen. Bis es soweit ist, setzt man sich in eine aus Holz gezimmerte mobile Wanne, um die heilende Wirkung des mineralreichsten Wassers der Schweiz zu spüren. Ist nicht besonders mondän, aber passt zu unserer kargen Übernachtungslokalität und kostet nichts.

Baden feiert, und an Schlaf ist nicht zu denken

Gestärkt mit italienischem Essen und ermutigt durch feine Drinks von der Flussbar, steigen wir nach Mitternacht in unsere Zelle. Es ist eine herrliche Nacht, der Mond scheint hell, und unter dem Turm geht die Post ab. Halb Baden scheint genau hier trinkend und johlend zu feiern – bis in die Morgenstunden. An Schlaf ist vorerst nicht zu denken. Irgendwann wird es ruhiger und wir schlafen auf der in Plastik gepackten Matratze (das Dach ist undicht) ein. Ein Vorteil hat die Zelle aber doch. Das kleine Kerkerfenster wirft kaum Tageslicht in die Zelle und wir dösen bis um zehn Uhr morgens. Dann heisst es Zähneputzen und quer durchs Städtchen zum Frühstücksbuffet im Hotel Trafo hetzen. Dass man uns dort etwas mitleidig begrüsst, stört uns nicht. Wir haben gerade eine Nacht im Gefängnis hinter uns. Das Gartenzimmer in Lausanne wäre die exquisitere, das Zimmer in der Zürcher Milchbar die bequemere Wahl gewesen, aber der Gefängnisturm gibt die bessere ­Geschichte her.

Urban und abenteuerlich

Faulenzen im Fischerhäuschen, fläzen im alten Ballraum: Mit elf Pop-up-Hotels, in denen nur von Juni bis August Zimmer reserviert werden können, will die Organisation vor allem inländische Touristen in Schweizer Städte locken. Die Zimmer kosten zwischen 150 und 750 Franken pro Nacht für zwei Personen und werden von einem Hotel in der Nähe betreut.

Baden: Stadtturm, Zimmer in einer ehemaligen Gefängniszelle.
Basel: Fischergalgen, privates Fischerhäuschen über dem Rhein (bereits alle Nächte ausgebucht).
Bellinzona: Turmzimmer im Unesco-Weltkulturerbes Torre Nera, Castelgrande.
Bern: Zimmer im alten Zollhäuschen auf der Nydeggbrücke mit Sicht auf die Aare.
Lausanne: Zimmer in einem Glastunnel im Hotelgarten des Beau-Rivage Palace.
Luzern: Geheimes Bootshaus des Seehotel Kastanienbaum.
Schaffhausen: Schwimmendes Hotel auf dem Kursschiff MS Konstanz.
Solothurn: historisches Ambiente im «Krummturm».
St. Gallen: Turmzimmer mit Blick über die Stadt des Hotel Einstein Congress.
Vevey: Übernachten im alten Ballraum, der heute eine Boutique beherbergt.
Zürich: Milchbar, Zimmer im kleinsten Hotel der Stadt, designt von Max Zuber.
Buchbar unter: www.myswitzerland.com/popup

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